In dieser Ausgabe:
>> The VANITY of Allegory
>> Interview: Nan Goldin
>> Selbst ist der Blick
>> Alles gestehen: Gillian Wearing

>> Zum Archiv

 
Alles gestehen:
Gillian Wearings enthüllende Kunst



Private Gefühle, geheime Sehnsüchte und Obsessionen: die Menschen in den Videos und Fotos der Britin Gillian Wearing geben vieles von sich preis – und bleiben doch anonym. Um Verborgenes zu enthüllen, arbeitet die Turner-Preisträgerin häufig mit Verkleidungen und Masken. Louise Gray über Wearings Umgang mit Sex, Lügen und Videotapes.


Self-Portrait as my Father, Brian Wearing, 2003,
Sammlung Deutsche Bank
©Gillian Wearing, Courtesy Maureen Paley, London


Auf den ersten Blick hat der Mann auf Gillian Wearings Porträtaufnahme aus der Sammlung Deutsche Bank nichts Außergewöhnliches an sich. Das Foto lässt ihn jung, aber von unbestimmtem Alter erscheinen. Soweit uns seine Kleidung, Smoking und Fliege, Anhaltspunkte liefern, können wir versuchen herauszufinden, um wen es sich handelt. Vielleicht stand er als Teenager auf britische Working-Class Pop Bands, wie Spandau Ballet, die Streetfashion mit teueren Anzügen kombinierten. In Jackett und Fliege scheint er sich zu unwohl zu fühlen, um wirklich elegant zu wirken. Und um es salopp auszudrücken, er würde einfach nicht "durchgehen".


Self-Portrait as my Mother, Jean Gregory, 2003
©Gillian Wearing, Courtesy Maureen Paley, London

Dieses merkwürdige Gefühl entsteht durch die Aufnahme selbst, denn das, das was wir sehen, ist ganz und gar nicht das, was uns in Wirklichkeit vorgesetzt wird. Tatsächlich ist Self-Portrait as my Father, Brian Wearing (2003) ein Porträt von Gillian Wearing selbst. Das kurze Haar, das markante Kinn: Verkleidung und Make-up sind wirklich gut. Die Leichtigkeit, mit der sie in die Haut anderer Menschen schlüpft, zeigen fünf weitere Fotoarbeiten aus der Album-Serie: Self-Portrait as my Brother, Richard Wearing oder as my Sister, Jane Wearing, Uncle Bryan und das Bild, das den Ausgangspunkt der Serie bildete: Self-Portrait as my Mother, Jean Gregory. Es ist interessant, diese Bilder in ihrer Mischung aus sorgfältig inszenierter Porträtfotografie und beiläufiger Alltäglichkeit mit einer Aufnahme zu vergleichen, die die Künstlerin selbst zeigt – als trotzige 17-jährige, aufgenommen von einem Passbildautomaten.


Self Portrait at 17
©Gillian Wearing,
Courtesy Maureen Paley, London

Vergegenwärtigt man sich, dass es sich hier um eine von professionellen Maskenbildnern geschaffene künstliche Haut handelt, wird deutlich, wie erfunden diese "Familienzugehörigkeit" ist. Erst Wearings Aufnahmen definieren diese Menschen als Gruppe, sie signalisieren gesellschaftliche Zusammengehörigkeit. Das einzige Bild, das hierbei abseits steht, ist das von Wearing selbst: Worin könnte die völlige Ichbezogenheit einer Heranwachsenden besser zum Ausdruck kommen, als in einem Portrait, das ein Automat gemacht hat?


Bei anderen "durchzugehen", das heißt, sich den Anschein geben zu können, echt zu sein und dazuzugehören, ist eine durchaus vielschichtige Performance. In seiner extremsten Ausprägung zeigt sich das bei den schwarzen Drag Queens in Jennie Livingstons Dokumentarfilm Paris Is Burning (1990). Deren Auftritte als Frauen, Geschäftsmänner oder gar Soldaten wurden als Wettkämpfe ausgetragen und von einer Jury nach ihrem "Realitätsquotienten" beurteilt.




Sixty Minute Silence, 1996, Videostill
©Gillian Wearing, Courtesy Maureen Paley, London

Obwohl Wearings Album -Fotografien sich meisterhaft mit Täuschung auseinandersetzen, geht es bei diesen Porträts nicht vorrangig ums "Durchgehen", zumindest nicht im Sinne der Wettbewerbe in Paris is Burning. Vielmehr übt sich die Künstlerin in der Kunst der Irreführung. Die Frage, um die es geht, "Wer ist das, den wir da sehen?", berührt nicht ausschließlich die Identität, sondern auch gesellschaftliche Rollenmodelle und Beziehungsgeflechte.


Wearings Kunst "verkleidet" sich, um zu enthüllen. Dieser modus operandi prägt schon seit langem ihre Foto- und Videokunst. Ihre wohl bekannteste Arbeit ist hierbei das einstündige Video Sixty Minute Silence (1996). Es zeigt 26 Polizisten, die regungslos vor der Kamera verharren, so als ob sie für ein formales Gruppenfoto posieren würden. Mit der Zeit nimmt man jedoch wahr, dass sich die Uniformierten leicht hin- und her bewegen, sich ihre Blicke flüchtig streifen und hier und da ein Lachen unterdrückt wird. Von Minute zu Minute schwindet die Autorität, die die Uniformen signalisieren. Es ist ein einfühlsamer Film, der die uniformierten Massen individualisiert und sie von einer humanen Seite zeigt.



[1] [2]