In dieser Ausgabe:
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>> Visionäre Räume: Zaha Hadid

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Schon die virtuellen Projekte aus ihrer Studien- und Lehrzeit wirkten futuristisch – wie UFOs aus einem Hollywood-Film, die es zufällig auf die Erde verschlagen hatte. Daran änderte sich auch nichts, nachdem die Architektin sich mit ihren kühnen Entwürfen im konventionellen Raum-Zeit-Kontinuum zu behaupten hatte. Die Feuerwache für den Möbelhersteller Vitra in Weil am Rhein, 1993 fertig gestellt und Zaha Hadids erstes realisiertes Bauwerk überhaupt, ist trotz ihrer relativ bescheidenen Dimensionen ein atemberaubendes Ensemble aus schiefen Ebenen, spitzen Wänden und hervor kragenden Dächern, in dem kein einziger rechter Winkel zu existieren scheint. Oder, ein anderes Beispiel, das Richard and Lois Rosenthal Centre for Contemporary Art in Cincinnati, Ohio, aus dem Jahr 2003: Dort wird das expressionistisch anmutende Treppenhaus von einer über mehrere Stockwerke reichenden Mauer begrenzt, die wie eine Skateboard-Rampe in einer steil ansteigenden, nach außen gewölbten Kurve aus dem Boden emporwächst.

Rosenthal Centre for Contemporary Art, Cincinnati, Ohio, (c) und Foto: Roland Halbe Rosenthal Centre for Contemporary Art Cincinnati, Ohio, Eingangshalle Foto: Hélène Binet


Aufsehen erregende baukünstlerische Visionen sind seit langem das Markenzeichen von Zaha Hadid. Begonnen hat die Laufbahn der 1950 in Bagdad geborenen Tochter eines wohlhabenden irakischen Geschäftsmannes direkt nach ihrem Studium an der Architectural Association (AA) in London. Von 1977 bis 1980 war sie Partnerin in einem Epizentrum der Avantgarde, im Office for Metropolitan Architecture (OMA) von Elia Zenghelis und ihrem ehemaligen Lehrer Rem Koolhaas. 1980 gründete sie ihr eigenes Büro, wobei sie sich zunächst nahezu ausschließlich auf die Lehre konzentrierte, erst an der AA in London, später auch an den Universitäten Harvard und Yale, in Chicago, New York und an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Momentan unterrichtet sie als Professorin an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

Waren ihre Aktivitäten lange Zeit auf architekturtheoretische Abhandlungen beschränkt, so änderte sich dies Anfang der neunziger Jahre. Ab da reüssierte sie auch praktisch in den unterschiedlichsten Sparten und Bauaufgaben. 1999 gestaltete sie die Mind Zone im Millenium Dome in Greenwich vor den Toren Londons. In Straßburg errichtete Zaha Hadid einen Trambahnhof und ein Parkhaus (2001), in Innsbruck eine Skisprungschanze (2002), im Jahr darauf das Museum in Cincinnati.



Skisprungschanze in Innsbruck
Foto: Hélène Binet

Aktuell in Planung sind ein Zentrum für Zeitgenössische Kunst in Rom, das Phaeno Science-Centre in Wolfsburg und in Leipzig das Zentralgebäude der neuen BMW-Fabrik. In Taichung auf Taiwan entsteht nach ihren Entwürfen eine Dependance des New Yorker Guggenheim Museums, in Abu Dhabi eine Brücke und für Bilbao, Singapur und die Soho City in Peking hat sie städtebauliche Masterpläne erstellt. Dabei verleugnet Zaha Hadid, deren Zeichnungen von Museen wie dem New Yorker MoMA angekauft werden, nicht ihre experimentellen Anfänge. Innenraumgestaltungen und temporären Architekturen wie jetzt für das Deutsche Guggenheim widmet sie sich mit demselben Engagement – sei es für Restaurants wie dem Moonsoon in Sapporo oder Bühnenbildern für die Band Pet Shop Boys. Denn im Grunde geht es ihr darum, „neue Ordnungssysteme zu schaffen“. Die Nutzer und Betrachter sollen ihre Bauten bzw. Einbauten als „bewegliche, leichte Einheiten“ wahrnehmen.


„Das westliche Denken“, sagt die Architektin, „war lange von der Vorstellung geprägt, dass es eine überlegene, ideale Form gibt, den Raum zu organisieren. Erst in den letzten zwanzig Jahren haben wir verstanden, dass nicht ein Prinzip und dessen Logik besser als ein anderes ist. Die Anforderungen an den Raum sind komplexer geworden. Das ist das Neue.“


Entwurfszeichnung für das Phaeno Science Centre in Wolfsburg,
©Zaha Hadid Ltd.

Das klassische Credo der Moderne „Form follows function“ hat für sie seine Gültigkeit verloren. „Die Funktionen haben sich gewandelt. Arbeit, Kunst, Verkehr – all diese Bereiche fordern einen neuen Umgang mit dem Raum. Was verloren gegangen ist, sind die traditionellen Typologien in der Architektur, die besagen, dass eine Bibliothek auszusehen habe wie eine Bibliothek.“ In dieser Auffassung fühlt sie sich einigen ihrer Kollegen besonders nahe. Peter Eisenman , der Erbauer des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, ist einer davon, Daniel Libeskind, der zuletzt mit dem Freedom Tower an Ground Zero in New York von sich reden machte, ein anderer. Mit beiden verbindet sie das Anliegen, den größtenteils sehr konventionellen und kommerziellen Erwägungen in der zeitgenössischen Architektur etwas entgegenzusetzen und „möglichst vieles von dem, was als theoretische Konzeption gilt, in den architektonischen Mainstream zu überführen.“



Phaeno Science Centre in Wolfsburg, Bauphase,
Foto: Hélène Binet

Von diesem Ziel ist sie freilich noch weit entfernt – dazu ist ihre Formensprache wohl zu eigenständig und auch zu gewagt. Auf der anderen Seite hat natürlich auch sie Anregungen empfangen, war und ist Einflüssen ausgesetzt wie jeder Architekt. In den Achtzigerjahren wurde sie häufig den so genannten „Dekonstruktivisten“ zugerechnet, mittlerweile jedoch ist dieser Begriff in der aktuellen Architekturkritik nicht mehr so gebräuchlich. Was ihre künstlerische Herkunft betrifft, so hat sie früh selber Hinweise gestreut, und die deuten in die genau entgegen gesetzte Richtung.


THE PEAK, HONG KONG,
Entwurf für einen Freizeitpark, Internationaler Wettbewerb: 1. Preis, 1982-83
©Zaha Hadid Ltd.


Noch heute findet sich auf der Website ihres Londoner Büros jener Entwurf, den sie 1977 als Diplomarbeit an der AA eingereicht hatte. Sein Titel lautet Malevich’s Tektonik, und was man darauf erkennt, ist der pure Konstruktivismus der russischen Avantgarde der frühen 1920er Jahre. Als hätten ihr der Suprematist El Lissitzky oder eben der Großmeister der Klassischen Moderne, Kasimir Malewitsch, beim Zeichnen die Hand geführt, sind dort abstrakte, geometrische Figuren in himmelsstürmender Dynamik auf dem Blatt verteilt. Das sind Zaha Hadids wahre Ahnen: die größten Revolutionäre, die radikalsten Erneuerer der Kunst des 20. Jahrhunderts.

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