In dieser Ausgabe:
>> Bilder der Nacht
>> Weniger Techno, mehr Technik
>> Postkarte aus Japan
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Weniger Techno, mehr Technik:
Ein Gespräch mit dem in Berlin lebenden österreichischen Künstler Gerwald Rockenschaub


Der Beginn, sagt Gerwald Rockenschaub heute aus der Distanz, war naiv und die Verbindung von Kunst und Musik reiner Zufall. Dennoch hat er schon in den achtziger Jahren parallel als DJ und konzeptueller Künstler gearbeitet, bis heute sampelt Rockenschaub in nächtelanger Arbeit eigene Tracks. Als „Grandsigneur der Crossover-Szene“, wie ihn ein Kunstmagazin genannt hat, versteht sich der österreichische Künstler allerdings nicht, dafür ist ihm die Autonomie der beiden Bereiche zu wichtig. Harald Fricke hat mit Gerwald Rockenschaub über die Schnittstellen zwischen Kunst und Musik gesprochen, die sich aus der Clubkultur der neunziger Jahre ergeben haben.

Gerwald Rockenschaub, Foto: (c) Martin Vukovitz



Seine Liebe zur Musik würde der Künstler Gerwald Rockenschaub nie leugnen. Als er 1999 im Hamburger Kunstverein seine erste deutsche Retrospektive hatte, lautete der Titel Funky Minimal. Beide Begriffe passen zu den Plexiglasobjekten oder den oft monochromen Bildtafeln, mit denen der 1952 in Linz geborene Künstler seit einigen Jahren arbeitet. Das gilt aber auch für die Environments aus durchsichtigem PVC, mit denen Rockenschaub zuletzt im Wiener MUMOK (Museum Moderner Kunst) zu sehen war. Wie eine zweite Haut wirkt das Material und stellt sich doch widerspenstig als Raum im Raum dar.

Die Karriere von Rockenschaub reicht bereits bis in die Mitte der achtziger Jahre zurück, als er mit seinen kleinformatigen Gemälden zu einem Hauptvertreter von NeoGeo-Malerei wurde. Später hat er die Formen und Farben immer weiter reduziert, mittlerweile arbeitet er mit standardisierten Industriefarben und mit dünnen Folien, aus denen er seine am Computer entwickelten Gemälde zusammensetzt. Dabei geht es Rockenschaub immer auch darum, die technischen Bedingungen des künstlerischen Vorgehens mit zu thematisieren – schließlich war er einer der ersten Künstler, die sich in den frühen neunziger Jahren mit der Kontextualisierung von Kunst beschäftigten. Entsprechend bestand sein Projekt für den österreichischen Pavillon zur Biennale in Venedig 1993 aus einem den ganzen Raum durchlaufenden Gerüst, von dem aus man in den leeren Pavillon schauen konnte.

Zur gleiche Zeit wurde Rockenschaub auch als DJ aktiv: Manchmal hat er nach Eröffnungen aufgelegt, vor allem gehörte er zur festen Crew des Wiener Audioroom. Weil sich bei ihm offenbar Kunst und Musik so gut vereinigten, hat ihn die Zeitschrift art wenig später den „Grandseigneur der Crossover-Szene“ genannt. Doch dieser Zuschreibung würde der strenge Konzeptualist vehement widersprechen. Ihm ist die Trennung der Bereiche heute wichtiger denn je zuvor. Entsprechend ist auch seine eben erst veröffentlichte CD Private Pleasures nicht Teil eines Kunstprojekts, sondern ganz und gar auf den Markt elektronischer Musik ausgerichtet. Umgekehrt kam die Ausstellung im MUMOK unter dem Titel 4296 m3 komplett ohne Sound aus: Selbst die aggressiv in geometrisch abstrakten Formen lodernden Videos waren tonlos, damit man sich voll auf die visuelle Inszenierung konzentrieren konnte.


Herr Rockenschaub, Sie sind selbst ein Vertreter der sogenannten Clubkunst gewesen, die Ende der neunziger Jahre ziemlich populär wurde. Sind sich Kunst und Musik in diesem Crossover näher gekommen?

