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Schlafwandeln in New York:
Ein Besuch bei dem Maler Tam Ochiai



Den mädchenhaften Gestalten auf seinen merkwürdig flachen Gemälden haftet die Aura von Nouvelle Vague, Popsongs und verregneten Nachmittagen an. Mit subtiler Leichtigkeit erschafft der Japaner Tam Ochiai einen introvertierten Bildkosmos, der Fans und Galeristen rund um den Globus begeistert. Cornelius Tittel hat den Künstler in seinem New Yorker Atelier getroffen.



Tam Ochiai, 2005,
Foto: Adam Broomberg & Oliver Chanarin


Und plötzlich ist es tropisch heiß an diesem klirrend kalten Nachmittag. Japanische Elektronik tröpfelt schwül aus den Boxen und die einzige Lampe im größten Zimmer seines Wohnateliers ist ein Flutlicht, das einen sofort bereuen lässt, im Februar ohne Sonnebrille nach New York gereist zu sein. Ein Interview, soviel ist klar, wird es nicht werden, schon das Geräusch des Tonbandgerätes macht Tam Ochiai nervös. Man könne doch einfach so reden, sagt er, aber schon nach wenigen Minuten ahnt man, dass er noch viel besser einfach so schweigen kann.

Bei Team, seiner New Yorker Galerie, hatte es geheißen, Ochiai sei notorisch still, bezaubernd schüchtern und arbeite so langsam, dass man seine Produktion als gedrosselt begreifen müsse. Umso glücklicher sei man, wenn er es dann doch mit neuen Arbeiten bis in die Galerie schaffe.Ein Wort mit dem Tam Ochiai wenig anfangen kann ist „Arbeiten“. Nach New York, erzählt er an diesem langen, stillen Nachmittag, der sich wie ein klebriger Honigfaden in den Abend ziehen wird - von seinem Atelier in der Lower Eastside in eine benachbarte Kneipe namens Pink Pony und wieder zurück - nach New York sei er nur gekommen, weil er hier eben nicht hätte arbeiten müssen. Ein Wall-Street-Job war es, der seinen Vater Anfang der Neunziger von Yokohama nach New York lockte, er habe sich einfach nur dran gehängt. In Japan zu bleiben, sagt Tam Ochiai mit gesenktem Blick, hätte Arbeit bedeutet.



Im Studio von Tam Ochiai,
Foto: Adam Broomberg & Oliver Chanarin

„Ich mache immer noch das gleiche, wie damals, als ich nach New York gekommen bin“, sagt Tam Ochiai mit leiser Stimme, sein Englisch gebrochen, die Augenlider müde: „Ich laufe und laufe und laufe.“ Wäre dies ein Casting für einen Film über Schlafwandler, Jim Jarmusch hätte ihm die Rolle längst gegeben. „Wenn ich laufe, gehe ich hier in einen Plattenladen, dort in ein Buchgeschäft, vielleicht in ein Kino oder in eine Boutique. Das geht endlos so und erst wenn ich genug gelaufen bin, wenn es nichts mehr zu tun gibt, wenn ich wirklich anfange mich zu langweilen, dann gehe ich nach Hause und mache Kunst – es ist das Gegenteil eines Berufes.“

Die Früchte dieser Langeweile sind es, die ihn dieser Tage um die Welt reisen lassen. Großformatige Leinwände, auf denen Tam Ochiai die Grenzen zwischen Ölgemälde und Zeichnung verwischt, in dem er seinen zerbrechlichen, mit Bleistift auf die Leinwand gehauchten Kindfrauen expressive Frisuren verpasst, die in ihrer öligen Flächigkeit an die Colorfield-Paintings der fünfziger Jahre erinnern. Leinwände, an deren Rand sich rätselhafte Zahlenkombinationen finden, Song und Film-Titel oder absichtlich sprachgestörte Wortspiele – all das was Tam Ochiai auf seinen New Yorker Wanderungen sammelt, bevor die Langeweile über ihn hereinbricht. Gerade erst ist er aus Deutschland zurück gekehrt. Im Freiburger Kunstverein ist er an einer Gruppenausstellung beteiligt, dann geht es nach Wien und Tokio und später ins Deutsche Guggenheim nach Berlin, zur großen Jubiläumsshow anläßlich des 25-jährigen Geburtstags der Sammlung Deutsche Bank.

Tam Ochiai hat jetzt Erbarmen, die konzentrisch größer werdenden Schweißflecken seines Besuchers sind nicht mehr zu übersehen. Er holt ein Glas Wasser und dreht das Flutlicht gegen die Wand, an der jetzt, wo sich die Augen langsam zu entkrampfen beginnen, eine weiße Leinwand zu erkennen ist, leer bis auf einen Satz. „A girl with a wide open face and curly hair“, steht dort in schwarzen Lettern. „Nicht von mir“, sagt Tam Ochiai und fragt dann, ganz so als würde er vorschlagen eine DVD einzulegen, ob man jetzt vielleicht ein paar seiner Bilder anschauen wolle.


Car, 2002,
Sammlung Deutsche Bank, (c) Tam Ochiai, Courtesy Arndt & Partner, Berlin

Es sind Din A4-Blätter, die Tam Ochiai auf dem Boden ausbreitet, zwanzig Stück vielleicht, mit blassen Wasserfarben und Buntstiften bemalt. Ein Mädchen, es könnte das von der Leinwand sein, schiebt ein Fahrrad, macht Musik und fällt in Ohnmacht. „Hier“, sagt Tam Ochiai und zeigt auf das stürzende Mädchen, „siehst du den schwarzweißen Schweif oben am Bildrand? Es ist ein Stinktier, das davon läuft, doch es ist schon zu spät. Sie ist bereits in Ohnmacht gefallen, so sehr hat es gestunken.“ Tam Ochai fächelt sich mit der linken Hand Luft zu und lächelt. „Es ist wie ein Film, mit allem, was dazu gehört“, sagt er und zeigt auf die abstrakten Blätter der Serie. „Das sind die Close-Ups. Wenn du genau hinschaust, siehst du, dass dieses Rautenmuster nur eine Nahaufnahme vom Pullover des Mädchens ist.“ Und der Plot, das Drehbuch? Da scheint er selbst überfragt: Lange starrt er auf die Blätter, die Stirn in Falten gelegt. „Ich bin mir noch nicht sicher“, sagt er und, eine halbe Ewigkeit später: „I guess I am a movie director without a clue.“




Skink, 2004
Sammlung Deutsche Bank, (c) Tam Ochiai

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