In dieser Ausgabe:
>> Makellos Weiß: Kunst und Winter
>> True North: Isaac Julien
>> Bis das Blut gefriert: Marc Quinn
>> Filz und Fett: Joseph Beuys

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Unter Null:
Marc Quinns Visionen von Schönheit, Kunst und Unsterblichkeit




Aus der Serie Garden 2, 2000
Sammlung Deutsche Bank

In seinen Skulpturen und Installationen lässt der Brite Marc Quinn das Blut gefrieren, und Blumen ständig blühen - konserviert in Silikon und ausgetüftelten Kühlvorrichtungen. Der Versprechung ewigen Lebens und vollkommener Schönheit steht bei Quinns Werken allerdings eine aufwendige Technik gegenüber, ohne deren Unterstützung seine Stillleben verrotten und zerschmelzen würden. Ist Marc Quinn ein Pessimist, wenn er andeutet, dass das Dasein so flüchtig wie eine Eisskulptur und so fragil wie die brüchigen Stiele seiner gefrorenen Lilien ist? Im Gegenteil, meint der Londoner Kunstkritiker Ossian Ward und beschreibt, weshalb Quinns Welten doch nicht so kalt sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen.



Das amerikanische "Institut für Unsterblichkeit" (Immortality Institute) ist eine Organisation, die sich ausschließlich der Erforschung lebensverlängernder Maßnahmen widmet, oder anders gesagt, die herauszufinden versucht, wie wir eines Tages das ewige Leben erlangen können. Auch Künstlern, Schriftstellern und Politikern wurde über lange Zeit vorgeworfen, ähnliches im Sinn zu haben, nämlich mit Musik, dichterischen Werken oder historischen Taten, die ihre Schöpfer überleben, bei der Nachwelt einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu wollen. Die Errungenschaften des Künstlers Marc Quinn liegen allerdings irgendwo zwischen diesen beiden Bereichen. Zweifellos hat seine beachtliche Karriere als "YBA" (Young British Artist) die britische Kunst und auch die Geschichte der Bildhauerei bereits nachhaltig geprägt. Nach wie vor beschäftigt sich seine Arbeit auf fundamentale Weise mit der Verbindung von Wissenschaft und Kunst, oder wie Quinn es selbst ausdrückt, mit "den grundlegenden Mysterien des Lebens".




Aus der Serie Garden 2, 2000
Sammlung Deutsche Bank

Gleichwohl ist Marc Quinns Umgang mit Wissenschaft und Technik in der Kunst bislang einmalig. Die Liste der Materialien, aus denen sich eines seiner typischen Werke zusammensetzt, kann ebenso DNA-Stränge, flüssiges Silikon, das eigene Sperma und Kot, oder chemische Substanzen wie Vitamin A Azetat, Folsäure und Riboflavin beinhalten. Tatsächlich entspricht sein mit Tiefkühltruhen und nüchternen weißen Möbeln ausgestattetes Atelier eher einer sauberen und geordneten Zeugungsklinik, als der allgemeinen Vorstellung von einem künstlerisch-kreativen Umfeld. Wie dem auch sei, sicher ist, dass Quinn das schöpferische Potential der Wissenschaft voll erfasst.


Self, 1991, © the artist
Courtesy Jay Jopling/White Cube (London)

Abgesehen von etwaigen philosophischen Bedenken, liegt der Schlüssel zur Unsterblichkeit dem Immortality Institute zufolge in der Weiterentwicklung der technischen Wissenschaften. Die Kryonik, die Methode einen Körper einzufrieren, damit er von möglichen zukünftigen medizinischen Entwicklungen profitiert, beruht auf einer Theorie, die seit den sechziger Jahren an Fahrt gewonnen hat: Die Alcor Life Extension Foundation konserviert mit diesem Verfahren derzeit die Körper von 59 Menschen, 650 weitere haben sich bereits für eine spätere Teilnahme an dem Projekt eingeschrieben. Das vielleicht nachhaltigste Kunstwerk, das bisher zum Thema Kryonik und Unsterblichkeit geschaffen wurde und zugleich als Ikone der figurativen Skulptur des späten 20. Jahrhunderts gelten dürfte, ist Quinns berüchtigte tiefgekühlte Installation Self von 1991, ein aus 5 Litern des eigenen gefrorenen Blutes gefertigter Abguss seines Kopfes.


Rubber Soul, 1994, © the artist
Courtesy Jay Jopling/White Cube (London)

Auch wenn der Abguss Quinns eigene Züge trägt, machte er damit eine Aussage, die auf uns alle zutrifft. So zapfte er sich hierfür ungefähr die Menge Blut ab, die im menschlichen Körper zirkuliert (abhängig vom Geschlecht etwa 4-6 Liter). Indem er seinen "Lebenssaft" einfror ließ er beide Möglichkeiten offen: Wir können ewig leben oder uns genauso gut im nächsten Moment auflösen.

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