In dieser Ausgabe:
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The Lady is a Transformer:
Die Fotokünstlerin Katharina Sieverding erhält den Goslarer Kaiserring 2004



Katharina Sieverding, Transformer, 1972,
Sammlung Deutsche Bank. (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2004



Transformer ist der Titel einer 1973 entstandenen Fotoarbeit von Katharina Sieverding. In unterschiedlichen Belichtungen zeigt die fünfteilige Serie das grell geschminkte, androgyne Konterfei der Künstlerin, das sich von Negativabzug zu Negativabzug wandelt, wobei sich in jeder minimalen Änderung von Pose, Licht und Kontrast eine neue Facette der Persönlichkeit abzeichnet. Sieverdings Serie bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Befragung und Behauptung, Metapher und Abbild. Ihre Bilder sind Rollenbilder, in denen sich mit der eigenen wandelbaren Persönlichkeit gleichermaßen gesellschaftliche Veränderungen transportieren – der Abglanz von Glamour, Mode, Konsumkult, geschlechtsspezifischen Verhaltensmustern und massenmedialen Images. Der Titel der Serie erscheint beinahe programmatisch für das Werk der 1944 in Prag geborenen Künstlerin, die mit ihren Arbeiten zu den Themen Identität, Individuum und Gesellschaft, Technologisierung von Mensch und Natur seit über dreißig Jahren zu den bedeutendsten deutschen Künstlerinnen zählt.


Katharina Sieverding, Manton, 1997,
Sammlung Deutsche Bank, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2004


Nun wird Katharina Sieverding am 9. Oktober 2004 im Mönchehaus Museum für Moderne Kunst mit dem Goslarer Kaiserring als einem der renommiertesten internationalen Kunstpreise ausgezeichnet: Seit 1975 vergibt die Stadt Goslar jährlich den goldgefassten Aquamarin mit dem eingravierten Siegel Heinrichs IV. Die ideelle Auszeichnung ehrt das Oeuvre eines zeitgenössischen, internationalen Künstlers, dem die Gegenwartskunst, so der Text der Verleihungsurkunde, "wesentliche Impulse zu verdanken hat". Die Reihe namhafter Künstler und Künstlerinnen, die den Ring erhalten haben, spricht für sich: Vom ersten Preisträger Henry Moore (1975) über Willem de Kooning, Joseph Beuys, Gerhard Richter, Cindy Sherman bis hin zu Sigmar Polke, Jenny Holzer und William Kentridge liest sich die Liste der Ringträger wie ein „Who is Who“ der zeitgenössischen Kunst.



Katharina Sieverding, Ohne Titel, 1998,
Sammlung Deutsche Bank, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2004


Mit ihren Körper- und Porträtaufnahmen habe die Künstlerin wesentlich zur Erweiterung der Fotografie beigetragen, erklärte die Jury. Tatsächlich hat Sieverding sich als eine der ersten Frauen im bundesdeutschen Kunstbetrieb durchgesetzt und seit den frühen siebziger Jahren mit ihrer Arbeit internationale Erfolge gefeiert. Geprägt von feministischen Diskursen begann sie als Meisterschülerin von Joseph Beuys in den frühen Siebzigern Konstellationen der weiblichen Selbstidentität zu untersuchen, wobei sie auch vorgefundene Materialien wie aktuelle Zeitungsausschnitte und Stills von Filmen in ihre Darstellungen einarbeitete. Als Synthese aus fototechnischem Experiment und selbstreflexiver Auseinandersetzung mit der eigenen Physiognomie verbanden ihre monumentalen Wandpaneele Einflüsse der Performancekunst mit medienkritischen Ansätzen. In den achtziger Jahren tendierten ihre Darstellungen immer mehr dazu, allgemeine politische Bedrohung und Brisanz aufzuzeigen, wobei der Stimmungsgehalt und das Undefinierte medialer Bilder in den Vordergrund traten. Beispiele dafür waren die 1993 in Berlin in U-Bahnhöfen und auf öffentlichen Plätzen installierte Arbeit Deutschland wird deutscher, die auf rechtsradikale Vorfälle nach dem Mauerfall reagierte, oder Bombensicher Bundeskunsthalle Bonn die letzten Knöpfe sind gedrückt (1983), die sich mit der Bedrohung atomarer Waffen auseinandersetzte.



Katharina Sieverding,
Bombensicher Bundeskunsthalle Bonn die letzten Knöpfe sind gedrückt, 1983,
Sammlung Deutsche Bank, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2004


1997 wählte die Deutsche Bank Katharina Sieverding zur "Künstlerin im Geschäftsjahr" und organisierte mit ihren Werken aus der Sammlung zahlreiche Ausstellungen in Filialen, Kunstvereinen und Museen, wobei die Ausstellung Arbeiten auf Pigment 1998 im Deutsche Guggenheim den Abschluss bildete. Neben internationalen Ausstellungen und mehreren documenta-Teilnahmen war Sieverding gemeinsam mit Gerhard Merz im Deutschen Pavillion auf der Biennale in Venedig 1997 vertreten. Seit 1992 ist sie Professorin an der Berliner Universität der Künste ( UDK). Zurzeit sind ihre Arbeiten in der Gruppenausstellung The Future Has a Silver Lining. Genealogies of Glamour im Züricher Migros Museum zu sehen. Am 24.10.2004 eröffnet im New Yorker PS1 mit Close Up eine Einzelausstellung der Künstlerin.