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Die Kunst ist der Star: Das neue alte MoMA in New York


Neun Monate lang war das MoMA in der Berliner Nationalgalerie zu Gast. Jetzt ist das Museum of Modern Art nach zweijähriger Bauzeit im New Yorker Stadtteil Manhattan wiedereröffnet worden. Der Architekt Yoshio Taniguchi hat einen Neubau geschaffen, der sich ganz der außergewöhnlichen Kunstsammlung unterordnet: Zum ersten Mal ist genügend Platz für großformatige Arbeiten und Konzeptkunst. Über allem aber schweben die Klassiker der Moderne im fünften Stock. Christian Schaernack hat sich im neuen MoMA für dbartmag umgesehen.



The Museum of Modern Art,
Architekt: Yoshio Taniguchi.
Entrance at 53rd Street
©2004 Timothy Hursley

Der Einzeiler auf den Plakaten zur Wiedereröffnung des Museum of Modern Art ist klar und unaufdringlich, "New York is Modern Again". Doch im dezenten Understatement verbirgt sich auch der Absolutheitsanspruch – und diese Message ist durchaus Programm.

Zweifelsohne: Die gewaltige Baustelle an der 53. Straße hatte ein Vakuum mitten ins Herz des New Yorker Kunst-Kosmos gerissen. Bereits 1999 wurden die ersten Abrissbirnen angerückt, bis dann drei Jahre später, mit dem Beginn der heißen Neubau-Phase, weite Teile der weltberühmten Sammlung in eine provisorische Dependance im Nachbarstadtteil Queens verlagert worden waren. Derweil konnten die großen Nachbarinstitute den Ausfall nicht ansatzweise kompensieren - im Metropolitan Museum markiert das 20. Jahrhundert lediglich einen Nebenschauplatz, das Programm des Whitney hingegen ist rein amerikanisch.




Henri Matisse: Dance (1), 1909
©2004 Timothy Hursley

Das MoMA gibt es eben nur einmal. Mit seinen Desmoiselles d’ Avignon, mit Mondrians Broadway Boogie-Woogie, den vielen Pollocks und dem Drowning Girl Roy Lichtensteins, mit Andy Warhols goldener Marilyn und Pininfarinas feuerrotem Ferrari aus der Design-Abteilung. Selten zuvor ist ein Museumsneubau daher bereits im Vorfeld derart intensiv diskutiert worden, nie zuvor war die Spannung so groß. Denn die New Yorker lieben ihr MoMA, ein Institut, dessen 75-jährige Erfolgsgeschichte geradezu symbiotisch mit dem Aufstieg der Stadt zur modernen Metropolis und zur selbst proklamierten "Cultural Capital of the 20th Century" verflochten ist.


The Philip Johnson Architecture and Design Galleries,
mit Ferrari von Pininfarina © 2004 Timothy Hursley

Hat sich das Warten denn nun gelohnt? Wie sieht ein Museum aus, das über 850 Millionen Dollar verschlingt, davon die Hälfte allein für Baukosten? Und was bekommt der Besucher künftig für das alle Rekorde brechende Eintrittsgeld von 20,00 Dollar? Ein Museum, das sich vor allem selbst treu geblieben ist. Denn das MoMA ist längst ein "konservatives" Institut. Wer das bis jetzt noch nicht gemerkt hatte, der findet seit Mitte November den Beweis auf ganze sechs Stockwerke und über insgesamt 70.000 Quadratmeter verteilt – im neuen "Museum of Modern Art", erbaut nach den Entwürfen des japanischen Architekten Yoshio Taniguchi.


Ellsworth Kelly:
Sculpture for a Large Wall, 104 aluminium panels 1957
©2004 Ellsworth Kelly

So ist man in New York nicht auf den letzten Expresszug einer „Event-Architektur“ á la Libeskind, Gehry & Co. aufgesprungen und widerstand sogar den Plänen solcher Stars wie Rem Koolhaas oder dem schweizerischen Team von Jacques Herzog & Pierre de Meuron. Dagegen hat sich der 67-jährige Taniguchi, bekannt geworden durch elegante Museumsbauten in Tokio, Kakegawa und Kioto, meisterhaft in den städtebaulichen Kontext ein- und drinnen vornehm untergeordnet – und zwar der Sammlung. Einzig der Inhalt zählt, so die Devise, was eine willkommene Distanzierung vom architektonischen Budenzauber so mancher Kollegen darstellt. Und sowieso: Viel zu selbstbewusst ist man angesichts der einzigartigen Sammlung des Hauses, als sich von allzu himmelstürmender Architektur die Schau stehlen lassen zu wollen.

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