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Die Bewegung des Körpers, die Substanz des Ich.
Zu Rebecca Horns Körperlandschaften



Ihre Rätsel- und Malmaschinen haben sie berühmt gemacht. Weniger bekannt blieben bislang Rebecca Horns vergängliche Zeichnungen. Nun zeigt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20, eine gelungene Kombination von Rauminstallationen und 80 Papierarbeiten der Künstlerin. Magdalena Kröner über die zentrale Stellung der Zeichnung, feministisch engagierte Body-Art, Poesie und Surrealismus im Werk der Wahl-New Yorkerin.



Rotation of the Silver Crane, 1984, Sammlung Deutsche Bank

Die Künstlerin Rebecca Horn, geboren 1944, ging 1972 nach New York. Im Kopf hatte sie eine ebenso simple wie eindringliche Idee: die Landschaften des Körpers zu suchen und zu beschreiben, dabei seine Bewegungen zu inszenieren, zu beobachten, zu verfremden und auf seine poetischen Gehalte hin zu untersuchen. Auch wenn Rebecca Horn sich in ihrer bis heute vier Jahrzehnte umspannenden künstlerischen Tätigkeit dabei den unterschiedlichsten Medien zuwandte, so ist sie einem grundlegenden Interesse am Körper und am Körperlichen stets treu geblieben.


Paradieswitwe, 1975, Sammlung Deutsche Bank

Rebecca Horn hat Filme gedreht, performt und eine große Zahl wunderbarer fragiler, surrealer Rätsel- und Malmaschinen gebaut - vor allem mit letzteren wurde sie bekannt. Zu ihren Apparaturen erklärt die Künstlerin: "Meine Maschinen sind keine Waschautomaten. Sie sind nervös und müssen manchmal innehalten. Wenn eine Maschine nicht mehr weiterläuft, bedeutet das nicht, dass sie kaputt ist, sie ist nur erschöpft. Der tragische und melancholische Aspekt der Maschinen ist mir wichtig. Ich will gar nicht, daß sie ewig funktionieren."

Weniger bekannt blieben bislang Rebecca Horns ephemere Zeichnungen, die ein in den verschiedensten Sparten und Genres sich entfaltendes und in seinen verzweigten Erkundungen immer wieder aufeinander bezugnehmendes Werk begleiteten.



Blüten der Mandel, 2004
©Rebecca Horn / VG Bild-Kunst, Bonn 2004
Foto: Gunter Lepkowski

Die Zeichnung, wie die aktuelle Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20, nun in der gelungenen Kombination von 20 Rauminstallationen und Skulpturen mit 80 Papierarbeiten nachweist, war von jeher ein bevorzugtes Medium in der Arbeit Rebecca Horns, das wie ein Notizbuch alle Experimente und Ausflüge in Neues begleitete.


Einhorn, 1970
©Rebecca Horn / VG-Bild-Kunst, Bonn 2004
Foto: Achim Thode

Ob in der Performance, in der Maschine oder im Film - immer bleiben Horns Bewegungen durch den Raum und ihre Interaktionen mit dem Raum konkret. Stets bleiben sie erkennbar rückgebunden an den Körper. Am unmittelbarsten erfahrbar wird dieses Ausgehen vom Körper als Bezugsgröße in Horns frühen Körperskulpturen wie ihrem berühmten Einhorn von 1970, in dem die Künstlerin, inspiriert von den Prothesen und Bandagen der Kliniken und Sanatorien der Jahrhundertwende, eine Darstellerin durch ein Kornfeld wandern läßt. Die Einschränkung ihrer Beweglichkeit und die zugleich sehr aufrechte, stolz anmutende Haltung läßt eine fast paradoxe Würde entstehen - trotz der kaum verborgenen Nacktheit erscheint die Frau wie eine Würdenträgerin eines geheimen Bundes - Angehörige einer seltsamen Spezies fast wie das titelgebende Fabelwesen selbst. Nicht zuletzt greift Horn in den Körperskulpturen auf kunsthistorische Vorbilder zurück - man denke nur an die Collagen Max Ernsts oder die künstlerischen Körpermanipulationen der Surrealisten.


Bleistiftmaske, 1972, (Filmstill)
©Rebecca Horn / VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Zugleich visualisiert Rebecca Horn in ihren Körperskulpturen auch eine unmittelbare Erfahrung, die ihre Wurzeln in der feministisch engagierten Body-Art ihrer Zeit hat, innerhalb derer Horn eine originäre Position besetzt hält. Horn siedelt den Körper in einem semantischen Zwischenraum an - er ist nicht 'frei' oder gar 'natürlich' wie etwa seine gelegentliche Einbettung in die Natur suggerieren könnte. Der Körper ist bei Rebecca Horn stets Medium unmittelbarer zivilisatorischer und gesellschaftlicher Einschreibungen - und wird im Umkehrschluß wiederum selbst zum Einschreibenden; vom Objekt zum Subjekt. Rebecca Horn faßt dies besonders eindringlich in Arbeiten wie der Bleistiftmaske, die sie für eine Performance 1972 benutzte: hier trägt sie eine einschnürende, gefährlich aussehende Maske über dem Kopf, mit der sie Spuren auf der Wand einträgt. "Um meinen Kopf sind drei Bänder senkrecht und sechs Bänder waagerecht verschnürt. Auf jeder Überkreuzung der Bänder ist ein Bleistift befestigt. Alle Bleistifte sind 5 cm lang und bilden das Profil meines Gesichtes räumlich ab. Vor einer weißen Wand bewege ich meinen Kopf rhythmisch hin und her. Die Bleistifte zeichnen an der Wand den Bewegungsablauf in sich immer mehr verdichtenden Linien ab", beschreibt die Künstlerin diese eindringliche Performance.

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