In dieser Ausgabe:
>> Interview: Louise Bourgeois
>> Karrierefrauen und Material Girls
>> Die Last der Legende: Eva Hesse
>> Close Up: Katharina Sieverding

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Nordstrom, 1992
Sammlung Deutsche Bank


Über Ihre Fotos ist einmal geschrieben worden, Sie würden darauf an eine Mischung aus Diva und Drag Queen erinnern – beides sind Überzeichnungen, Outlawfiguren und extreme Geschlechterinszenierungen zugleich. Haben Sie mit den Selbstporträts eher nach Identität oder nach Abweichung gesucht?

Auf der Suche nach Identität ist "Abweichung" unumgänglich. Identität ist ein permanenter Wandlungsprozess, also ein Entwicklungsprozess. Die interessante Frage hierbei ist: woher und wohin?

Sie sind 1967 an der Düsseldorfer Kunstakademie in die Klasse von Joseph Beuys gegangen. Hat das Klima dort den nötigen Freiraum für Ihre künstlerische Entwicklung geschaffen?

Absolut. Täglich wurden bestehende Machtstrukturen diskutiert, sei es nun in Bezug auf die Ökonomisierung von Kultur und Wissenschaft, oder aber das Menschenbild im Verhältnis zur Gender-Debatte. Dieses Konzept und diese Technik der Aufteilung von Gewalt ist überhaupt die Vorraussetzung für den von Ihnen angesprochenen "Freiraum".



Life Death, 1969/95
Sammlung Deutsche Bank

Warum haben Sie sich für Fotografie als Medium entschieden – zumal Fotos bei Beuys nur als Material, aber keinesfalls schon als Kunstwerk galten?

Das war ja gerade der akzeptablere Ausgangspunkt für eine dialektische Kunstpraxis: Weg von dem Modernediktat durch den Umgang mit nicht-auratischen Apparaten und Theorien. Dekonstruktion von Kunst-Herr-Schaft.

Ihre frühen Arbeiten wie "Life/Death" oder "Maton" sind im Umfeld von Nachtclubs entstanden. Wie wichtig war der Kontakt zu einer Szene außerhalb der Kunst?

Sie sind sozusagen während meiner nächtlichen Arbeit entstanden, also am Arbeitsplatz. Dieser Kontext war eine Art public/private-Sponsorship für meine ersten Filmproduktionen. Diese multiple Gliederung von Glamour, Trash, Art und Ökonomie zu praktizieren, gab meiner Arbeit einen ganz besonderen Impuls.



Transformer, 1973
Sammlung Deutsche Bank

Für "Transformer" haben Sie 1973/74 doppelt belichtete Fotos geschaffen, bei denen sich Ihr Gesicht mit dem von Klaus Mettig überlagerte. Damals war - wie etwa auch bei Jürgen Klauke – Androgynität ein Thema der Popkultur, deren bekannteste Vertreter wohl Lou Reed und David Bowie hießen. Heute zählt Ihre Arbeit zu den Vorreitern der Gender-Debatte. Würden Sie diese Art der Verschmelzung von weiblichem und männlichem Porträt noch einmal wiederholen?

Selbst bei Mitmenschen verschiedener Generationen, die die Idee der Re-Inkarnation irgendwie interessiert, aus welchen Gründen auch immer, ist diese Möglichkeit der wechselnden Gender-Identität sehr angesagt und trägt zur allgemeinen Entspannung bei - weg von konkurrierenden Identitäten, hin zu individueller Verantwortung. Das ist ein Zukunftsmodell… Transformer von 1973/74 ist sozial und technologisch gesehen Ausdruck einer Selbstwahrnehmung, die das Andere nicht ausschließt, ein Integrationsmodell.



Life Death, 1969/95 - Ausschnitt
Sammlung Deutsche Bank

Die Vorlagen zu "Life/Death", "Maton" oder auch "Die Sonne um Mitternacht schauen" sind auf Kleinbild fotografiert worden und später zu 1,90 hohen, tafelbildgroßen Abzügen vergrößert worden. Woher kam die Entscheidung, Ihr Gesicht "larger than life" zu zeigen?

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