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Permanenter Fluss:
Olaf Metzels Skulptur Cash Flow im Frankfurter ibc



Im Gebäude der Deutschen Bank an der Frankfurter Theodor-Heuss Allee fällt wohl kein anderes Kunstwerk mehr ins Auge als Olaf Metzels gigantische Skulptur „Cash Flow“, die im Atrium an einer aufwendigen Konstruktion befestigt über den Köpfen der Mitarbeiter und Besucher schwebt. Ulrich Clewing stellt die vielschichtige Arbeit und ihren Schöpfer vor, der in seiner künstlerischen Laufbahn Skandale und unbequeme Fragen nie gescheut hat.



Olaf Metzel, Cash Flow, Blick in die Eingangshalle des ibc
Foto © Bärbel Högner


Die perfekte Welle rollt, aber sie bricht nicht. Sie schlägt Räder wie ein Pfau, mehrfach in sich verdreht, als hätte jemand ein riesiges Blatt Papier zerknüllt. Und sie sendet buntes Licht aus, in ihr schimmert es gelb, orange, violett, grün und blau. Cash Flow heißt die Skulptur, die der Bildhauer Olaf Metzel in der Eingangshalle des ibc platziert hat, und im Fluss ist dort tatsächlich einiges. Die Formen, die Farben, die Umrisse und Oberflächen, all das scheint – obwohl die Plastik ihrer Konstruktion nach natürlich statisch ist – in einer permanenten, geschmeidigen Bewegung begriffen.

Dass es hier auch um den Geldfluss geht, deutet der Titel der Arbeit an: "Cashflow". Zugleich reflektiert die Skulptur auf subtile Weise das "Abschalten" am Arbeitsplatz, und stellt die unterschiedlichen Begriffe von "Effektivität" zur Disposition. Als Vorbild für die Skulptur, die als Auftragswerk entstand, diente dem Künstler nämlich eine der so genannten Bézier-Kurven , wie sie häufig als Bildschirmschoner für Computer verwendet werden." Ich versuche aus der Zeit heraus Bilder zu entwickeln, dreidimensionale Bilder.", sagt Metzel, "Ob das nun politisch ist oder nicht, überlasse ich dem Betrachter."



Cash Flow, Blick von unten
Foto © Bärbel Högner

Von Anbeginn seiner Karriere hat er darauf Wert gelegt, dass sich seine Arbeiten direkt auf den Ort beziehen, für den sie geschaffen wurden. Die reine Ästhetik einer l'art pour l'art, die (zumindest was ihre Präsentation betrifft) stets auch den Keim der Beliebigkeit in sich trägt, hat Metzel noch nie interessiert.

Seine Werke sind immer "site specific", das heißt, im günstigsten Fall wie hier im ibc gibt es eine Vielzahl von gedanklichen Verbindungen zwischen der Kunst und ihrer Umgebung, allerdings ohne dabei die Zusammenhänge plump in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Metzels Arbeiten sind inhaltlich grundsätzlich mehrdeutig. Sie funktionieren wie ein Spiegel, in dem der Betrachter sich selbst erkennt in seinen Prägungen, Dispositionen und Assoziationen. So wird aus einer Skulptur, die in einem Bürogebäude von der Decke hängt und irgendwie aussieht wie ein Bildschirmschoner, eine Art Lackmuss-Test für die Befindlichkeit. Die Bézier-Kurve, was signalisiert sie? Die wohlverdiente Pause? Oder eine unerwünschte Unterbrechung im Arbeitsablauf? Eine Unterredung mit dem Chef oder eine Sitzung mit den Mitarbeitern? Kurz: Zeitverlust oder Zeitgewinn? Bei Fragen wie diesen dürfte jeder einzelne an jedem neuen Tag zu ganz unterschiedlichen Antworten gelangen. Einerseits.



Cash Flow, Detail von oben betrachtet
Foto © Bärbel Högner

Andererseits hat diese Offenheit der Interpretation nicht verhindern können, dass Metzel mit seinen Werken oft mehr Anstoß erregt, als ihm selber lieb gewesen sein dürfte. Seit gut fünfundzwanzig Jahren zählt der 1952 in Berlin geborene Wahlmünchner nun schon zu den bedeutendsten deutschen Künstlern. Die längste Zeit jedoch war Metzel in der breiten Öffentlichkeit vor allem als derjenige bekannt, der aneckt, Skandale hervorruft, Behörden provoziert und Bürger gegen sich aufbringt. Dabei hat er eigentlich nie etwas anderes getan, als das zu Tage zu fördern, was ohnehin latent vorhanden war – und sei es in jenen Regionen, die der Maler Neo Rauch einmal als "die Schlickschichten des Unterbewussten" bezeichnet hat.

1987 wurde Olaf Metzel zusammen mit einigen anderen namhaften Bildhauern eingeladen, am "Skulpturenboulevard" auf dem Kurfürstendamm teilzunehmen, der dort anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins stattfinden sollte. Bis dahin waren die Vorbereitungen dazu eher schleppend angelaufen und die groß angekündigte Freiluft-Schau drohte in gepflegter Langeweile unterzugehen. Das sollte sich mit Metzels Berufung nachhaltig ändern. Als er seine fertige Arbeit präsentierte, trauten die Berliner ihren Augen nicht: Metzel hatte an der Kreuzung Kurfürstendamm/Joachimstaler Straße unzählige der typischen rot-weißen Polizei-Absperrgitter zu einem viele Meter hohen Turm übereinander gestapelt.



Olaf Metzel, Reise nach Jerusalem, 2002, Pinakothek der Moderne, München, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2005

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