In dieser Ausgabe:
>> The VANITY of Allegory
>> Interview: Nan Goldin
>> Selbst ist der Blick
>> Alles gestehen: Gillian Wearing

>> Zum Archiv

 

Radikale Selbstinszenierung ohne jede Garantie von Authentizität betreibt auch Jürgen Klauke. Formalisierung der Langeweile (1980), Sonntagsneurosen oder Eine Ewigkeit, ein Lächeln (1973) heißen seine schwarzweißen Fotoreihen, auf denen sich Klauke zwar in klaren Bildkompositionen und dennoch in relativ ungeklärter Beziehung zu Filzhüten, Stockschirmen oder seinem anonymen Gegenüber inszeniert.


Arnulf Rainer, Im Gewirre gefangen, 1974
Sammlung Deutsche Bank

Vom multipräsenten Künstler wie Philip Akkerman, der Anfang der achtziger Jahre entschied, nur noch sich selbst in realistischer Manier zu malen, bis zum Ikonoklasten Arnulf Rainer, dessen eigenes Porträt Im Gewirre gefangen von 1974/75 von dunklen Strichen überzeichnet und teils unkenntlich gemacht ist, spannt dieses Jahrzehnt ein Panorama künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten. Und während Salomé sich Selbst als Transvestit verkleidet aquarelliert, klebt Felix Droese in die Collage Meine Haare I und II von 1980 sein echtes Haar an ein Strichmännchen und macht die Frisur zum wichtigsten Merkmal seines Selbstporträts.


Felix Droese, Meine Haare I und II, 1980
Sammlung Deutsche Bank

Ein Grund für diese Farce mag die Renaissance des traditionellen Selbstporträts in der Kunst Anfang der achtziger Jahre gewesen sein. Martina Weinhart, Kuratorin an der Frankfurter Schirn Kunsthalle, macht in ihrer Analyse Selbstbild ohne Selbst (Reimer Verlag 2004) darauf aufmerksam und weist dabei auch auf den Aufstieg des Künstlers zum Medienstar hin: "Gleichzeitig bringt das Ende der siebziger Jahre einen ungeheuren Aufschwung auf dem Kunstmarkt. Die Kunst – vor allem aber auch der Künstler und hier vor allem die Maler der Neuen Figuration – wird stärker in den Mittelpunkt gerückt. Immer wieder wird er abgebildet in Lifestyle-Magazinen, bei Eröffnungen, gesellschaftlichen Events und schließlich in der Homestory (Atelier) in der Illustrierten."

Thomas Ruff, Porträt (Dirk Skreber), 1987
Sammlung Deutsche Bank


Mit dem Verschwinden des Künstlers aus dem gemalten oder fotografierten Bild, so scheint es, wächst das Bedürfnis des Publikums, sich des Autors hinter dem Werk zu vergewissern. Die Reaktionen der Produzenten sind unterschiedlich: Sie reichen von einzelnen fotografierten Körperteilen, wie sie Thomas Florschuetz in seinen unbetitelten Fotos anbietet, über das nüchterne Porträt, das Thomas Ruff von seinem Künstlerkollegen Dirk Skreber liefert, bis hin zu den ephemeren Zeichnungen eines Manfred Stumpf, auf dessen Blättern jede Figur die schlichtmöglichsten Umrisse annimmt. Vager lässt sich ein (Selbst-)Bildnis kaum gestalten.

Angus Fairhurst, An Effortless Patch #1-4", 1998
Sammlung Deutsche Bank


Somit scheint alles abgegrast und das Selbstporträt nicht länger ein Thema zu sein, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Solchen Annahmen zum Trotz tauchen jedoch gerade in der jüngsten künstlerischen Produktion erneut Selbstbildnisse auf, die jenseits aller Fragmentierungen und analytischen Dekonstruktion verblüffend vollständige Ansichten liefern. Neben Amelie von Wulffen, Sarah Lucas und Bettina Hoffmann , die sich gleich mehrfach in ihre Fotos montiert, zeigt sich Florian Merkel im farbig getönten Selbstporträt Ohne Titel (1992) beim Blick durch eine Kinder-Windblume. Ähnlich offensiv geht der britische Künstler Angus Fairhurst als Selbstdarsteller vor, wenn er sich zwischen bunten Gladiolen fotografiert, während Cornelia Schleime in ihrer Serie Bis auf weitere gute Zusammenarbeit (1993) – eine Auseinandersetzung mit der eigenen Stasiakte – diverse Selbstporträts mit Schriftstücken kombiniert.


Cornelia Schleime,
Bis auf weitere gute Zusammenarbeit, 1993

Ein zweiter Blick offenbart dann die Doppelbödigkeit jener Bildnisse, die so demonstrativ mit dem Sujet umgehen, dass man ihnen nicht trauen kann. Sie alle rekurrieren auf die Geschichte des Selbstporträts und distanzieren sich im selben Moment von ihrer behaupteten Eindeutigkeit. So macht Merkel mit den schrägen Farben zugleich auf das verfremdende Potenzial der Fotografie aufmerksam und zeigt Fairhurst die Blumen und damit das Beiwerk seiner Inszenierung größer als das (eigentlich) zentrale Thema: sein Gesicht. Cornelia Schleime wiederum hat konkret umgesetzt, was ihre Stasi-Akten eher wolkig über sie zu berichten wissen. Sie selbst ist das nicht, nur die Interpretation ihrer Person durch Anderer Augen. "Ich bleibe lieber ein Rätsel", hat Andy Warhol in den Sechzigern für sich formuliert. Dabei ist es geblieben.

[1] [2]