In dieser Ausgabe:
>> Interview: Louise Bourgeois
>> Karrierefrauen und Material Girls
>> Die Last der Legende: Eva Hesse
>> Close Up: Katharina Sieverding

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Die Essenz, die Seele, das Zentrum:
Eva Hesses eigensinniges Werk



Eva Hesse in den sechziger Jahren

Wuchernde Fadengebilde, in Fiberglas getauchte Drahtgerippe, serielle Strukturen: Im Umfeld von Minimal- und Pop Art erschuf die deutsch-amerikanische Künstlerin Eva Hesse in den sechziger Jahren ein Oeuvre, das sich jeder Kategorisierung entzieht. 1970, an der Schwelle zum internationalen Durchbruch, starb sie erst 34- jährig an einem Hirntumor. In den USA gilt Hesse schon lange als emanzipierte Vorreiterin einer jüngeren Künstlerinnengeneration, doch erst in den letzten Jahren wurde sie auch in Europa mit großen Werkschauen gefeiert.


Metronomic Irregularity I , 1966
Foto: Ed Restle Museum Wiesbaden

Metronomic Irregularity
heißt eine zwischen 1966 und 1967 entstandene Serie von Wandarbeiten, auf der die Nerven geradezu blank liegen: Mit einem Gewirr von Kabeln verbindet Eva Hesse gleichmäßig nebeneinander angeordnete Tafeln, die mit flüssigem Sculpmetal überzogen und rasterförmig gelocht sind. Während die Tafeln von statischer geometrischer Ordnung geprägt sind, erzeugen die durch die Öffnungen gezogenen Drähte chaotische Verbindungen. Das Geflecht vermengt sich zudem optisch mit seinen eigenen Schatten auf der Wand - und strahlt so eine nervöse Energie aus, die Zwischenräume, Höhen und Tiefen auslotet und erfahrbar macht. "Ich erinnere mich, dass ich immer mit Widersprüchen und gegensätzlichen Formen gearbeitet habe, was auch meiner Idee vom Leben entspricht", äußerte Hesse 1970, nur wenige Monate vor ihrem Tod im Interview mit der New Yorker Kunstkritikerin Cindy Nemser, "(…) Bei mir war immer alles gegensätzlich. Nichts tarierte sich in der Mitte aus. Wie mein Lebenslauf zeigt, gab es in meinem Leben nie etwas Normales oder Mittelmäßiges. Es war immer extrem."


Legs of a walking ball, 1965
Foto: Abby Robinson, New York, Barbora Gerny-Vojtêchovà
©The Estate of Eva Hesse, Courtesy Hauser & Wirth Zürich London

In derselben Weise, in der Hesse in ihren Zeichnungen, Gemälden und Skulpturen unterschiedliche Materialien verknüpfte, Strukturen und Formen aufgriff, einhüllte oder freilegte, setzten sich ihr Werk und die Zeugnisse ihres Lebens zu widersprüchlichen Bildern und Eindrücken zusammen. Das beginnt mit den Fotografien, die Hesse im Laufe der sechziger Jahre in ihren Ateliers in Deutschland und New York zeigen: Eine junge Frau mit der Aura eines Fotomodells, die eine merkwürdige Symbiose mit ihrer Kunst eingeht. Wie einen Schild hält Hesse in ihrem Studio in der Kleinstadt Kettwig ihr 1965 entstandenes Bild Two in one vor sich. Die zwei kreisförmigen Reliefs auf der Spanplatte gleichen betonierten, spiralförmigen Brüsten oder verhärteten Gedanken, die ihre Kreise ziehen. Ein metallener Nabel ragt zwischen ihnen empor. Auf einem 1966 in New York entstandenen Foto liebkost sie ihr Werk Untitled (Not yet), überdimensionale hoden- oder busenförmige Plastikbeutel, die in feinmaschige Netze verschnürt sind. Eine der späten Aufnahmen zeigt die Künstlerin ein Jahr vor ihrem Tod. Hesses Gesicht wirkt rundlich, von den Folgen der Eingriffe, Bestrahlungen und Cortisonbehandlungen gezeichnet, mit denen ihr Hirntumor bekämpft wurde. Ihr Blick fällt auf das in Latex gehüllte Gewebe ihrer Skulptur Right After (1969). Wie ein gigantisches Spinnennetz baumeln glitzernde Seile an einer Art Mobile, funkeln schimmernd im Licht, als wären sie von Tautropfen oder Harz überzogen - spindeldürr, triefend, sich verhärtend.


Eva Hesse in ihrem Atelier 134 Bowery Street , New York 1969
©The Eva Hesse Estate, Courtesy Galerie Hauser & Wirth, Zürich

Hesse betonte, sie bewerte die Erscheinung ihrer Kunst nicht nach abstrakten oder ästhetischen Gesichtspunkten: "Für mich ist das ein Gesamteindruck, der mit mir und meinem Leben zu tun hat. Das kann man nicht abspalten in Idee, Komposition oder Form. Ich glaube nicht, dass auf so einer Grundlage Kunst hervorgebracht werden kann. Die entsteht dort, wo Kunst und Leben zusammentreffen." Während auf den Fotografien Werk und Künstlerin sich gegenseitig zu durchdringen scheinen, steht diesem intimen Wechselspiel allerdings die irritierende Fremdheit der Bilder und Objekte gegenüber - Formen, die Organisches und Mechanisches auf absurde Weise vereinen, und ganz unprätentiös sexuelle und existenzielle Themen berühren: Fetischisierung, Begehren, Verwundbarkeit, Vergänglichkeit.

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