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Beobachten, analysieren, realisieren
Ein Gespräch mit Maciej Kurak, dem Gewinner des Preises für junge polnische Kunst



Maciej Kurak, Preis für junge polnische Kunst 2005


"Parergon", also Zierrat oder Beiwerk, lautet der Titel von Maciej Kuraks interaktiver Rauminstallation, die er für die Ausstellung „Views 2005” in der Warschauer Zacheta Galerie installiert hatte. Durch einen alten Bilderrahmen konnten die Besucher der Schau – sie präsentierte Arbeiten der Künstler, die für den Preis für junge polnische Kunst nominiert waren – eine auf den ersten Blick ganz durchschnittliche Neubauwohnung betreten. Allerdings hat der 33-jährige Künstler aus Posnan die Einrichtung teilweise zersägt. Überraschende Eingriffe in bestehende Räume kennzeichnen Kuraks Arbeiten, mit denen er auch die Jury des Preises überzeugte. Ariane Grigoteit , Direktorin der Deutsche Bank Art , hat sich mit dem Gewinner der mit 10.000 Euro dotierten Auszeichnung unterhalten.



Ariane Grigoteit und Maciej Kurak,
Zacheta Galerie, November 2005

Ariane Grigoteit: Sind sie glücklich über die Entscheidung der Jury?

Maciej Kurak: Natürlich, schon allein die Nominierung war eine schöne Überraschung für mich.

Mit welcher Arbeit begann Ihre Auseinandersetzung mit Raum und Architektur?

Meine erste Raumarbeit war Praktiker, die am 29. Februar 2000 in zwei Räumer der Inner Space Galerie gezeigt wurde. Im ersten Raum war eine Schachtel Lipton Tee neben einem auf dieses Maß verkleinerten Tisch mit Stühlen zu sehen. Im zweiten Raum war eine Version dieser Schachtel zu sehen, die auf den Maßstab der Möbel vergrößert worden war. Diese Arbeit verband gewissermaßen meine frühere Beschäftigung mit Grafik mit einer Auseinandersetzung mit Fragen des Raums. Ich habe an der Akademie der Künste in Poznan meinen Abschluss in Grafik gemacht. Deshalb sind mir Themen wie Kopie, Maßstab, Auflage sehr vertraut. Die große Version der Teeschachtel habe ich selbst mit Hilfe von Siebdrucktechnik realisiert. Nach diesem Projekt wurde mir sehr bewusst, wie wichtig es bei der Realisierung einer Arbeit ist, das richtige Medium für das, was man ausdrücken möchte, zu finden und nicht umgekehrt vorzugehen.



Maciej Kurak, Praktiker, 2000

Deshalb habe ich danach nur noch im weitesten Sinne des Wortes Raumarbeiten gemacht. Manchmal könnte man sie auch als Performances oder Aktionskunst bezeichnen, wie etwa das Projekt für die Kunstmesse Passe-partout , an dem auch ein Pantomime beteiligt war. Bei Pojedynek (Duell) blockierte eine Gruppe älterer Damen den Eingang zu einer Galerie. Zweifellos ist mir im Wechselspiel zwischen Künstler, Werk und Betrachter, das letzte Glied in der Kette am wichtigsten, also derjenige, der das Werk interpretiert. Deshalb sorge ich dafür, dass jede meiner Arbeiten auf verschiedene Weisen interpretiert werden kann.

Obwohl Ihre künstlerischen Interventionen sehr subtil sind, bewirken sie doch bedeutsame Veränderungen an den Objekten, mit denen Sie sich auseinander setzen. Nichts bleibt wie es vorher war. Bemerken die Betrachter diese Veränderungen sofort?

