In dieser Ausgabe:
>> Larger than Life: Jackson Pollock
>> Big in the US: Die Leipziger Schule
>> Europa und die New York School
>> Amerikanische Künstler in Berlin

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Wie Jackson Pollock und die Amerikaner nach Europa kamen:
Eduard Beaucamp erinnert sich an den Vormarsch der "New York School"



Als die Bilder von Jackson Pollock erstmals in Deutschland zu sehen waren, war Eduard Beaucamp noch ein junger, kunstinteressierter Student. Exklusiv für db-artmag berichtet der Doyen des deutschen Kulturjournalismus, was ihm damals auf der documenta in Kassel und anderenorts aufgefallen und besonders in Erinnerung geblieben ist:

Wer 1957 sein Studium begann, hatte es nicht so leicht wie heute, sich einen Überblick über die zeitgenössische Kunstszene zu verschaffen. Wir waren längst nicht so mobil wie die Studenten heute. Zunächst hatte man viel damit zu tun, sich überhaupt eine Vorstellung von der Evolution der Moderne und ihren Klassikern zu erarbeiten. Die deutschen Museen steckten noch im Wiederaufbau und waren vor allem mit nationalen Zeugnissen ausgestattet: Brücke und Blauer Reiter beherrschten die Schaufenster. Surrealismus und Konstruktivismus harrten noch ihrer Wiedererweckung. Der Ausstellungsbetrieb allerdings boomte schon damals. Um aber Picasso, Braque oder Léger in bedeutender Form auf der Museumswand zu sehen, musste man nach Amsterdam und vor allem nach Basel fahren. An den Universitäten war die Moderne als Gegenstand von Forschung und Lehre noch so gut wie tabu. In den Galerien und privaten Sammlungen umgaben uns die Bilder von Willi Baumeister und Ernst Wilhelm Nay, der Maler der École de Paris und des deutschen Informel.

Ernst Wilhelm Nay: Rhytmische Wiederkehr, 1955, Sammlung Deutsche Bank Willi Baumeister: Weißer Diskus, 1954, Sammlung Deutsche Bank


Die Kunst Amerikas erschien noch ziemlich fern. Europa frönte noch seinem Vorurteil, dass die USA zwar allmächtig, im Unterhaltungsgewerbe unübertrefflich, aber in den anspruchsvolleren und feineren Künsten inferior geblieben seien. Bei der ersten documenta von 1955 waren die Kontinentaleuropäer unter sich geblieben. Selbst die Engländer waren mit nur acht Teilnehmern (bei 58 Deutschen, 43 Franzosen und 28 Italienern) an den Rand gedrängt. Die USA wurden von den Emigranten Naum Gabo und Josef Albers, ferner vom Mobile- Calder, der damals sogar die deutschen Wohnzimmer eroberte, und einem inzwischen vergessenen Maler namens Roesch vertreten. Diese Reserve verwundert heute. Denn Ausstellungsleitung und Arbeitsausschuss hätten die Amerikaner eigentlich besser kennen müssen.


Ernst Wilhelm Nay: Uhrturm II, 1946,
Sammlung Deutsche Bank


Schon 1951 hatte eine Ausstellungstournee New York in Europa mit Werken von Jackson Pollock, Robert Motherwell, Mark Tobey und Mark Rothko Station bei den Berliner und Münchner Festwochen gemacht. Ein Jahr zuvor zeigte das Museo Correr in Venedig im Rahmen der Biennale eine Pollock-Einzelausstellung. 1953/4 durchkreuzte ein weiteres Gastspiel Zwölf amerikanische Maler und Bildhauer, darunter wieder Pollock, den Kontinent zwischen Helsinki, Oslo und Paris und machte Halt auch in Düsseldorf. Wieder zwei Jahre später, 1955/56, schickte das MoMA eine Anthologie amerikanischer Kunst aus eigenem Museumsbesitz auf die Reise zwischen London, Barcelona, Wien und Belgrad mit der Zwischenstation Frankfurt am Main. Auf der Liste standen Pollock, Willem de Kooning, Franz Kline, Clifford Still, Rothko.

Damals fragte die Londoner Times: "Sind das nicht Stoßtruppen einer amerikanischen Invasion der Malerei?" Die Ressentiments waren verbreitet. Paris lieferte erbitterte Abwehrkämpfe. In diesem Licht könnte man die Enthaltsamkeit der ersten documenta gegenüber den Amerikanern auch als eine Art Selbstschutz interpretieren.


Bernhard Schultze: Rhythmus Weiß Gelb Schwarz, 1952,
Sammlung Deutsche Bank

Ganz aus der Luft gegriffen war der Argwohn der Times nicht. Schon die Regelmäßigkeit und flächendeckende Planmäßigkeit der Tourneen zeigen, dass hier das "freie" Europa systematisch durchpflügt wurde und auch ein neutrales Land wie Finnland und interessanterweise sogar Jugoslawien, das aus dem Sowjetblock ausgeschert war, einbezogen wurden. Heute sind die Archive in großen Teilen erschlossen, und so wissen wir, wie in der akribischen Studie von Frances Stonor Saunders über die Kulturstrategien der CIA (Siedler Verlag 2001) nachzulesen ist, dass die US-Politik mittels ihres Geheimdienstes massiven Einfluss auf den europäischen Kunstbetrieb nahm und alle vermeintlich antikommunistische Kunst, mithin vor allem die Freiheitshelden der Abstraktion, förderte. Das Geld floss über amerikanische Stiftungen und Tarnorganisationen, die den rein kulturellen Charakter von Ausstellungen und Publikationen garantierten.



Der Gründer der Documenta, Arnold Bode, 1959 vor einem
Gemälde von Jackson Pollock, Foto: Documenta-Archiv

Auch in der Bildenden Kunst wurde eine hegemoniale Stellung der USA angestrebt und allmählich befestigt. Die Kultur des Ostblocks sollte blamiert, die bis dahin unangefochtene Autorität der europäischen Kunsthauptstadt Paris erschüttert werden. Bei diesem Wettbewerb ging es nicht primär um den Rang und die Qualität der Kunst, sondern um Politik: Die Pariser Kultur galt den Amerikanern als kommunistisch unterwandert. Tatsächlich waren herausragende Künstler, voran Picasso oder Léger, sowie tonangebende Intellektuelle Parteimitglieder. Fast unnötig zu sagen, dass die politische Instrumentalisierung die ästhetische Integrität und den Rang der New Yorker Künstler nicht berührte.



Präsentation eines Gemäldes von Ernst Wilhelm Nay vor
dem Museum Fridericianum in Kassel, Foto: Documenta-Archiv

Wann traten die ersten Pollock-Bilder einem Studenten in den fünfziger Jahren unter die Augen? Man hätte seine Werke im Stedelijk Museum in Amsterdam sehen können: Peggy Guggenheim hatte dem Haus schon 1950 zwei Bilder aus ihrem Besitz geschenkt. Aber da sind sie mir, offen gestanden, damals nicht aufgefallen oder in Erinnerung geblieben. 1958 besuchte ich die Brüsseler Weltausstellung. Hier hatte man das erste Erlebnis einer globalen Modernität. 50 Jahre moderne Kunst hieß die begleitende große Kunstausstellung, wo die zeitgenössischen Amerikanern mit Pollock, Arshile Gorky, Tobey, Sam Francis, de Kooning ihren pompösen Auftritt hatten.


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