In dieser Ausgabe:
>> Porträt: Monica Bonvicini
>> Frieze Art Fair: Ursula Döbereiner und Kirstine Roepstorff

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Architektur, Eros und Abstraktion:
Monica Bonvicinis Kunst–Fetische



Gerade hat die in Berlin lebende italienische Künstlerin Monica Bonvicini den hoch dotierten "Preis der Nationalgalerie für junge Kunst" gewonnen – mit einer Installation, die Utensilien der S/M-Kultur demonstrativ im Museum positionierte. Harald Fricke hat sie in ihrem Berliner Atelier zum Gespräch getroffen.



Monica Bonvicini vor ihrer Installation "Never Again", 2005
Foto: Hans Georg Gaul


Ketten, überall Ketten. Sie hängen von der Decke, schlängeln sich auf dem Fußboden entlang, stapeln sich in den Ecken des Ateliers. Auf einem Overheadprojektor liegen verstreut einzelne Kettenglieder, an der Wand hängt ein Blatt Papier, darauf ein schwarzes Kettenmuster. Selbst der Schreibtisch ist übersät mit kleinteiligen Ösen, die der vietnamesische Assistent von Monica Bonvicini zu feinen geometrischen Applikationen geflochten hat. Kaum handflächengroß erinnern die Proben an Kleider, die Paco Rabanne in den sechziger Jahren entworfen haben könnte: zwischen Kettenhemdchic und Pailletten-Glam.



Monica Bonvicini, Never Again, 2005
Foto: Roman März

Irgendwann wird Monica Bonvicini eine der robusten Industrieketten in die Hand nehmen und damit spielen. Man hört ein hell klirrendes Geräusch, wie Münzen, die in der Hosentasche klimpern. "Ich bin jedes mal von dem Klang überrascht", sagt die in Berlin lebende Künstlerin und rüttelt weiter an einem silbern glitzernden Exemplar, "Er variiert je nach Größe. Manchmal klingt es für mich so dumpf und schwer, als würde man gegen eine hohle Wand klopfen." Sie nimmt noch mal eine besonders massive Kette in die Hand, lässt sie zu Boden fallen. Jetzt ertönt ein raues Dröhnen: unmelodisch, wie Baustellenkrach. Auch damit hat Bonvicini Erfahrung. In den neunziger Jahren waren fast alle ihrer Arbeiten eine Auseinandersetzung mit Architektur, vor allem mit den Allmachtsfantasien männlicher Architekten. "Das fing schon mit einem Foto von Mies van der Rohe an, das ihn breitbeinig auf einem Stuhl sitzend zeigte", erzählt Bonvicini. "Das Foto hatte die Unterzeile: Ich brauche immer eine Wand hinter mir." Wände, das wurde der 1965 in Venedig geborenen Bildhauerin schnell klar, sind Ausdruck von Herrschaft. Sie schützen vor Eindringlingen, mit ihnen kann man Festungen errichten, sie dienen aber auch als einschüchternde Zeichen, gerade in der Architektur der Moderne. Wolkenkratzer aus Glas und Stahl, die wegen ihrer Monumentalität bestaunt werden, während sich die Mächtigen in ihrem Innern den Blicken entziehen.



Monica Bonvicini, Never Again, 2005
Foto: Roman März

Bonvicini hielt mit feministischem Aktivismus dagegen. 1995 entstand der Film Wallfucking : Man sah die Nahaufnahme einer nackten Schauspielerin, die ihr Geschlecht an einem Mauervorsprung rieb. Selten zuvor war Architektur dermaßen sexualisiert und als phallisches Objekt bloßgestellt worden. Die Arbeit brachte Bonvicini schlagartig internationale Bekanntheit: Auf der ersten Berlin Biennale zeigte sie 1997 das Video Hausfrau Swinging, diesmal hatte eine nackte Frau ein kleines Modellhaus über den Kopf gestülpt und schlug damit monoton gegen eine Wand. Der surreale Akt machte sichtbar, wie das wohl vertraute Heim zum Gefängnis werden kann. Seither hat Bonvicini in ihren Ausstellungen immer wieder die männlich domminierte Ordnung der Architektur attackiert: So entstand 2002 die Installation Stonewall 3 als zellenähnlicher Korridor aus Glasscheiben und Stahlgittern, dahinter der als Graffiti an die Wand gesprayte Slogan "Architecture is the ultimate erotic act, carry it to excess." Der Satz stammt von dem Theoretiker Bernard Tschumi und sollte 1976 eine Werbung für modernes Bauen sein. Bei Bonvicini wurde daraus ein Abgesang auf die Utopien der Moderne – ein Horrorkabinett, frei nach Michel Foucaults Überlegungen zur Kontrollgesellschaft. Zerstörung, Vandalismus und immer wieder: die Ballade von Sex und Gewalt in der Architektur. Dabei folgt Bonvicini der Logik des Konstruktivismus, wenn sie im Gespräch sagt: "Man muss zerstören, damit Neues entstehen kann." Das entsprechende Werkzeug dazu lieferte sie auch mit einem Objekt, das in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist: Lady Hammer heißt ihr Beitrag zur Künstler-Edition Singen + Boxen , die die Galerie Vayhinger 2000 herausbrachte: ein zierlicher Hammer, der in jede Handtasche passt, und das männlich besetzte Werkzeug subversiv zum Instrument femininer Dekonstruktionsstrategien erklärt.



Monica Bonvicini, Stonewall 3, 2002,
Installationsansicht in der Kunsthalle Zürich (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2005

Inzwischen sind vor allem die verzinkten Stahlketten zu einer Art Markenzeichen von Bonvicini geworden. Im Hamburger Bahnhof , keine drei Minuten Fußweg vom Atelier entfernt, waren sie Teil der raumgreifenden Installation Never Again. Bonvicini hatte damit ein Dutzend schwarze Sling-Matten aus Leder an einem Gerüst befestigt, wie es sonst bei Renovierungsarbeiten benutzt wird. Das Publikum konnte sich in dem streng quadratisch arrangierten Ensemble nicht nur frei bewegen; wer wollte, durfte sich auch in eine der Matten legen. Die Sache hatte, wie so oft bei Bonvicini, einen Haken: In S/M-Clubs werden die Ledergehänge für handfeste Sexpraktiken benutzt.

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