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Im Banne des Unheimlichen
Markus Schinwald mit dem T-Mobile Art:Award ausgezeichnet




Markus Schinwald: Diarios (to you),2003
Sammlung Deutsche Bank, (c)Schinwald, Courtesy Georg Kergl Fine Arts, Wien



Schön, rätselhaft und oft auch verstörend sind die Fotoarbeiten, Filme und Installationen von Markus Schinwald. Jetzt erhielt der junge Österreicher als erster Künstler den T-Mobile Art:Award. Eine hochkarätig besetzte Jury, zu der Dr. Ariane Grigoteit, Global Head Deutsche Bank Art, und der Direktor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, Prof. Peter Weibel, gehörten, wählte den in Salzburg geborenen Künstler einstimmig aus 16 Nominierten aus. Die Juroren überzeugte Schinwald besonders durch "einen bemerkenswerten, souveränen Umgang mit verschiedenen Medien. Er besitzt bereits eine signifikante eigene Handschrift von hoher Qualität", so Dr. Georg Pölzl, Vorsitzender der Geschäftsführung von T-Mobile Austria. Der Preis ist Teil des Kunstförderungskonzepts des Unternehmens, das seit 2004 Arbeiten zeitgenössischer Künstler in seiner Wiener Zentrale präsentiert.



Markus Schinwald: Diarios (to you),2003
Sammlung Deutsche Bank, (c)Schinwald, Courtesy Georg Kargl Fine Arts, Wien


Neue Arbeiten von Markus Schinwald zeigt die Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst in Münster vom 19.November 2005 bis zum 8. Januar 2006. In seiner Schau Marionetten für Münster setzt sich der Künstler mit dem Doppelgängermotiv der Romantik auseinander. Beständig sucht Schinwald nach dem Unheimlichen und Mystischen, das sich unter der Oberfläche des Alltäglichen verbirgt. "We are deranged" – "Wir sind verwirrt" – ist am Ende seines Films dictio pii (2001) aus dem Off zu hören. Vorher wird der Betrachter Zeuge eines absurden Kammerspiels, in dem sich sieben Personen durch die verlassenen Flure und Zimmer eines Hotels bewegen. Mysteriös öffnen sich Türen, seltsam gekleidete Gestalten tauchen auf, um gleich wieder zu verschwinden. Eine verblühte Diva raucht Kette, ein Page klopft sich unentwegt den Staub von seiner Jacke, eine Frau bindet einem Mann die Arme hinter seinem Rücken zusammen – die Protagonisten von Schinwalds Film scheinen wie gefangen in sich rituell wiederholenden, sinnlosen Handlungen.





Markus Schinwald: Diarios (to you),2003
Sammlung Deutsche Bank, (c)Schinwald, Courtesy Georg Kargl Fine Arts, Wien







Markus Schinwald: Diarios (to you),2003
Sammlung Deutsche Bank, (c)Schinwald, Courtesy Georg Kargl Fine Arts, Wien


In der Sammlung Deutsche Bank befinden sich Fotoarbeiten aus seiner Installation Diarios (to you) (2003). Mit 160 schwarzweißen Dias im Cinemascope-Format, auf denen sich teilweise mehrere Bildebenen überlagern, und Stimmen aus dem Off erzählt Schinwald eine fragmentarische, undurchschaubare Geschichte, in der einsame Cowboys, die aus einem Westernfilm zu stammen scheinen, auf expressionistische österreichische Architektur wie Clemens Holzmeisters Krematorium im Wiener Zentralfriedhof and Fritz Wotrubas skulpturhafter Dreifaltigkeitskirche treffen.

Aufsehen erregte der in Wien lebende Künstler zuerst mit seinen eigenwillig gestalteten Kleidungsstücken. Deformation durch die Passform: Schinwalds Jubelhemd(1997) zwingt den Träger durch verkehrt herum eingenähte Ärmel seine Arme nach oben zu halten, zum Jubeln – oder zur Kapitulation.



Markus Schinwald: Diarios (to you),2003
Sammlung Deutsche Bank, (c)Schinwald, Courtesy Georg Kargl Fine Arts, Wien


Seine Schuhentwürfe, etwa in Form von Absätzen, die man sich unter den Fuß schnallt, bedingen absurde Bewegungen. Wie deformiert wirken auch die jungen Frauen seiner Fotoserie Contortionists (2002-05): Vicky liegt in einem in Gold- und Bronzetönen gehaltenen, halbdunklen Zimmer lesend auf dem Bett. Die an sich banale Situation wirkt durch die seltsame Pose ihres Körpers und Schinwalds an die Filme David Lynchs erinnernde Lichtregie äußerst befremdlich. Rachel vollführt mitten auf dem Teppichboden eines öden, in muffigen Beige- und Brauntönen gehaltenen Raums eine gymnastische Übung und erscheint als verdrehte Puppe, deren Outfit genau auf die Farbigkeit ihrer Umgebung abgestimmt ist. Eine lebendige Marionette mit sich auf unheimliche Weise ständig veränderndem Gesicht ist Protagonist des Films Children´s Crusade (2004). Der mit einem grauen Anzug bekleideten Figur folgt eine Gruppe singender Kinder. Die Arbeit spielt gleichermaßen auf den Rattenfänger von Hameln und die mittelalterlichen Kinderkreuzzüge an – eine Idylle des Schreckens zwischen Verführung und Verheißung. Und wie so oft im Werk von Markus Schinwald führt auch hier die Reise direkt ins Land der Alpträume.


Markus Schinwald: Diarios (to you),2003
Sammlung Deutsche Bank, (c)Schinwald, Courtesy Georg Kargl Fine Arts, Wien