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Die unglaubliche Leichtigkeit Mariko Mori zu sein


In Venedig begeistert Mariko Moris spektakuläres Kunst-UFO das Biennalepublikum. Willkommen an Bord: Jeweils drei Passagiere können es sich im "Wave UFO" der japanischen Multimedia-Künstlerini bequem machen. In der silbrig glänzenden Riesenträne gleiten sie dann dank computeranimierter Videoprojektionen durch einen spirituellen Kosmos – eine willkommene Dosis entspannender Wellness für Biennalegestresste Kunstfreunde. Vor Ihrer Abreise nach Venedig hat Cheryl Kaplan Mariko Mori in ihrer Wahlheimat New York getroffen.


Mariko Mori
Foto: David Sims


Die Schiebetüren öffnen sich und Mariko Mori erscheint – ganz in weiß. Ihren Rock hat sie mit einem Oberteil kombiniert, das an eine Zwangsjacke erinnert. Das von einem Freund entworfene Outfit bildet den perfekten Kontrapunkt zu Moris dunklem Haar, das ihr Gesicht in Locken und Kringeln umrahmt. Auch ihr Studio ist in weiß gehalten, genau wie eine Serie elliptischer, sphärischer Skulpturen, die fleißig in der Luft zu schweben scheinen und auf einer Reihe von Sockeln angeordnet sind. Als Mori den Raum betritt, wirkt sie wie eine Gesandte aus dem All, die hereinkommt, um das Kontrollzentrum zu checken. Sie nimmt mir gegenüber an dem quadratischen Tisch Platz. Es gibt kleine runde Plätzchen in rosa und weiß, die wie Murmeln aussehen und grünen Tee in weißen Schalen Am nächsten Tag reist Mori nach Venedig, wo ihre Installation Wave UFO auf der Biennale im Arsenale zu sehen sein wird.



Tea Ceremony III, 1994,
Courtesy of the artist and Deitch Projects

Das Themenspektrum ihrer Zeichnungen, Gemälde, Animationen, Videos und riesigen Skulpturen reicht von Reinkarnation bis Cyber-Pop. Magisch und stark zugleich erscheinen ihre Arbeiten. Mori kreiert Kunstlandschaften, die von verschiedenen Visionen ihrer selbst bevölkert werden – oft sind es wüste Terrains wie auf der Fotoarbeit Burning Desire (1996-98). Auf einer ihrer bekanntesten Arbeiten, Tea Ceremony III (1994), befindet sich Mori vor einem japanischen Bürogebäude. Sie versucht, desinteressierten Geschäftsmännern Tee zu servieren. Trotz ihres Weltraumoutfits wirkt sie wie eine perfekte Stewardess.

Zuerst erscheint Moris Fähigkeit zu verzaubern fast wie ein Taschenspielertrick und lässt an eine sich permanent bewegende Westentaschenausgabe von Cindy Sherman denken. Aber bei genauer Betrachtung erweist sich Mori als eine wissende Führerin, immer sicher an der Spitze einer unglaublichen Mannschaft von Mitarbeitern. So hat sie etwa mit Computer-Spezialisten zusammengearbeitet, um ein 3-D-Video System für ihre Arbeit Nirvana (1997) zu entwickeln. Wissenschaft, Technologie und Kunst mischt sie mit kühner Intuition und Standhaftigkeit. Seit 1993 stellt Mariko Mori ihre Arbeiten weltweit in bedeutenden Museen aus. Auch in der Sammlung Deutsche Bank ist sie vertreten.



Wave Ufo, 1999-2002,
Installationsansicht im Kunsthaus Bregenz, 2003
Courtesy of the artist and Deitch Projects


Cheryl Kaplan: Ihre Installationen – vor allem Wave UFO, die jetzt in Venedig zu sehen ist – kombinieren Intimität und Öffentlichkeit. In der japanischen Kultur sind die Regeln dafür, wie man sich in der Öffentlichkeit zu verhalten hat, oft schwer zu verstehen.

Mariko Mori: Sogar ich missdeute diese Codes. Ich bin inzwischen etwas verwestlicht. In einer alten Stadt wie Kyoto nimmt man sie an der Oberfläche gar nicht wahr. Es ist alles so miteinander verflochten, dass man es kaum entschlüsseln kann. In einer traditionellen Kultur geht es nicht um "ja" oder "nein", sondern um eine ganz intuitive Kommunikation. Zeichen werden nie durch Sprache übermittelt, du musst fühlen was gemeint ist. Es handelt sich um eine gewachsene Gesellschaft. Individualismus westlicher Prägung existiert nicht. Shinto, die uralte japanische Religion, beruht auf der Vorstellung von lokalen Naturgeistern oder –göttern. Die Verehrung der Natur schafft auch eine soziale Dynamik. Wenn man etwas durch eine Naturkatastrophe verliert, akzeptiert man das.



Miko No Inori (Videostill), 1996
Courtesy of the artist and Deitch Projects


Ihre Zeichnungen sind sehr zart und doch verwenden sie auch Schaubilder und Diagramme. Wie entwickeln Sie Ihre Arbeiten. Sie wirken intuitiv, aber doch auch geplant.

Die Zeichnung ist ein Fragment, wie eine Notiz darüber, wie ich mich gefühlt habe. Es ist eine Art emotionaler Pfad. Er beginnt damit, dass ich eine Idee habe – mir fällt nicht alles sofort ein. Dann denke ich darüber nach, was ich noch herausfinden muss.

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