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"Liverpool Station zur Hauptverkehrszeit"


Hat sich die Londoner Kunstmesse gelohnt? Pressestimmen zur Frieze Art Fair

Die Frieze Art Fair hatte schon 2003 ihr Publikum begeistert. Dass aber auch die zum zweiten Mal in London stattfindende Kunstmesse ein Spektakel werden würde, darüber war man sich bis zuletzt im Ungewissen. Doch wenige Tage nach dem Event, das vom 15. bis 18. Oktober andauerte, ist die Meinung unter den Kritikern einhellig: Das "Festmahl für Sammler", wie die Neue Zürcher Zeitung titelte, hat sich als herausragender Treffpunkt auf dem internationalen Kunstmarkt etabliert. "Erst im Vorjahr von den beiden Quereinsteigern Amanda Sharp und Matthew Slotover, die hauptberuflich das gleichnamige Kunst-Magazin herausgeben, aus der Taufe gehoben", vermeldet die Frankfurter Allgemeine Zeitung schon für das vergangene Jahr einen "Umsatz von 24 bis dreißig Millionen Euro".

In diesem Jahr dürfte der Betrag noch höher gelegen haben – waren doch mit 150 Ausstellern noch einmal 25 zusätzliche Galerien beteiligt, so dass insgesamt über 2.000 Künstler gezeigt wurden. Entsprechend sieht Sandra Kegel von der FAZ einen Siegeszug der Frieze Art Fair über konkurrierende Standorte, wie das Berliner Art Forum oder die Kölner Art Cologne: "Nicht wenige deutsche Galeristen erklären nun in London freimütig, dass sie künftig lieber hierher kommen als nach Köln oder Berlin; denn am Ende des Tages geht es ums Geschäft, und das Kunst-Shopping läuft hier prächtig".

Warum die Frieze Art Fair einen solchen Zulauf hat, versucht die Frankfurter Rundschau zu ergründen. Schon draußen käme man sich vor "wie vor einem Nightclub", schreibt Louise Brown, und ist auch sonst sehr beeindruckt vom Andrang in dem provisorischen weißen Messezelt, das der britische Star-Architekt David Adjaye entworfen hat: "Bei der ersten professional view erinnert der Eingangsbereich an Liverpool Street Station zur Hauptverkehrszeit". Brown bemängelt zwar die Inneneinrichtung, die ihr zu sehr "wie ein Picknick-Platz" vorkommt; dennoch bleibt die Frieze Art Fair für sie "eine Kunstveranstaltung der Superlative: Und der Hauptsponsor Deutsche Bank wird von den beiden Messe-Direktoren immer wieder in den höchsten Tönen gelobt".

Auch für Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung ist das Engagement der Deutschen Bank ein gelungener Einstand auf der britischen Insel, zumal die Frieze Art Fair nicht auf Spektakel setzt: "Inzwischen will London offensichtlich mit seriöseren Mitteln Welthauptstadt der Kunst werden. Dass es gelingen könnte, glaubt sogar die Deutsche Bank und sponserte diese zweite Frieze Art statt das erst unlängst erfolgreich zu Ende gegangene Berliner Art Forum".

Dabei wirkt die Messe auf Ruthe "eher gelassen", wobei sie sich von Kuratoren in ihrem Urteil bestätigt fühlt, die versichern „im Trend lägen nach den Jahren der 'Sensationen' jetzt das ernsthafte Beobachten, Konstatieren, Analysieren – etwa der Zusammenhänge von High Tech und Natur, Politik und Alltag".

Ein Anzeichen dafür ist für die NZZ etwa die Arbeit von Jota Castro in der Galerie von Massimo Minini aus Brescia: "Es sind drei mit der englischen, der amerikanischen und der italienischen Nationalflagge bemalte Ölfässer, aus denen dem Besucher die Köpfe von Tony Blair, George Bush und Silvio Berlusconi entgegengrinsen". Dagegen hält Catrin Lorch von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Arbeit von Tacita Dean bei Marian Goodman für herausragend: "ein Sechzehn-Millimeter-Film vom Palast der Republik in Berlin, zehn Minuten Standbilder einer goldglänzend-gerasterten Fassade". Vor allem scheint aber laut FAZ auffällig zu sein, dass die Fotografie "ihren Höhenflug unterbrochen hat und sich wieder als eine von vielen Ausdrucksformen einreiht". Frank Frangenberg sieht im Kölner Stadt-Anzeiger derweil ein anderes Problem heraufziehen – Kunsthandel und Kritik kommen sich seiner Meinung nach bei der Frieze Art Fair allzu nahe: "Die Grenzen zwischen Marktplatz und Ausstellung scheinen in London zu verschwimmen. Wenn ein Kunstmagazin eine Kunstmesse organisiert und ihre Kritiker im Katalog Texte zu den Künstlern verfassen, geben sie im Grunde Kaufempfehlungen ab – und damit jede Zurückhaltung und Neutralität auf".

Mit sehr viel mehr Amüsement und Ironie sehen die britischen Kritiker das Kunstgeschehen vor Ort. Für den Independent hat Ossian Ward im Vorfeld ein kleines ABC der Beteiligten entworfen, bei dem sich Sammler, Museumsdirektoren, Galeristen, Messeangestellte, Künstler und Kuratoren die Hand reichen. Sein besonderes Augenmerk richtet Ward auf Hans-Ulrich Obrist, der als Kurator des Pariser Musee d’Art Moderne als einer der umtriebigsten Kuratoren der Gegenwart gilt. Aber auch die Deutsche Bank steht bei ihm weit oben in der Aufmerksamkeitsskala, weil sie "ein Zeichen der Zustimmung für Frieze und zugleich eine Finanzspritze ist". Für den Guardian hat wiederum Adrian Searle über jene "furchtbar unangenehmen Momente" nachgedacht, "in denen alles in den Taumel der Bedeutungslosigkeit und des visuellen Überangebots gerät". Aber Searle weiß auch generell, welche Rolle eine Messe spielt: "Für Künstler, deren Arbeiten mehr als bloße Unterhaltung sein wollen, sind Kunstmessen eine überaus brutale Angelegenheit". Deshalb heißt es in seinem Resümee: "Nach einem Wochenende auf der Kunstmesse mag man sich das alte modernistische 'Weniger ist mehr' wünschen, und einen leeren weißen Raum, in dem man einige Zeit allein mit einem Buch verbringen kann."