In dieser Ausgabe:
>> Interview: Louise Bourgeois
>> Karrierefrauen und Material Girls
>> Die Last der Legende: Eva Hesse
>> Close Up: Katharina Sieverding

>> Zum Archiv

 

Da muss ich korrigieren. Die Ursprungsmaterialien von Life-Death sind 16mm-Color-Filmsequenzen, bei Maton waren es schwarzweiße Photo-Maton-Passbilder und für Die Sonne Um Mitternacht Schauen waren es Color-Polaroid-Fotos. Dieses gesamte Bildmaterial wurde zunächst für site-spezifische Installationen/Projektionen auf Ektachrome reproduziert und meist wand- und raumbezogen projiziert. Der Anspruch "larger than life" resultiert aus dem Interesse daran, die eigene künstlerische Produktion mit dem ganzen Komplex von Massenmedien und Populärkultur, Film und Optiktechnologie in Auseinandersetzung zu bringen und in eben diesen "Räumen" zu entwickeln.


Deutschland wird deutscher, 1993
Sammlung Deutsche Bank

Sie haben Ihre Porträts auch im öffentlichen Raum eingesetzt - unter anderem für Reklameflächen, auf denen ein Foto von Ihnen mit der Aufschrift "Deutschland wird deutscher" zu sehen war. Was hat Sie daran gereizt, die Strategien der Werbung für eine Kritik am wiederaufkeimenden Nationalismus zu nutzen?

Der Kurator Rudi Fuchs hatte mich eingeladen, an dem Projekt Platzverführung 1992 in 18 Städten der Kulturregion Stuttgart teilzunehmen. Ich versuchte ein aktuelles, enigmatisches Bild für 18 öffentliche Stadträume herzustellen. Das ganze Projekt fiel wegen Zensur flach, wurde aber von mehreren Kulturinstitutionen begeistert realisiert, auf 500 Werbeflächen im Gesamtraum Berlin. Das war 1993. Diese Bildkonstruktion hat mit Werbung und Selbstheilung zu tun: "similia similibus"...


links: Die Sonne um Mitternacht schauen,
196 III 73 97 24 A/B (3), 1973/96
Sammlung Deutsche Bank

rechts: Wärme, 1993
Sammlung Deutsche Bank


Das Foto zu der Kampagne entstand in der Zeit, als Sie bei einem Zirkus mit einer Messerwerferin gearbeitet haben. Wie kam es zu dieser Kooperation?

Mich interessierte im damaligen performativen Klima des Kunstkontextes die eher öffentliche Schnittstelle von Schaustellerei/Zirkus, das dazugehörige Publikum und dessen unmittelbare Reaktion; also nicht der Sonderraum Kunst, sondern eher der des Trivialen, Vulgären, des Entertainment – Orte, an denen Glamour aufkommen kann.


In den neunziger Jahren sind vor allem in Großbritannien zahlreiche Künstlerinnen wie Tracy Emin, Sarah Lucas oder Sam Taylor-Wood mit Selbstinszenierungen bekannt geworden. Bei Emin spielt vor allem ihr freimütiger Umgang mit Sexualität eine große Rolle. Wo liegt für Sie die Grenze zum Voyeurismus, bzw. Exhibitionismus?

Voyeurismus, Exhibitionismus können ja performative politische künstlerische Strategien sein, die vieles an ideologisch etablierten Ökonomien kritisch aufdecken.

Ähnlich wie bei Cindy Sherman bleibt man auch bei Ihren Arbeiten im Unklaren über Gender-Zuschreibungen. Dagegen nutzen jüngere Künstlerinnen den Postfeminismus für ironische Spiele: Die japanische Künstlerin Mariko Mori tritt in ihren Videos als Geisha auf. Wie lässt sich heute noch ein progressives Frauenbild erzeugen, wo doch in der Mode und in MTV-Clips die Frau oft wieder bloß als Sexobjekt stilisiert wird?

Ein progressives Frauenbild erzeugen? Will man das überhaupt? Landet die künstlerisch-kritische Identitätsforschung und -produktion da nicht in einer falschen, vormodernen Ecke?



Trauer und Wut, 1981
Sammlung Deutsche Bank

Seit 1992 sind Sie Professorin an der Universität der Künste in Berlin. Sind für Sie die eigenen Erfahrungen mit dem Kunstbetrieb bei der Ausbildung wichtig? Was geben Sie Studenten, vor allem Studentinnen mit auf den Weg?

In meiner öffentlich zugänglichen Lehrpraxis steht die zu entwickelnde Arbeit der Studierenden im Zentrum aller Konzentration und Kritik. Es erfordert eine zeitintensive, marathonmäßige Kooperation aller beteiligten Energien, die Sache der Kunst von Generation zu Generation kollektiv zu ergründen und freizusetzen; in Bezug auf bestehende Immun- und Marktsysteme, Ökonomien, Kulturindustrien bis hin zur Biopolitik - alles das zu scannen und zu bearbeiten, um einen Beitrag im post-postmodernen "Raum" zur Disposition zu stellen.

[1] [2] [3]