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Das Hochformat im Querformat
Kunst im ibc: Günther Förgs Fensterbilder



Als "Künstler im Geschäftsjahr" wurde Günther Förg 2001 im Deutsche Guggenheim mit einer großen Einzelausstellung gewürdigt. Neben Gemälden, Zeichnungen und großformatigen Architekturfotografien aus der Sammlung Deutsche Bank waren auch fünf neue, auf den Raum bezogene Bilder zu sehen – gemalte Fenster, die auch das Leitmotiv seiner neuen, monumentalen Arbeit für das Frankfurter ibc bilden. Brigitte Werneburg über Günter Förgs Fensterbilder und seinen Blick in eine globalisierte Welt.



Günther Förg, Ohne Titel, 2004
Sammlung Deutsche Bank

Auguste Perret plädierte für die Tradition, das Hochformat. Le Corbusier für die Revolution, das Querformat. Sie stritten über das Fenster, seine Form als architektonischer Ausdruck der richtigen Haltung in der modernen Welt. Auguste Perret, mit Robert Mallet Stevens und Le Corbusier einer der maßgeblichen Architekten der französischen Architekturmoderne, erkannte im Fenster den "aufrecht stehenden Mann". Für Le Corbusier dagegen genügte allein das horizontale Panoramafenster dem modernen Blick, den er mit der Kameraperspektive identifizierte.

Günther Förgs Werk ist nicht zu verstehen, sieht man von seinem grundsätzlichen Eingehen auf die vorgefundene räumliche Umgebung ab. Gerne tritt er die Farbe der Malerei an die Architektur, die Wand, ab. So akzentuiert er den Schauplatz, an dem er das Bild, oft in serieller Folge, als raumgreifendes Objekt zwischen Malerei und Skulptur inszeniert. Lange bevor die Idee des ortspezifischen Kunstwerks und der Installation in Deutschland zur Regel wurde, war es Förgs Interesse, eine Situation zu schaffen, die für das Kunstwerk stand.



Günther Förg, Ohne Titel, 2004
Sammlung Deutsche Bank


Günther Förg, Villa Wittgenstein II (links) + III (rechts), 1987
Sammlung Deutsche Bank



In der Frankfurter Zentrale des Geschäftsbereichs Private & Business Clients der Deutschen Bank ist nun folgende Situation zu beobachten: Günther Förg hat in die Eingangshalle des ibc, eines mustergültig der Architekturmoderne verpflichteten Gebäudes, zwei seiner Fensterbilder einander gegenüber gehängt. Beide Gemälde sind Querformate. Kinoleinwände im Verständnis eines Le Corbusier. Trotzdem zeigt eines von ihnen den aufrecht stehenden, konservativen Mann, das traditionelle hohe schmale Fenster. Förg hat es - rot erleuchtet und durch ein schwarzes Fensterkreuz unterteilt – in den rechten Teil der blauen Leinwand gerückt. Die Horizontale dominiert dagegen das andere Bild. Die Abfolge dreier übereinander geschichteter Farbstreifen aus Grün, Schwarz und Blau könnte aus der Sicht eines Autofahrers wahrgenommen sein, der durch die Windschutzscheibe auf eine Landschaft blickt. Doch diese Perspektive stellt Günther Förg sofort wieder in Frage. Denn das Bild ist durch zwei schmale, orangefarbene Streifen vertikal unterteilt und als dreiteiliges Hochformat inszeniert.



Die Auseinandersetzung zwischen Auguste Perret und Le Corbusier scheint in dieser aus Architektur und Fenstermotiv erzeugten Situation sowohl ausgestellt wie auch aufgehoben zu sein. "Jedes Bild ist ein Fenster zur Welt", beruft Förg sich im Gespräch über seine Arbeit für das ibc auf eine Kunstauffassung, die seit der Renaissance Standard ist. Doch wie ist dieses Bild beschaffen, wenn das Fenster in der Moderne plötzlich in Bewegung gerät, in der Kamera- oder der Autofahrt? Und wie ist dieses bewegliche Fenster selbst beschaffen?




Die Zeit hat gezeigt, dass der um Haltung bemühte, aufrecht stehende Mann besiegt ist. Unser Zugang zur Wirklichkeit hat die Form des Querformats. Mehr und mehr sehen wir die Welt – die ganze, globale Welt – mit ihren Erdbeben, Kriegen, Partys und politischen Gipfeltreffen, durch ein technisches Medienfenster. Über den Bildschirm des Fernsehapparats oder des Computers. Das Fenster zur Welt heißt Windows von Microsoft. Doch selbst das klassische Medium des Hochformats beugte sich zuvor schon dem Zwang zum Querformat. Das wirklich wichtige Bild wird in der Zeitschrift stets über zwei Seiten hinweg gedruckt. Das neueste Statussymbol des modernen Haushalts ist der Flatscreen, der sich in geradezu absonderliche Breiten dehnt.


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