In dieser Ausgabe:
>> Porträt: Monica Bonvicini
>> Frieze Art Fair: Ursula Döbereiner und Kirstine Roepstorff

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Auf den Kontext der Ausstellung übertragen schien die Botschaft eindeutig – Kunst ist nichts anderes als ein Fetisch, ein Macht-, wenn nicht Herrschaftssymbol in den Händen reicher Sammler. Das gilt auch für den Hamburger Bahnhof, in dem unter anderem die Sammlung von Friedrich Christian Flick gezeigt wird. Eine nicht unumstrittene Entscheidung, die Bonvicini durchaus bei ihrem Entwurf der Never Again -Installation gereizt hat.



Verleihung des Preises der Neuen Nationalgalerie für junge Kunst,
v.l.n.r.: Anri Sala, John Bock, Monica Bonvicini, Angela Bulloch, Peter-Klaus Schuster, 27. September 2005

Am Ende lag Bonvicini mit ihrem boshaften Kommentar auf die Verhältnisse dennoch ganz vorne. Zumindest vor den anderen drei Kandidaten: dem nostalgischen Free-Jazz-Saxophonisten-Video von Anri Sala, der vertrackten Elektro-Sound-Installation von Angela Bulloch und dem New-Economy-Kasperle-Theater des Performance-Künstlers John Bock. Der mit 50.000 Euro dotierte Preis ging an ihre Installation, weil, so steht es in der Begründung der Jury, damit die bislang isolierte Sprache der S/M-Kultur demonstrativ in einen öffentlichen Raum gestellt würde. Mehr noch, Bonvicinis Arbeit lade den Betrachter nicht bloß zur Interaktion ein, sondern fordere ihn praktisch auf, "sich mit den immer noch aktuellen Prozessen der Subkultur der 60er Jahre auseinanderzusetzen." Von Sex und Macht keine Spur, stattdessen – aus sicherer Distanz zur Geschichte – der Verweis auf die Kraft der Rebellion früherer Tage. Die Presse war entsprechend argwöhnisch und schrieb, Bonvicini hätte mit ihrer Arbeit lediglich bewiesen, dass sie trotz Anti-Haltung längst selbst vom Kunstbetrieb hofiert werde. Vielleicht waren einige Kritiker aber bloß darüber verärgert, dass sie den Preis ohne zu zögern mit einem glücklichen "Let’s have a party!" in Empfang genommen hatte.



Monica Bonvicini, Stairway to Hell, 2003,
Installation für "Poetic Justice"
auf der Biennale von Istanbul, (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2005

Widerstand sieht nun mal anders aus, das weiß auch Bonvicini. Gleichzeitig will sie nicht dauernd auf die Rolle des Outlaws festgelegt werden: "Es gibt sehr viele Leute, die von mir immer nur aggressive und provozierende Kunst erwarten. Für mich zählt vor allem die Lust, Räume zu besetzen. Aber ich wehre mich dagegen, wenn man mich als Künstlerin mit meinen Arbeiten identifiziert."

Es bleibt dabei die Frage nach dem Fetisch, den die Kunst selbst darstellt. Nicht von ungefähr steht Bonvicinis Oeuvre mit seinen reduzierten Formen und den industriell vorgefertigten Standardmaterialien in der Tradition der Minimal Art: Die Felt Pieces von Robert Morris oder die Cells von Louise Bourgeois funktionieren ganz ähnlich, als Verbindung aus Eros und Abstraktion. Denn die Arbeiten von Bonvicini sind bei aller Freude an der Destruktion immer auch dies: Objekte der Begierde. Nicht nur für Museen wie das MOCA in Los Angeles oder das Migros-Museum in Zürich, die umfangreiche Installationen von Bonvcini angekauft haben. Eine ältere Slingmatten-Arbeit befindet sich sogar im Privatbesitz einer Berliner Sammlerin.


Monica Bonvicini, Untitled, 2004, (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2005

Vielleicht gehört dieser Widerspruch, bei dem die Zeichen des Protests zugleich Luxusartikel sind, immer schon zur Logik des zeitgenössischen Kunstbetriebs. Das Problem ist Bonvicini durchaus bewusst, sie hat es mit Untitled (2004) zum Thema gemacht: Eine Kettensäge, die vollkommen mit schwarzem Leder überzogen wurde. Straff spannt sich die zweite Haut über dem Sägeblatt, wie bei einem perfekten Sex-Toy. Für Waldarbeiter wäre das Werkzeug völlig nutzlos, in der Welt der Kunst ist es ein aufreizendes Symbol für Machotum, Gewaltkult und Maskerade.


Tatsächlich sind Bonvicinis Installationen und Objekte meistens beides: "dreckiger Witz", wie Jörg Heiser geschrieben hat, und trotzdem sperriges Gedankenspiel, anzüglich und konzeptuell zugleich. In London hat sie 2003 gegenüber dem Tate-Museum eine Toilette mit dem Titel Don’t miss a sec bauen lassen. Die Kabine bestand aus halbdurchlässigen Spiegeln, so dass man zwar von außen nicht hineinschauen konnte, von innen aber die gesamte Umgebung sah. Einerseits wurde damit das intime Bedürfnis öffentlich zur Schau gestellt, andererseits war der skandalträchtige Kubus auch eine ironische Replik auf die Glas-Pavillons von Dan Graham. Dann wieder hat Bonvicini dieses Jahr zur Eröffnung der Biennale in Venedig einen vier mal vier mal vier Meter großen Block aus Ytong-Steinen mitten in die Giardini gestellt, der von Arbeitern mit dem Presslufthammer bearbeitet wurde, bis das Monstrum am Ende die Form der Eislandschaft von Casper David Friedrich hatte. Natürlich gab es wieder Ärger, diesmal mit den Vertretern von Spanien und Belgien, die sich durch die Aktion direkt vor ihren Länder-Pavillions belästigt fühlten.



Monica Bonvicini, Don't miss a sec., 2004,
Einwegspiegelkabine, Blick von Innen,
Installation im Rahmen der Art Basel 2004, (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2005

Ist der Krawall also doch geplant, immer auf der Jagd nach Aufmerksamkeit? Bonvicini überlegt einen Moment, und holt dann sehr weit aus: "Wenn ich mir für eine Ausstellung die Räume anschaue, dann geht es nicht darum, irgendwelche Tabus zu brechen. Es geht um eine räumliche Situation, zu der ich mir eine Installation überlege, die auf den Charakter des Ortes eingeht. Wenn dieser Ort eine politische Geschichte hat, werde ich mich in meiner Arbeit auch damit befassen. Aber die Beschaffenheit der Wände, die Höhe der Decke und die Lichtverhältnisse sind mindestens genauso wichtig. Jeder Raum ist anders, und in jedem Raum muss ich mich erstmal orientieren, muss wie in einer Erzählung von Thomas Bernhard immer wieder Wand für Wand abgehen und mich auf das Material einlassen. Dann geht es nicht um Politik, sondern um Steine, Beton, um Fensternischen und Rigipswände." Oder um Bücher, die bei Bonvicini oft den Ausgangspunkt für neue Arbeiten liefern. Freud, Marx, Kapitalismus und Psychoanalyse, aber auch entlegene Studien, etwa zum Phänomen der Panik in geschlossenen Räumen. Aus der Beschäftigung mit dem Thema ist in den letzten zweieinhalb Jahren eine Serie mit Collagen und Zeichnungen unter dem Titel Anxiety Attack entstanden. Vermutlich wird irgendwann eine Installation daraus. Mit sehr viel Ketten und Leder, versteht sich.

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