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Malerei auf Papier: Jackson Pollock in Berlin


Die Ausstellung No limits, just edges mit rund fünfzig Zeichnungen des amerikanischen Malers und Mitbegründers des Abstrakten Expressionismus, Jackson Pollock, ist von Presse und Rundfunk weit gehend sehr positiv aufgenommen worden. "Jackson Pollock", heißt es beispielsweise im Beitrag von Carsten Probst für die Sendung Kultur heute des Deutschlandfunks in Köln, "wurde vor allem als einer der bedeutendsten Vertreter des Action Paintings bekannt. Nun widmet sich das Deutsche Guggenheim Berlin einer weniger bekannten Seite des Künstlers." Um den Stellenwert von Pollocks Zeichnungen zu charakterisieren, zitiert Probst zunächst den Künstler selbst: "Die Zeichnungen, die ich mache, stehen in einem Zusammenhang zu meiner Malerei, sie dienen ihr aber nicht", und stellt dann fest: "Mit anderen Worten: Für seine Gemälde brauchte er keine Vorzeichnungen und darin bestand ja unter anderem sein radikaler Bruch mit der Malereitradition. Pollock sah seine Arbeiten auf Papier als völlig eigenständiges Medium an, auch wenn er dabei manchmal Methoden praktizierte, die man von seinen Gemälden her kennt."

Aber, so Probst, die Betonung "liegt auf manchmal": "Natürlich begegnet einem hier unter den gut fünfzig Arbeiten aus drei Jahrzehnten manches, das auch wenig kunstbewanderte Besucher immer gern als 'typisch Pollock' ausmachen; der 1912 in Wyoming geborene Amerikaner ist nun einmal der berühmte Erfinder des Drip Painting." Doch "die ganz eigenen, die wirklich überraschenden Entdeckungen" sind die unbekannteren Werke, konstatiert der Rezensent: "Eine Tuschezeichnung aus dem Spätwerk etwa, wo dünn aufgelöste dunkle Tuschewolken auf einem zartrosa Hintergrund tanzen wie feine Rauchschwaden, die sich in Sommerluft auflösen. Oder ein Blatt in extremem Querformat, über anderthalb Meter lang, auf dem auf weißem Grund nur drei große schwarze Gebilde zu sehen sind, die eher arabischen Schriftzeichen ähneln." Insgesamt, so Probsts Fazit, "schält die Ausstellung mit schöner Präzision einen Aspekt in Pollocks Werk heraus, der den Klassiker noch immer überaus aktuell wirken lässt".

Christiane Meixner hält die Pollock-Schau in der Berliner Morgenpost für "gleich in doppelter Hinsicht beispielhaft: Zum einen zeichnet sie nach, wie sich Jackson Pollock ganz allmählich von der verbindlichen figurativen Malerei hin zu jenem Stil des 'dripping painting', den reinen Farbspuren, entwickelte." Andererseits erzählt der "aufwendige, begleitende Katalog auch ein Stück weit die Genese einer Karriere in den fünfziger Jahren, hinter der mit Peggy Guggenheim eine mächtige amerikanische Galeristin stand", so Meixner, die die Ausstellung als "ein Ereignis" lobt.

Auch für Bernhard Schulz vom Tagesspiegel erscheint die Gelegenheit, die Zeichnungen Pollocks erleben zu können, als

"eine glückliche Fügung". Auch mit dem Untertitel der Schau "Malerei auf Papier" ist Schulz sehr einverstanden, da der Künstler "die Grenze zwischen Grafik und Malerei nahezu vollständig" auflöste: "Als Kulminationspunkt der Ausstellung erweist sich eine Reihe von Arbeiten, die als Gemälde wahrgenommen werden müssen und sich lediglich durch den Hinweis auf ihre papierne Trägerschicht als grafische Arbeiten verraten." Dann widmet sich Schulz dem künstlerischen Werdegang des Malers: "Es war in der Tat ein langer und verschlungener Weg, den Pollock gegangen ist. Er begann mit figurativen Darstellungen, die alle Merkmale der Depressionszeit der Dreißigerjahre tragen, als Pollock bei dem erzkonservativen Regionalisten Thomas Hart Benton studierte." Nur: Pollock konnte schon damals "mit der sichtbaren Wirklichkeit nicht allzu viel anfangen". Erst als er "sein Inneres nach außen kehrte und zum kaum verhüllten Thema machte", urteilt Schulz, "gelangen ihm authentische und zwingende Werke."

Die Welt am Sonntag schreibt: "Jackson Pollock wird wohl auf ewig für seine Drippings berühmt bleiben. Jene Bilder, die er schuf, indem er Farbe auf die Leinwand tropfen ließ. Viel unbekannter - in Europa geradezu vergessen - sind die frühen Werke des Amerikaners", die den Künstler von einer "kitschigen Hafenszene mit Leuchtturm" bis zu den späten "Abstraktionen par excellence" führten.

Die Frankfurter Rundschau erinnert in ihrem Artikel zur Ausstellung daran, wie erstaunlich kurz die beste Schaffensphase Pollocks war, nämlich "nur fünf Jahre, mehr nicht". Diese fünf Jahre genügten, so der Kritiker der FR, um dem Künstler Weltruhm zu bescheren: "eine Biografie wie ein Roman", maßgeblich beeinflusst vom älteren Bruder und gleichzeitig geprägt von quälenden Selbstzweifeln. Für die FR starb Pollock schon lange vor seinem tödlichen Autounfall: "In den Jahren seines Lebens stellte er kaum noch ein Gemälde fertig".

Unter der Überschrift "Jeder Farbspritzer ein Geniestreich" berichtet die Neue Osnabrücker Zeitung: "Wie die kleine, aber sehr ausgesuchte Schau in Berlin belegt, entspricht die stilistische Entwicklung von Pollocks Zeichnungen grundsätzlich der seiner Gemälde. Es werden vier Phasen in der vergleichsweise kurzen Schaffenszeit des Künstlers von 1935 bis 1956 unterschieden: Wie in der Malerei findet Pollock über surrealistische Einflüsse immer mehr zur reinen Abstraktion." Für den Rezensenten der NOZ ist es überraschend, "wie ausgewogen die feinen Linien, dicken Tropfen und breiten Striche auf den überschaubaren Papierformaten aufgetragen sind." Pollocks expressiver Umgang mit den Materialien, so die NOZ, funktioniere "auch auf dem eher porösen Papier", wobei die "Drippings auf Papier" sichtbar von "großer Experimentierfreude" gekennzeichnet seien. "In den Miniaturen, so scheint es, suchte Jackson Pollock sein Temperament in engere Grenzen zu fassen, vielleicht sogar zu zügeln", spekuliert die Neue Osnabrücker Zeitung.