In dieser Ausgabe:
>> Deutsche Bank auf der Frieze Art Fair
>> Presseschau Douglas Gordons "The Vanity of Allegory"
>> Kunstmessen 2005: Interview mit Friedhelm Hütte

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"Narziss lässt grüßen"
Die Presse zu Douglas Gordons "The VANITY of Allegory" im Deutsche Guggenheim



Für The VANITY of Allegory verwandelte Douglas Gordon das Deutsche Guggenheim in ein Spiegelkabinett, das er als Künstler-Kurator mit einem Spektrum ganz unterschiedlicher Kunstwerke ausstattete: von Peruginos Heiligem Sebastian bis zu Walt Disneys Peter Pan. Sein persönliches und fantastisches Gleichnis für Vergänglichkeit und Eitelkeit stieß bei der Presse auf durchaus kontroverse Reaktionen – von Begeisterung bis zu recht scharfer Kritik: So findet Sabine Vogel in der Berliner Zeitung Gordons Ausstellungsidee allzu leicht durchschaubar: "Narziss lässt grüßen. Sich selbst erblickend begreift auch der begriffsstutzigste Besucher, dass es hierum geht sich selbst zu erblicken." Auch dass der Künstler auf seinen Selbstporträts in die Rollen von Marilyn Monroe und Kurt Cobain schlüpft, hält sie für eine Mogelpackung: "Was bei Kindern simples Rollenspiel und Fasching ist, heißt beim Künstler ‚performativer Transvestitismus’". Hingegen versöhnen sie die Werke der von Gordon ausgewählten Künstler ein wenig mit dem "verdummend plumpen Konzeptionsgeblähe der Kuratorenkunst". Denn zugleich birgt die Ausstellung für sie "einige wirklich reizende Werke etwa von Matthew Barney, Robert Mapplethorpe oder Damien Hirst, und das Filmprogramm mit Kenneth Anger, Francis Ford Coppola, Stanley Kubrick, Andrej Tarkowski, Pier Paolo Pasolini und Luchino Visconti kann sich auch sehen lassen."


Eigentlich fühlt sich Klaus Lüber, der Rezensent der Süddeutschen Zeitung in Gordons Ausstellung sofort wohl. Dabei sind für ihn " Entspannung und Behaglichkeit für gewöhnlich das Letzte, was sich einstellt, wenn man den schmalen, weißen Ausstellungsraum der Deutschen Guggenheim in Berlin betritt. Hier herrscht in der Regel die kühle Atmosphäre eines Kunst-Labors". Auch wenn sich Lüber für die künstlerischen Selbstportraits in der Schau, wie den " divenartig aufgebrezelten Andy Warhol" durchaus erwärmen kann, gibt ihm die "agressive und geschmacklose Eigenwerbung des Künstlers" Rätsel auf. Besonders das Bild des Heiligen Sebastian von Pietro Perugino, das so Lübner, eine der wichtigsten Stationen in dieser " aufgepuzzelten Selbstdarstellung" ist, bereitet Schwierigkeiten: " Soll der Drang des Künstlers, sich im Werk zu verewigen, ausgerechnet im Bildnis des sterbenden Jünglings seinen Ausdruck finden?" Doch während die Ausstellung hierauf keine klare Antwort gibt, dokumentiert zumindest das Filmprogramm worum es gehen könnte: "Gordons Suche nach einem Ausdruck für die kreative und bisweilen monströse Entfaltung menschlicher Identität im Angesicht des Todes."

Christina Tillmann vom Tagesspiegel lässt sich da schon eher von Gordons Konzept verzaubern: "Doch in dem Moment, in dem er die gesamte von ihm kuratierte Ausstellung zu seinem Kunstwerk erklärt, werfen die Spiegel plötzlich andere Bilder zurück." Für sie ist die Ausstellung ein "Spiegelland" das "vom unendlichen Spiel der Rückverweise" lebt: "Schon räumlich ist das angedeutet, indem die vielfach verspiegelte Architektur einen Schwindel erzeugt. Die Werke selbst sind dabei nur noch das Türchen ins Zauberland. Von dort hat auch Alice schwer zurückgefunden." Um wie Alice dem weißen Kaninchen folgen zu können, bräuchte Ralf Hanselle vom Berliner Stadtmagazin Zitty allerdings etwas mehr Gehirnnahrung. Seiner Meinung nach serviert Gordon schon wieder einmal seine "beliebten philosophischen Fertigpackungen": "Was der Besucher in der Guggenheim eigentlich zu sehen bekommt, ist eine Art Checkliste für das kleine Philosophicum. Wer den von einem großen Spiegel unterteilten Ausstellungsraum betritt, ohne sich noch einmal mit dem Basiswortschatz aus 30 Jahren französischer Trendphilosophie vertraut gemacht zu haben, dem wird schnell das ästhetische Standbein einschlafen." Richtige Ermüdungserscheinungen stellen sich bei Christiane Meixner von der Berliner Morgenpost dennoch nicht ein. Im Gegenteil: "Wer dieser Generierung zusätzlicher Begriffsebenen und damit immer neuen Fragen den Rücken kehren möchte, dem winkt ein leuchtendes Exit von Cerith Wyn Evans. Leider spiegelverkehrt! Ein Paradox, aber sehr anregend."

Für Vera Görgen von der Welt am Sonntag ist Gordon sogar einer der wenigen zeitgenössischen Künstler, "die sich an die großen Themen der religiösen Kunst wagen: an Gut und Böse, Tugend und Laster, Unschuld und Schuld, Heil und Verdammnis." Dabei könnte er, so Görgen, mit seinem "kurz geschorenen Haar", den Tätowierungen und "glänzenden Goldeinlagen in seinen Vorderzähnen" durchaus ein "britischer Fußballprolet" sein. In diesem Sinne untersucht auch Harald Fricke in seinem ausführlichen Essay in der taz Gordons Rollenspiele: "Gordon ist ein Kumpeltyp, der sich im Fußballstadion wohl fühlt und es trotzdem bis ins Museum of Modern Art geschafft hat, das demnächst eine Retrospektive zeigen wird." Der Autor findet besonders das Verhältnis zwischen dem Briten und den von ihm im Guggenheim ausgestellten Kunst-Stars interessant. Für ihn ist Gordon in Berlin alles in einem: Kurator, Innenarchitekt, Ideengeber, Art Director und ausstellender Künstler: "Er ist Gleicher unter nicht minder prominenten Gleichen und zugleich deren Vordenker, nach dessen Konzept sich alles ineinander spiegelt, von Jeff Koons Edelstahlblock bis zur Wand füllenden Textapotheose eines Laurence Weiner." Am Ende – so Fricke – entsteht dadurch eine "neue weitaus zeitgemäßere Allegorie – im Selbstportrait des Künstlers als Netzwerkbetreiber." Das Resümee: "Über so viel Vermarktungssinn hätte selbst Warhol gestaunt."