In dieser Ausgabe:
>> Bilder der Nacht
>> Weniger Techno, mehr Technik
>> Postkarte aus Japan
>> Kunst in der 2-Raum-Wohnung

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Postkarte aus Japan:
Auf Tour mit Laurie Anderson




Laurie Anderson, Ten Postcards

Mit dem Song "O Superman" wurde sie als Popstar weltberühmt. Doch die Arbeit der Multimediakünstlerin Laurie Anderson lässt sich nicht auf eindeutige Kategorien festlegen. Virtuos spürt sie Phänomenen der Massenkultur nach und transformiert sie zu poetisch- abgründigen High-Tech Performances und Kunstwerken. Wer wissen möchte, was eine Lipstick–Kamera ist, oder warum Andersons Hund Lolabelle ein Detektor für die Zukunft ist, wird von unserer Autorin Cheryl Kaplan aufgeklärt: Sie hat die umtriebige Künstlerin zur Expo 2005 nach Japan begleitetet.



Expo 2005, Japan


Laurie Anderson ist gerade auf einem Gastspiel in Japan. Für die Expo 2005 in Nagoya hat sie unheimliche und komplexe Performances entwickelt. Diese Auftragsarbeiten erleben jetzt ihre Premiere – so der High-Definition Film Hidden inside mountains, die Multi-Media-Garteninstallation Walk und Ten Postcards, eine Serie von Live-Konzerten. Als Produzentin des Films und der Garteninstallation habe ich sie nach Japan begleitet.

Zurzeit steckt Anderson mitten in ihrer einjährigen Tournee End of the Moon , die sich aus ihrer Arbeit für die NASA entwickelt hat. 2003 war sie der erste Artist in Residence der Organisation. Die NASA besitzt übrigens eine Sammlung von über 800 Arbeiten von 250 Künstlern und Musikern wie Robert Rauschenberg und Norman Rockwell. Es stellte sich dann heraus, dass ihre zweijährige Amtszeit Anderson die Ehre eingebracht hat, der erste und zugleich letzte Artist in Residence der NASA gewesen zu sein. So kann es einem im Weltall ergehen…



Poster zu Ten Postcards

Auf der Erde hat Anderson schon vieles gemacht: vom Job bei MacDonalds in Chinatown bis zum Verfassen eines Artikels über ihre Heimatstadt New York für die Encyclopedia Britannica. Mit fünf fängt sie an, klassische Violine zu spielen und 1982 erreicht sie mit ihrem Song O Superman die Nummer 2 der englischen Pop-Charts. Damit beginnt ihre Karriere als Musikerin, Dichterin und Performance-Künstlerin, die auch die Grenzen der Technik erweitert. Unter anderem mit der von ihr 1977 entwickelten Tape Bow Violin: Die übliche Bespannung des Bogens aus Pferdehaar ersetzt sie bei diesem Instrument durch unterschiedlich bespielte Tonbandabschnitte, die sie mit Hilfe eines auf der Violine montierten Tonkopfes zum Klingen bringt. 1998 entsteht der Talking Stick , eine Art High-Tech-Stock, mit dem sie die unterschiedlichsten Geräusche produzieren kann.



Ten Postcards, Live-Konzert

Für die Utensilien ihrer letzten Tourneen benötigte die Künstlerin nur ein paar Koffer. Jetzt meint Laurie Anderson hoffnungsvoll:“ Irgendwann einmal wird alles in meine Hosentasche passen.“ In ihrer Solo-Performance End of the moon und auch bei Ten Postcards – hier stehen der Bassist Skuli Sverrisson, mit dem sie schon seit langem zusammenarbeitet, und der Percussionist Jim Black mit auf der Bühne – benutzt sie unter anderem Text, einen Sessel und eine Elmo Lipstick-Kamera. Diese Mini-Kamera, mit der man sich sozusagen selbst ausspionieren kann, hängt an einem langen Draht und überträgt auf dem Kopf stehende Bilder von Anderson auf eine riesige Leinwand. Ihre Bewegungen auf den Filmbildern erinnern dabei an Michael Jacksons Moonwalk. Schon immer bildeten alle nur erdenklichen Formen von Übertragung und Übermittlung den Kern von Andersons künstlerischem Schaffen.

Laurie Anderson ist immer in Bewegung. Sie hat mit dem Underground-Schriftsteller William Burroughs zusammen gearbeitet, in dem Rudolf Thome Film System ohne Schatten an der Seite von Bruno Ganz gespielt und war an Filmen von Wim Wenders, Julien Schnabel und Jonathan Demme beteiligt. Ihre Arbeiten sind packend und wirken manchmal etwas unbestimmt, um dann aber ganz unvermutet doch genau ins Schwarze zu treffen.



Ten Postcards, Live-Konzert


In Ten Postcards , Laurie Andersons japanischer Konzert-Performance, erzählt sie von ihrer Hündin Lolabelle, ihrer stets aufmerksamen Bewacherin: In einem Universum, das in seine eigenen Gesetzmäßigkeiten verstrickt ist und in dem es von Fallen nur so wimmelt, wird Lolabelle unwissentlich zu einer Helferin, die kommende Gefahren aufspürt. Intuitiv wittert sie, ob eine Situation sicher ist oder ob etwas unweigerlich schief gehen wird. Der Einsatz von gesprochener Sprache gehört zu den Kennzeichen von Andersons Kunst. In Hidden Inside Moutains, ihrem High Definition Film, der während der Expo 2005 auf der weltweit größten Leinwand gezeigt wird, verzichtet sie jedoch völlig darauf. Worte tauchen nur in Form von japanischen und englischen Untertiteln auf. Bis auf den gelegentlichen Gesang von Antony wirkt diese Arbeit eher wie ein Stummfilm.

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