In dieser Ausgabe:
>> Interview mit John Baldessari
>> 2004 California Biennial
>> Die Kunst der Westcoast
>> Kunst und Film

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Spannung steigt und nichts passiert


Von Anbeginn hat das Kino à la Hollywood die Menschen fasziniert - ein Umstand, den sich seit Ende der Sechzigerjahre auch Szenestars wie John Baldessari und Andy Warhol bei ihren Arbeiten zunutze gemacht haben. Nun ist eine junge Generation von Künstlern nachgewachsen, die sich ebenfalls beim Rohstoff Hollywood bedient, dem Ganzen aber noch einmal eine völlig neue Richtung gibt. Ulrich Clewing über Maler, Fotografen und Videofilmer, die genau wissen, was sie wollen.



Douglas Gordon, 24 Hour Psycho, Videostill

Tage, Wochen, Monate werden zu Stunden und Minuten. Lebensläufe, ganze Epochen ziehen vorüber in schwindelerregender Geschwindigkeit und selbst in Fällen, in denen die Geschehnisse einer einzigen Nacht geschildert werden, stellt die Echtzeit eine zu vernachlässigende Größe dar.

Wenn der Film das Medium der Beschleunigung ist, wofür angesichts von 24 Einzelbildern pro Sekunde auch technisch vieles spricht, dann hat Douglas Gordon 1993 den perfekten Anti-Film gedreht. Wobei "gedreht" nicht ganz das treffende Wort ist. Eigentlich hat der 1966 in Glasgow geborene Schotte bei seiner Arbeit 24 Hour Psycho nichts anderes getan, als was ihr Titel beschreibt. Er hat einen Kinoklassiker, Alfred Hitchcocks Thriller Psycho von 1960, am Videopult in seine Einzelteile zerlegt und anschließend in der originalen Reihenfolge wieder zusammengesetzt - allerdings mit nur zwei Bildern pro Sekunde, extrem verlangsamt und auf eine Spieldauer von 24 Stunden gedehnt.



Douglas Gordon, 24 Hour Psycho, Installation

Für den Betrachter hat dies weit reichende Folgen. Es liegt auf der Hand, dass die wenigsten Gordons Werk in voller Länge gesehen haben werden. Doch darauf kommt es Gordon auch gar nicht an. Von der Handlung - die Ankunft Janet Leighs in Norman Bates Motel, der schreckliche Mord unter der Dusche, die Entdeckung von Bates' toter Mutter - ist sowieso nicht mehr viel übrig. Was man sehen kann, sind Standbilder, eingefrorene Bewegungen, starre Gesichter. Der Plot des Films aber ist bis zur vollkommenen Unkenntlichkeit entstellt. Gordon wendete dafür einen einfachen Kunstgriff an: Er musste die Geschichte nur buchstäblich in ihr letztes Detail - das einzelne Bild auf dem Filmstreifen - zurück verwandeln.

Douglas Gordons 24 Hour Psycho gilt heute als Meilenstein einer künstlerischen Entwicklung, die in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit Andy Warhol und John Baldessari (siehe hierzu das Interview und den Bericht in dieser Ausgabe von db-artmag) begann und Mitte der neunziger Jahre erheblich an Fahrt gewann. Immer mehr Künstler entdecken das Kino im Allgemeinen und Hollywood im Besonderen und benutzen seine Bilder, Erzählungen und Mythen, seine Heilsversprechen, Sehnsuchtsfallen und Abgründe für ihre eigenen Zwecke - ein Trend, den aktuell zum Beispiel auch eine Ausstellung wie 3' in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt widerspiegelt. Die Angehörigen der TV-Generation, die das Kino in erster Linie aus dem Fernsehen kennen, haben sich der Mechanismen bemächtigt, die sie von klein auf prägten - und machen sich nun, da sie sich im Besitz des Know-How wähnen, an die Analyse, die Dekonstruktion und Sektion.



Stan Douglas, Monodramas (1991), Videostill

Die nach 1955 Geborenen wissen genau, wie ein Film funktioniert, mit welchen Mitteln bestimmte Wirkungen erzielt, Bedeutungen hergestellt und Sinnzusammenhänge konstruiert werden. Sie haben in sich aufgesogen, was als effizienteste, einflussreichste Bilderproduktion gilt, die es wohl je gegeben hat. In den Studios der amerikanischen Westküste wurde die Art, filmisch Geschichten zu erzählen, vielleicht nicht erfunden - aber sie ist hier zur Perfektion gereift und hat von dort aus zurück ausgestrahlt in alle Welt. Die Filmkunst mag ihre entscheidenden Impulse in den Stummfilmstudios von Babelsberg , in Fellinis Cinecittà , im Paris der Nouvelle Vague oder im Japan Akira Kurosawas empfangen haben, doch die größten Stars, die massenwirksamsten Stories, die imposantesten Villen und den strahlendsten blauen Himmel hat immer noch Hollywood . Generationen von Kinogängern haben sie bewundert und zuhause vor dem Spiegel nachgestellt: die Posen von Bette Davis, Cary Gran t, James Dean und Marlon Brando und all den anderen, die nach ihnen kamen. Unser aller Leben, unser Habitus, unsere Träume, sie sähen ohne diese Hollywood-Erfahrung wahrscheinlich anders aus.

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