In dieser Ausgabe:
>> Interview mit John Baldessari
>> 2004 California Biennial
>> Die Kunst der Westcoast
>> Kunst und Film

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Wild Wild West:
Junge Kunst auf der 2004 California Biennial



Subversiv rütteln junge Künstler an den Mythen Hollywoods, des amerikanischen Mittelstandes, der Kommerzialisierung persönlicher Lebensräume: Ab Mitte Oktober präsentiert das Orange County Museum of Art mit Unterstützung der Deutschen Bank die „2004 California Biennial“ – ein ambitioniertes Kunstereignis, das zeigt, wie aufregend und vielfältig die Szene an der amerikanischen Westküste ist.





Mungo Thompson: The American Desert (for Chuck Jones), 2002
Video (installation view)
Sammlung des Orange County Museum of Art

Jeder kennt ihn, den Roadrunner aus den Bugs Bunny Cartoons, der mit einem lauten „ Meep Meep!“ durch die Wüste rast und immer wieder seinen wutentbrannten Gegenspieler, Karl Kojote, abhängt. In Mungo Thomsons 2002 entstandener Videoarbeit The American Desert (for Chuck Jones) bleibt der schräge Vogel allerdings spurlos verschwunden. Chronologisch hat sich der kalifornische Künstler sämtliche Roadrunner – Klassiker vorgenommen, die der legendäre Zeichentrick-Animateur Chuck Jones zwischen 1949 und 1964 produzierte, und dabei akribisch sämtliche Charaktere und Handlungen aus den Streifen entfernt. Wer auf der diesjährigen California Biennial Thomsons Videoraum betritt, steht einem abgespeckten Mythos des „wilden Westens“ gegenüber – den öden und knallbunten Comic-Wüsten aus den Warner Brother-Studios, die über dreißig Minuten in immer neuen Ausschnitten und Einstellungen zu sehen sind. Als Tribut an Chuck Jones lenken die meditativen Landschaften von The American Desert zugleich den Blick auf die Produktion und die Ikonografie massenmedialer Bilder; darauf wie sie unsere alltäglichen Wahrnehmungen prägen und zum festen Bestandteil der westlichen Kulturgeschichte werden.

Brian Calvin: Noon, 2002
Sammlung Ruth and Jacob Bloom, Marina del Rey, California
Simon Evans:
Right and Wrong, 2003
Sammlung Bill Banyai, San Francisco


Mit 28 Künstlern und über 120 Werken zeigt das soeben frisch renovierte Orange County Museum of Art (OCMA) in Newport Beach eine bislang in Kalifornien einzigartige Überblicksschau aktueller Westküstenkunst: Rauminstallationen, Skulpturen, Malerei, Arbeiten auf Papier, Video und Fotografie. Seit 1984 veranstaltet das Museum seine inzwischen international renommierten Biennalen. Über zwei Jahre unternahmen die Kuratoren Elizabeth Armstrong und Irene Hofmann unzählige Besuche in Ateliers, Galerien und Institutionen, um der diesjährigen Ausstellung das unverwechselbare Profil zu verleihen. Wie Mungo Thomson sind sämtliche Teilnehmer der 2004 California Biennial zwischen 1960 und 1970 geboren. Sie gehören einer Generation an, die von den Debatten um Globalisierung, Geschlechterrollen, neue Technologien ebenso geprägt ist, wie von Filmen, Musik, Computerspielen, TV, Grunge- und Skateboard-Kultur. Das kommt den Machern der Biennale sehr entgegen, denn gerade die subversive Energie, mit der die junge Szene des multikulturellen Schmelztiegels Kalifornien Impulse für das internationale Kunstgeschehen gibt, soll hier in den Vordergrund gestellt werden.


