In dieser Ausgabe:
>> Interview: Louise Bourgeois
>> Karrierefrauen und Material Girls
>> Die Last der Legende: Eva Hesse
>> Close Up: Katharina Sieverding

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Karrierefrau und Material Girl:
Inszenierte Weiblichkeit in den Arbeiten aktueller Künstlerinnen


Rosemarie Trockels Herdplatten-Gemälde vereinen Hausfrauenidylle und Kasimir Malewitschs "Schwarzes Quadrat", bei Katharina Sieverding wird Weiblichkeit zum abstrakten Image: Wenn sich Künstlerinnen mit dem Bild der Frau beschäftigen, dann machen sie oft das eigene Rollenspiel zum Thema. Dabei werden feministische Festlegungen und die viel beschworene Frauensolidarität zu ebenso fragwürdigen Klischees wie chauvinistische Phantasien. Harald Fricke über mediale Brüche, konstruierte Geschlechter, Leerstellen und Selbstbildnisse.



Louise Bourgeois: The Woven Child (cover and page 1), 2003
Fabric and color lithograph book, 6 pages
Courtesy Cheim & Read, New York
Foto: Christopher Burke


Seit Jahrzehnten ist der "Kunstkompass" des deutschen Wirtschaftsmagazins Capital eine Institution. Wer wissen will, welche Künstler gut im Geschäft sind, der findet hier schnell Auskunft, kann sich über die Spannbreite der Preise und über die jeweilige Tendenz auf dem Kunstmarkt informieren. Allerdings bieten die vorderen Ränge keine großen Überraschungen: Waren in den siebziger und achtziger Jahren Andy Warhol und Joseph Beuys die Favoriten, so sind es mittlerweile Bruce Nauman, Gerhard Richter, Sigmar Polke und Georg Baselitz. Doch in den neunziger Jahren sind auch Künstlerinnen in den Männerzirkel vorgestoßen: Louise Bourgeois und Cindy Sherman waren plötzlich schwer im Kommen, Jenny Holzer holte mächtig auf und Pipilotti Rist wurde als Newcomerin ebenfalls weit oben verbucht. Keine dieser Frauen ist jedoch so erfolgreich wie Rosemarie Trockel, die nun schon seit mehreren Jahren Platz vier der Liste hält. Das macht die Situation allerdings prekär: Soll ihr Aufstieg als ein Sieg des Feminismus gewertet werden? Oder ist der "ewige" vierte Rang nicht auch Beleg dafür, dass Frauen keine wirklichen Chancen auf die Pole Position im Kunstbetrieb haben?


Rosemarie Trockel: Schizo-Pullover, 1994
©Galerie Sprüth-Magers, Köln; VG Bild-Kunst 2004
Rosemarie Trockel: Schizo-Pullover 1988 Wolle, 60 x 66 cm, Ed. 3
©Galerie Sprüth-Magers, Köln; VG Bild-Kunst 2004





Rosemarie Trockel: aus der Plakatserie 'Beauty"
für das Projekt museum in progress, 1995

Trockel jedenfalls hat bereits 1994 mit ihrer Videoarbeit Continental Divide einen Kommentar zur Frage abgeliefert, wer denn der beste Künstler sei. In ihrem Film tritt die Künstlerin mit einer Doppelgängerin auf, eingezwängt in einen "Schizo-Pullover", aus dem zwei identische Köpfe ragen. Immer wieder wird im Verlauf der Handlung zwischen Trockel und ihrem Alter Ego das Ranking thematisiert, wird ein Streit darüber geführt, wem von beiden nun die Lorbeeren zustehen. Für den Betrachter wird das Spiel mit der Zeit kaum noch entwirrbar, zumal die mit Kostüm und Perücken verkleideten Kontrahentinnen in ihrem Disput im Halbschatten von schräg oben aufgenommen sind, so dass man nach einer Weile nicht mehr erkennen kann, wer eigentlich die echte Trockel ist.

Die Irritation ist beabsichtigt, soll doch in der verhörartigen Situation gar nicht festgestellt werden, wem der Titel gebührt. Mit ihrem Film zeigt Trockel, wie sich Kunst und Leben angesichts von Fragen nach der Karriere entzweien: Continental Divide ist eine Meditation darüber, wie Frauen in ihrer künstlerischen Produktion stets auf die ihnen zugewiesenen geschlechtsspezifischen Rollen festgelegt werden. Während man Männern ein gesundes Konkurrenzdenken zugesteht, wird von Frauen eine Solidarität erwartet, der sich Trockel hier exemplarisch verweigert. Dadurch bricht sie zugleich mit der Vorstellung, dass der Erfolg von Künstlerinnen stellvertretend für gesellschaftliche Emanzipation steht: Trockels Aufstieg ist eben nicht bloß repräsentativ für feministische Strategien, sondern eine Folge künstlerischen Eigensinns. Dieser Zwiespalt durchzieht viele ihrer Werke, so wie ihre als Relief an die Wand montierten Herdplatten (1992) einerseits traditionelle Rollenbilder von Frauen in der Küche aufnehmen, um sich andererseits ikonografisch in die Tradition der schwarzen Quadrate eines Kasimir Malewitsch zu stellen. Nicht von ungefähr hat Trockel in ihren frühen "Strick"-Bildern die sonst Frauen vorbehaltene Handarbeit per Strickmaschine in großformatige Zitate aus der Kunstgeschichte überführt.
Rosemarie Trockel, Ohne Titel, 1986
Sammlung Deutsche Bank
©Courtesy Galerie Sprüth-Magers, Köln;
VG Bild-Kunst 2004
Rosemarie Trockel, Der Maskenmann
©Courtesy Galerie Sprüth-Magers, Köln;
VG Bild-Kunst 2004

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