Meine Arbeiten beziehen sich auf Baudrillards Begriff der Simulacra, der Trugbilder. Diese Aktionen sind keine genauen Kopien der Realität, sondern abgewandelte Nachbildungen. Sie sind genau auf ihre Umgebung zugeschnitten, sodass es manchmal kaum auffällt, welches Element ich dabei hinzugefügt habe. So ermögliche ich es dem Betrachter, sich aktiv zu beteiligen und die Realität, die ich ihm anbiete, zu erforschen. Der Betrachter ist das zentrale Element meiner Arbeit. Bei der Realisierung meiner Werke ist dieser Punkt ganz entscheidend. Denn letztendlich möchte sich jeder wie ein Schöpfer oder Entdecker fühlen, das zeigt ja auch die enorme Zahl von Künstlern die es zur Zeit gibt. Ich versuche immer, nur einen kleinen Teilbereich der Wirklichkeit umzuformen, so dass es den Anschein hat, als ob sich dabei fast nichts verändert. Auf der anderen Seite berühren diese Veränderungen aber doch die aktuellen Probleme der Welt, in der wir leben, Deshalb finden sich meine Arbeiten oft außerhalb von Galerien im städtischen Raum und werden von mir auch nicht signiert.


Maciej Kurak, Parergon, 2005, Foto (c) Sebastian Madejski


Indem Sie Architektur und Raum neue Formen geben, verändern Sie auch deren Bedeutung. Wie wichtig ist diese Strategie für die Kunstproduktion im heutigen Polen?

Natürlich ist sie ist für die künstlerische Arbeit von großer Bedeutung. Es scheint mir, als ob sich viele Künstler, nicht nur in Polen, mit dem Thema der Veränderung von Architektur und Raum auseinandersetzten. Denn heute betreffen viele Veränderungen gerade die Organisation des öffentlichen Raums. Es wird häufig vergessen, wie dieser Prozess nicht nur jeden Einzelnen beeinflusst, sondern auch auf die Wahrnehmung der Realität, die uns umgibt. Im November 2000 realisierte ich das Projekt Przestrzen (Raum). In der Städtischen Galerie in der Garbary Straße 48 richtete ich einen kleinen Kaufladen ein, der an die Geschäfte der achtziger Jahre, also der kommunistischen Ära, erinnerte. Entscheidend für diese Arbeit war die kurze Zeit, in der sie realisiert wurde und zu sehen war. Die verschiedenen Eingriffe in den Raum an diesem spezifischen Ort sollten die Betrachter dazu bringen, sich Fragen zu den Themen Wahrnehmung und Erinnerung zu stellen.




Maciej Kurak, Przestrzen, 2000,
Galeria Garbary 48

Die Reaktionen der Leute waren mir sehr wichtig. Bei den Bewohnern der Garbary Straße und zufällig vorbeilaufenden Passanten sorgte die Verwandlung der Galerie in ein Geschäft, das sich dann wieder in eine Galerie zurückverwandelte, für ziemliche Verwunderung. Manche dachten sogar, sie hätten sich das alles nur eingebildet. Die geladenen Gäste haben natürlich ganz anders reagiert. Sie suchten nach dem Bild, das sie von der Galerie vor ihrer Verwandlung hatten. Viele versuchten das Gebäude mit Hilfe der Farbe der Fassade, an die sie sich noch erinnerten konnten, zu identifizieren. Deshalb landeten Sie oft im Nebengebäude, das noch diese alte Farbe hatte. Eine wichtige Rolle spielte hierbei auch der Ort, an dem diese künstlerische Intervention stattfand. Die Galerie hatte sich im Laufe ihres zehnjährigen Bestehens diametral verändert – von einem Ausstellungsort für anspruchsvolle Kunstwerke zu einer Art Laden für dekoratives Kunstgewerbe. Bevor sich in diesen Räumen die Galerie ansiedelte, beherbergte sie ein Geschäft. Dadurch, dass ich dann dort meine Arbeit präsentierte, schloss sich der sozusagen ein Kreis. Dieses Projekt passte ideal in eine sich rasant wandelnde Gesellschaft, in der viele Dinge schnell verschwinden und von neuen Dingen ersetzt werden. Und manchmal kommen sie aber durch einen Click am Computer wieder zum Vorschein oder auch durch einen neuen Modetrend.


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