Brian Calvin: Nowhere Boogie, 2000
Courtesy: Der Künstler und Marc Foxx Gallery, Los Angeles

„It smells like Teen Spirit“: Die bleichen, androgynen Gestalten auf Brian Calvins melancholischen Bildern könnten von der Attitüde des Nirvana Frontmannes Kurt Cobain inspiriert sein. Sie rauchen, kiffen, trinken, treffen sich mit Freunden, machen Musik, starren ins Leere, warten auf etwas, das doch nie passiert. Nicht nur die Existenz der „Twentysomethings“ wird bei Calvin als ziemlich aussichtslos dargestellt, sondern auch der Akt des Malens selbst. Der puppenartige Junge, der auf Nowhere Boogie (2000) aus dem Fenster starrt, erscheint als Karikatur der zeitgenössischen figurativen Malerei. Während er ängstlich Ausschau hält, hat der im Vordergrund auf der Gitarre klimpernde Typ innerlich längst aufgegeben. Mit blutunterlaufenen Augen, gehüllt in ein satanisch bedrucktes T-Shirt verharrt er in resignierter Gelassenheit. Brian Calvins flächige, zweidimensional wirkende Gemälde sind virtuos gemalt – und in jeder Hinsicht desillusionierend. Sie gleichen Erzählungen ohne Handlung und lassen die „flachen“ Figuren vor dem Hintergrund der Leinwand wie vor einer Wand kleben. Der Musiker mag sich zwar in seinen Song vertiefen um abzuschalten, doch vor der Realität gibt es kein Entkommen.


Mark Bradford: Untitled (Shoe), 2003
Courtesy Brent Sikkema, New York

Mit ihrer gelegentlich ironischen, aber stets betont unpathetischen Haltung bildet die Kunst der California Biennial einen thematischen und konzeptionellen Kontrast zum aktuellen Malereiboom in Europa. Während der Sammler Charles Saatchi in London in einer großen Ausstellung weihevoll The Triumph of Painting feiert und in deutschen Feuilletons die Rückkehr einer jungen Malergeneration zum Schönen, Phantastischen und Unheimlichen diagnostiziert wird, orientieren sich die Künstler im OCMA fast durchweg an alltäglicher Realität, coolen medialen Images und der Kommerzialisierung des urbanen Raumes. Das äußert sich in der Nutzung ganz divergenter Medien – auch in der Malerei. So eignet sich Mark Bradford die Ästhetik der abstrakten Moderne an und kombiniert sie in seinen Assemblagen mit Fundstücken aus der Umgebung von South Los Angeles, wo er lebt und trotz erfolgreicher Kunstkarriere nach wie vor als Friseur arbeitet. Für seine Bilder nutzt er Haarfarbe, Zellophan, Zeitungsausschnitte oder wie für die 2003 entstandene Collage Untitled (Shoe) Verpackungen und Papierfetzen. Auch der 1972 in London geborene Simon Evans, der als Skateboard-Profi nach L.A. kam, erstellt Kartographien und Diagramme des Alltagslebens; aus Rechenpapier, Kugelschreibernotizen und Klebeband zusammengefügte Assemblagen, wie die Liste Right and Wrong (2003), die hintersinnig die vergebliche Sehnsucht nach Ordnung im urbanen Chaos widerspiegelt.


Kota Ezawa: Who's Afraid of Black, White, and Grey, 2003
Two-channel digital animation
Courtesy: Der Künstler und Haines Gallery, San Francisco

Im OCMA scheint sich der Trend eindeutig vom Tafelbild zu Installationen und Videoarbeiten zu bewegen: Für den Videoloop Who's Afraid of Black, White and Grey (2003), übertrug der in Deutschland aufgewachsene und an der Düsseldorfer Kunstakademie ausgebildete Japaner Kota Ezawa Filmausschnitte des Ehedramas Who's Afraid of Virginia Woolf? (1966) in Schwarzweiß Cartoons. Die Referenzen zur Malerei sind hierbei nach wie vor offensichtlich, das verdeutlicht nicht nur der an Barnett Newmans berühmtes Gemälde Who’s Afraid of of Red, Yellow and Blue gemahnende Titel. In ihren starken Kontrasten und klar umrissenen Formen erinnern die digitalen Images an Gemälde des Pop- Artisten Alex Katz oder an die Scherenschnitte von Henri Matisse.

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