Gerwald Rockenschaub: Das ist schwer zu sagen. Aus meiner Erfahrung gab es immer nur punktuelle Annäherungen, aber das war auch schon in den Zeiten von Punk so oder bei der Kombination Andy Warhols mit Velvet Underground. Andere Überschneidungen findet man bei The Who und Rolling Stones, bei denen einige Musiker selber von den Kunstakademien kamen. Bei mir war es ja ähnlich, ich habe während meiner Zeit an der Kunstakademie in Wien mit der Band Molto Brutto Musik gemacht und auch mein erstes Geld verdient.


6 Animationen, 2001-2004, Ausstellungsansicht MuMoK, Wien 2004
Courtesy Mehdi Chouakri, Berlin

Was hat Sie an der Kombination zwischen Kunst und Musik gereizt?

Mich hat beides fasziniert. Das gilt bereits für die Zeit, als wir zu Beginn der achtziger Jahre mit der Band noch New Wave gespielt haben. Aber um den internationalen Durchbruch zu schaffen, da hätten wir einen anderen Standort für unsere Karriere gebraucht – Pop kommt nun einmal nicht von der Peripherie aus Österreich. Insofern haben wir naiv begonnen, ohne die Musik mit der Kunst zu verbinden. Das waren Zufälligkeiten, mehr nicht. Andererseits waren die Ambitionen bei mir ganz klar im Bereich der Kunst, da hatte ich auch schon früh die ersten Galeriekontakte, überhaupt war Kunst für mich das zukunftsträchtigere Medium.

Hat sich dieses Verhältnis in Zeiten von Techno gewandelt?

Ja, schon. Das war Ende der achtziger Jahre, als ich bei Ausstellungen in New York die House-Musik kennen lernte. Das war für mich interessant, man konnte mit elektronischen Medien Musik machen, die dazugehörigen Sampler und Computer waren auch in einer Preislage, die man sich leisten konnte. Was meine Tätigkeit als DJ angeht, so hatte ich mich schon länger mit HipHop beschäftigt, und so empfand ich Plattenauflegen als das adäquate Medium. Es hat halt Spaß gemacht, ohne dass ich dieses Interesse mit meinem künstlerischen Anliegen verbunden hätte – das bekam auch wieder so eine Art Eigendynamik, weil ich in Wien eben schon früh bei den ersten Clubs dabei war. Es gab Angebote, ich habe hier und dort aufgelegt, aber das hielt sich alles im Rahmen.


Color foil on Alucore, aluminium frame, 2001
Courtesy Mehdi Chouakri, Berlin


Sie wollten kein Profi-DJ werden?

Nein, denn dann hätte ich mich gegen die Kunst entscheiden müssen. Ich bin an eine Grenze gekommen, bei der ich nicht tagsüber Kunst und nachts Musik hätte machen können. Damit wäre ich im Extremfall 24 Stunden am Tag im Einsatz gewesen, das ist körperlich nicht machbar. Trotzdem werde ich mein Interesse an elektronischer Musik nicht aufgeben, deshalb gibt es ja auch die CDs. Ich wollte einfach nicht mehr als DJ in Erscheinung treten, das hat auch mit dem Alter zu tun. Aber wenn man sich jahrelang mit Tanzmusik beschäftigt, dann hat man eben auch entsprechende Ideen, die man umsetzen will.


Dabei ist Ihre letzte CD "Private Pleasures" nicht sehr tanzbar.

Eben, sie benutzt Tanzmusik nur noch als eine Referenz, geht aber viel mehr in Richtung eines Experiments mit den Möglichkeiten elektronischer Musik.

Das merkt man auch an den Samples , wenn Sie etwa Kraftwerk oder ein Swing-Orchester zitieren.

Das ist kein Swing, das ist Sun Ra, den ich sehr verehre. Für mich passt er gut zu meiner Vorstellung von Techno, auch wenn er Jazz gespielt hat. In dem Sample ist zudem ein gewisser Rhythmus vorgegeben, aus dem heraus ich dann meinen eigenen Track erarbeitet habe. Natürlich stand für mich am Anfang die Frage, was ich zitieren, womöglich auch dekonstruieren will. Aber die meisten Samples sind dann in so kurze Zeiteinheiten zerlegt worden, dass man das Original nicht heraushören kann. Es sind Stimmungen, minimale Schnipsel. Wenn man bei einigen Stücken Fetzen von Vocals hört, dann sind es meistens die Pet Shop Boys, obwohl weder ein Satz noch ein Wort aus ihren Texten erkennbar sind. Ich benutze alles als Spielmaterial.

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