In dieser Ausgabe:
>> Interview: Louise Bourgeois
>> Karrierefrauen und Material Girls
>> Die Last der Legende: Eva Hesse
>> Close Up: Katharina Sieverding

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In zwei geteilt:
Ein Gespräch zwischen Louise Bourgeois und Cheryl Kaplan




Louise Bourgeois mit ihrer Arbeit
The Winged Figure (1948),
in den sechziger Jahren
Courtesy Louise Bourgeois Studio

©Copyright Louise Bourgeois, 2004. All rights reserved.

Die Künstlerin Jenny Holzer sagte einmal: "Wenn ich mir die Zeugnisse darüber ansehe, was mit den Frauen nicht stimmen soll, liefert Louise Bourgeois’ Werk hierfür den perfekten Gegenbeweis." Mit ihren bald 93 Jahren arbeitet Bourgeois, die ihr Haus seit 10 Jahren nicht mehr verlassen hat, ebenso hart an ihren Skulpturen und Installationen aus genähtem Stoff, Holz, Stahl, Latex und Marmor wie an Zeichnungen und Drucken. Noch immer veranstaltet sie ihre berühmten "Sonntags-Salons", zu denen sie Künstler einlädt, ihre Arbeiten mitzubringen – auf eigenes Risiko. Denn gelegentlich schickt sie einige von Ihnen zum Teufel.



Louise Bourgeois mit Ihrem Vater Louis, 1948
Courtesy Louise Bourgeois Studio

©Copyright Louise Bourgeois, 2004. All rights reserved.

Die übereinstimmende Version von Louise Bourgeois’ Geschichte beginnt 1904, als ihr Vater Louis eine Werkstatt zur Restaurierung von Aubusson-Wandbildteppichen und Gobelins aus dem 18. und 19. Jahrhundert gründete, die er in seiner Pariser Galerie ausstellte. Auch Bourgeois’ Mutter und Großmutter waren bereits seit langem auf diesem Gebiet tätig. Louise erinnert sich daran, dass ihre Mutter, "Regale besaß, in denen sie die Tapisserien gefaltet und wie Bücher geordnet aufbewahrte. (…) Manchmal ergab es sich, dass zwei Hälften einer Tapisserie so zueinander fanden".



Louise Bourgeois, Ode à L' Oubli (page 30), 2004
Edition: 25 copies with 7 AP
Produced by: Solo Impression, NY and Dye-Namix, Inc., NY
Published by: Peter Blum Edition, New York
Courtesy Peter Blum Edition, New York, Louise Bourgeois and Cheim & Read, New York
Foto: Christopher Burke

Bereits hier endet die Harmonie jedoch. Obwohl Louises Mutter im späten 19. Jahrhundert eine Anhängerin der militanten Frauenrechtlerin und Anarchistin Louise Michel war, erlaubte Josephine Bourgeois von 1922 an der Geliebten ihres Mannes, als Hauslehrerin für zehn Jahre mit der Familie zusammen zu leben. Louise selbst war zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt. In Child Abuse (Kindesmissbrauch), einem Schlüsselwerk, das 1982 erstmals in Artforum veröffentlicht wurde, bezichtigt Louise Bourgeois ihren Vater und ihre englische Hauslehrerin, Sadie Gordon Richmond, des "doppelten Treuebruchs". Die junge Louise erfuhr von dem Verrat, als die Mädchen in der Tapisserie-Werkstatt in ihrer Gegenwart offen über die "Gerüchte" tratschten. Bourgeois erinnert sich: "Wenn die Tapisserien zum waschen an den Bievre-Fluss gebracht wurden, hatten die Arbeiterinnen spezielle Holzkästen dabei, um darauf zu knien. Sie wurden auf die Steine gelegt und waren entweder mit Stroh oder einem Kissen gepolstert, die die Knie schonen sollten… Ihre Unterkörper konnte man gar nicht sehen; es sah aus, als wären sie zweigeteilt. Das bereitete mir ein unglaubliches Vergnügen, denn ich selbst hätte sie am liebsten in zwei geteilt. Ich wollte vom Passiven zum Aktiven gelangen, da ich mich selbst als zweigeteilt empfand."



Louise Bourgeois, Janus Fleuri, 1968
Courtesy Louise Bourgeois and Cheim & Read, New York
Foto: Christopher Burke

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