In dieser Ausgabe:
>> Larger than Life: Jackson Pollock
>> Big in the US: Die Leipziger Schule
>> Europa und die New York School
>> Amerikanische Künstler in Berlin

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Das Deutsche ist zumindest das Andere:
Ein Gespräch mit dem Galeristen Gerd Harry Lybke



Eine neue Generation von Malern aus Deutschland feiert in den USA Aufsehen erregende Erfolge. Dieses Phänomen hat wiederum Tradition. Bereits in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts übten Emigranten wie die Maler und Architekten Josef Albers, Hans Hofmann, Walter Gropius und Mies van der Rohe nach ihrer Übersiedlung großen Einfluss auf die nordamerikanische Kunstszene aus. Später waren es dann Joseph Beuys, die Jungen Wilden oder Sigmar Polke, Gerhard Richter und Georg Baselitz, die in New York, Chicago und Los Angeles zu den gefragtesten Künstlern aus dem Alten Europa zählten. Gerd Harry Lybke ist als gebürtiger Leipziger nicht nur mit einem ausgeprägten Temperament gesegnet, sondern gehört seit geraumer Zeit mit seiner Galerie Eigen + Art zu den wichtigsten Galeristen hierzulande und pflegt beste transatlantische Verbindungen. Im Interview mit Ulrich Clewing macht er sich Gedanken über die Gründe dieser andauernden Beliebtheit.




Gerd Harry Lybke, Foto: Birte Kleemann

In New York und generell in den USA sind die Maler der Leipziger Schule gerade...

Tut mir leid, wenn ich Sie unterbreche. Es gibt keine Leipziger Schule. Was es in Leipzig vielleicht gibt, ist eine spezielle Form des Weitergebens, eine Art der Schulung, ein besonderes Verhältnis zwischen Professoren und Studenten, das so wahrscheinlich nirgend woanders existiert. Sie müssen wissen, dass die Leipziger Kunsthochschule ein paar Eigenheiten hat: Als Fotograf kann man dort lernen, wie man einen Fotoabzug selber belichtet, die Buchdrucker arbeiten noch mit dem alten Bleisatz. Und die Maler bekommen erst mal beigebracht, wie man eine Leinwand bespannt und richtig grundiert. Was ich damit sagen will: In Leipzig haben sie den Vorteil des Nachteils konsequent genutzt. Natürlich gab es auch hier direkt nach der Wende den Versuch, aus Leipzig eine Kunsthochschule wie alle anderen zu machen. Das hat aber nicht geklappt - und so haben auch Arno Rink und Neo Rauch als sein damaliger Assistent einfach stoisch weiter gemalt. Das prägt, klar.



Neo Rauch, "Weiche", 1999,
Sammlung Deutsche Bank

Trotzdem ist es doch interessant, dass deutsche Maler in den Vereinigten Staaten im Moment mal wieder sehr gefragt sind - auch deshalb, weil der realistische Stil von Künstlern wie Rauch oder Daniel Richter vor zehn Jahren noch als rückwärts gewandt, traditionell, wenn nicht gar reaktionär galt. Was hat sich geändert, dass die Wahrnehmung inzwischen eine ganz andere ist?

Ich denke, man muss sich vor Augen halten, dass die Amerikaner uns Europäern in verschiedener Hinsicht ganz erheblich voraus sind. Vor zehn Jahren war es hier in der Tat so, dass man Malerei, die etwas abbildet, kaum anschauen konnte, ohne sich zu übergeben. In den USA war das damals anders: Dort hatte man durch Video und Fotografien schon viel mehr Erfahrung mit dem Abbildbaren in der Kunst: mit Bruce Naumans Selbstporträts, mit William Egglestons Landschaftsfotos oder den Filmen von Bill Viola. Das spielte eine große Rolle, als Neo Rauch in den Neunzigern damit anfing, für sich und eine Reihe von anderen Malern international die Tür aufzustoßen. Das sollte man nicht vergessen: Hier in Deutschland hast du als Maler 1990 und danach niemanden interessieren können für dein Bild. Die jungen Künstler, die damals mit ihrem Studium begonnen haben, haben sich bewusst für die Malerei entschieden - und damit auch gegen alles andere. Mittlerweile sind wir damit versöhnt worden, dass ein Maler etwas auf der Leinwand abbildet. Aber das war nicht immer so.



Neo Rauch, "Diktat", 2004, The Rubell Family Collection,
Courtesy Galerie Eigen + Art, Berlin/Leipzig

Hätten Sie denn vor zehn Jahren gedacht, dass aus Neo Rauch einmal der erfolgreiche Maler wird, der er heute ist?

Nein. Und er hätte das auch nicht gedacht. Es geht ja immer um die Bewältigung dieser inneren Tragik, die man in sich trägt und die darin besteht, dass man von sich irgendeine Vorstellung hat und die dann in der Realität umsetzen muss. Da gibt es Widrigkeiten, eigentlich Tag für Tag, bei mir genauso wie bei jedem anderen.

Wann sind Sie Neo Rauch zum ersten Mal begegnet?

Ich kenne Rauch seit 1981. Er konnte schon immer gut kochen. Ein Indiz, das mich hätte aufhorchen lassen müssen. Ich war ja selber fünf Jahre lang Modell an der Leipziger Kunsthochschule. Daher ist mir nicht nur sein Werdegang geläufig, sondern auch der Umgang mit den Professoren, die ganze Entwicklung. Natürlich war es damals für die Frauen nicht unbedingt so sexy, mit einem Maler bekannt zu sein. Da war jemand, der Performance machte wie Hans Schulze - Stichwort: Mathematik des Wassers - viel hipper. Und auch die Gruppe 37,4 war viel angesagter, dort waren auch mehr Mädels unterwegs, als bei uns in dieser komischen Malerklasse. Dadurch, dass ich den Malern Tag für Tag Modell gestanden habe, habe ich aber auch ein Stück dazu gelernt; was es bedeutet, ein Bild zu machen.

Learning by doing, also...

Als Vorbereitung auf die wilde Zeit jetzt war das ruhige Vorbereiten, sich das Handwerk aneignen und die Befragung der eigenen Arbeit, das philosophische Handwerk, schon sehr wichtig. Abgesehen davon ging es beim Professor Arno Rink oder dann beim Assistenten Neo Rauch nicht darum, als Student etwas zu malen, was die wollten. Arno ist immer in die Klasse zur Korrektur gekommen und hat gefragt: "Warum ist dieses Blau dort? Gibt es einen dringlichen Grund, weshalb das Blau nichts anderes ist? Denn wenn du es blau machst, schließt du alle anderen Möglichkeiten aus. Sage mir, warum du diese radikale Entscheidung getroffen hast?"



Daniel Richter, "Öpfermiethen", 2004,
Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin

Es geht um die Notwendigkeit der Form.

Genau. Heute sind die Leipziger ein bisschen anders drauf als die anderen, die immer wieder in Wellen hoch kamen. Diejenigen, die in Leipzig waren, haben gelernt, dass es das Schönste ist, im Atelier zu sein und nicht auf einer Party. Und als zweites, dass es möglichst wenig unnötige Bilder zu produzieren gilt.

Das erklärt aber noch nicht, was die Amerikaner an der deutschen Kunst so stark fasziniert?



Daniel Richter, "Trevelfast", 2004,
Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin

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