In dieser Ausgabe:
>> Larger than Life: Jackson Pollock
>> Big in the US: Die Leipziger Schule
>> Europa und die New York School
>> Amerikanische Künstler in Berlin

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Keine Dienstreise:
Amerikanische Künstler in Berlin und ihr Verhältnis zu Europa




John Miller, aus der Serie "Middle of the Day", 2004,
Courtesy Galerie Barbara Weiss

Seit den sechziger Jahren sind prominente US-Künstler häufig Gäste des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin gewesen. Doch was früher dem Prestige der Mauerstadt nutzte, wird heute zum Ausgangspunkt für kulturelle Differenz: Viele der eingeladenen Künstler fühlen sich in Berlin und überhaupt in Europa heimischer als in den USA. Denn mit den Erfahrungen in der Fremde wächst auch die Kritik am Patriotismus in der eigenen Heimat. Harald Fricke hat mit den Künstlern Jimmie Durham, John Miller und David Krippendorff über Identität in Zeiten von Globalisierung gesprochen.

Die Kasernen sehen leer aus, an den Wohnblöcken hängen keine US-Flaggen mehr, und auch das Mc-Donald's-Drive-In-Restaurant ist verlassen. Links und rechts der Clayallee merkt man in Zehlendorf recht deutlich, dass die amerikanischen Alliierten nach der Wiedervereinigung aus Berlin abgezogen sind. Eine Stellung wird allerdings auch 2005 noch gehalten: Am Käuzchensteig hat Jimmie Durham schon vor einigen Jahren ein Atelier bezogen, das genau zwischen der Stiftung des Bildhauers Bernhard Heiliger und dem Brücke-Museum mit seinen Schätzen von Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein oder Emil Nolde liegt.



Jimmie Durham, Belegstück I-IV
Sammlung Deutsche Bank, edition griffelkunst
©Jimmie Durham

Ein Amerikaner in Berlin, der an einem historischen Ort ausharrt, womöglich als Botschafter für die friedliche Zeit, die zwischen Ost und West nach dem Ende des Kalten Krieges angebrochen ist? Mit dieser Vorstellung kann sich Durham nur schwer anfreunden. Denn als Repräsentant der amerikanischen Kultur sieht sich der mittlerweile 64jährige Künstler keineswegs. Als er 1998 als Gast des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Berlin kam, hatte er schon seit Jahren mit seinem Herkunftsland gebrochen: 1940 in Washington, Arkansas, geboren, war Durham zunächst Dichter, Performer und Objektemacher, bevor er in den siebziger Jahren als politischer Aktivist in New York zu einem der führenden Vertreter der indianischen Bürgerrechtsbewegung wurde. Aus dem Volk der Cherokee abstammend, hatte er sich damals für mehr Rechte in den Reservaten eingesetzt und die Regierung immer wieder zu Entschädigungen ermahnt.

Erst 1985 begann Durham, sich ausschließlich der Kunst zu widmen, er verließ die USA, zog nach Mexiko und später nach Europa, wo er vor seinem Wechsel nach Berlin in Marseille lebte. Schon aufgrund dieser Biografie empfindet er sich nicht als genuin amerikanischer Künstler, der mit seinem Aufenthalt in Berlin etwas zum kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den USA beiträgt.


David Krippendorff: Mistake #2
© David Krippendorff

Solche Beziehungen mögen in den Zeiten der Mauer wichtig gewesen sein, als internationale Künstler eingeladen wurden, um der Stadt den Anschluss an die westliche Welt zu sichern - den Startschuss gab dabei eine Ausstellung mit Arbeiten von Jackson Pollock , die 1958 in der Hochschule der Künste Berlin zu sehen war. 1963 wurde dann von der Ford Foundation ein auf drei Jahre angelegtes "Artists in Residence"-Programm ins Leben gerufen, aus dem später das Künstlerprogramm des DAAD hervorging. Seither hat mit Hilfe des DAAD neben Gästen aus aller Welt auch eine Vielzahl an prominenten US-Künstler in Berlin Halt gemacht: John Cage, Edward Kienholz, Lawrence Weiner, Dorothy Iannone oder Nam June Paik, aber auch Nan Goldin, Andrea Zittel und Sharon Lockhart.


John Miller, aus der Serie "Middle of the Day", 2004,
Courtesy Galerie Barbara Weiss

Manche von ihnen sind über den DAAD-Aufenthalt hinaus in der Stadt geblieben. Kienholz etwa hat hier bis zu seinem Tod 1994 gelebt und wurde 1997 noch mit einer großen Retrospektive im Martin-Gropius-Bau gewürdigt. John Miller wiederum kam 1991 nach Berlin, und war so sehr von den Veränderungen im Ostteil der Stadt begeistert, dass er seitdem mit seiner Frau Aura Rosenberg und seiner Tochter Carmen jedes Jahr den Sommer in einem Atelier der Kunstwerke verbringt. Natürlich weiß Miller, dass seine Anwesenheit auch den Kulturstandort stärken helfen sollte, "aber ironischerweise ziehen noch immer viele Künstler nach Berlin, obwohl der ökonomische Aufschwung ausgeblieben ist". Zugleich sind es nicht die lokalen Eigenheiten der Stadt, auf die sich Miller in seinen Fotografien und Konzeptarbeiten beruft - zu sehr beschäftigen ihn die weltweit gebräuchlichen Alltagsformen, mit denen die Menschen in Zeiten von Globalisierung leben.


John Miller, aus der Serie "Middle of the Day", 2004,
Courtesy Galerie Barbara Weiss


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