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Gen Norden:
Lynn Davis über ewiges Eis, den perfekten Moment und ihre Freundschaft mit Robert Mapplethorpe



Seit den siebziger Jahren gehört Lynn Davis zu den prominentesten Vertreterinnen der amerikanischen Fotografie. In ihren Aufnahmen von Natur- und Architekturmonumenten, die sie auf ihren Reisen durch die ganze Welt macht, vereinen sich minimale Präzision und formale Strenge zu Bildern voller meditativer Schönheit. Davis ist Künstlerin, Abenteurerin und Zeitzeugin: Als Assistentin von Berenice Abbott zählte sie neben Peter Hujar auch Robert Mapplethorpe zu ihren engsten Freunden. Anlässlich der Ausstellung "Robert Mapplethorpe und die Klassische Tradition", die gerade im Deutsche Guggenheim in Berlin zu sehen ist, besuchte Cheryl Kaplan die Fotografin in New York, um sich über ihre Arbeit und die außergewöhnliche Freundschaft und Zusammenarbeit mit Mapplethorpe zu unterhalten.



Lynn Davis, Iceberg #17, Disko Bay, 2000
Courtesy of Lynn Davis and Edwynn Houk Gallery, NY
©Lynn Davis, New York, All Rights Reserved

Am Tag, als ich mich mit Lynn Davis treffe, stirbt Henri Cartier Bresson. Er wurde 95. Die beiden haben sich nie getroffen, obwohl Davis einige bedeutende Fotografen seiner Generation für einen Artikel im Esquire -Magazin aufgenommen hat, der nie veröffentlicht wurde. Dazu gehörten André Kertesz und Roman Vishniac ebenso wie Lisette Model und Berenice Abbott, mit denen Davis eng befreundet war. Als ich von der Fifth Avenue abbiege und ihr Appartement, gleich gegenüber dem Metropolitan Museum betrete, erwartet mich Lynn bereits. Sie sitzt in einem Eames-Stuhl, eingerahmt von zwei ihrer Fotografien: eine Pyramide und ein Eisberg. Bald wird sie nach Neufundland reisen, nachdem sie gerade erst aus Grönland zurückgekehrt ist. Ihre Zeit daheim verbringt sie nicht nur in Manhattan, sondern auch in ihrem Haus in Hudson, New York. Kurz nachdem sie in den siebziger Jahren von San Francisco nach New York kam, befreundete sie sich mit den Fotografen Robert Mapplethorpe und Peter Hujar, und arbeitete eng mit ihnen zusammen. Wie Mapplethorpes und Hujars Werke sind die Fotografien von Lynn Davis einprägsam und vielschichtig und üben eine unmittelbare Faszination auf den Betrachter aus.


Lynn Davis, New York, 2004
©Copyright Cheryl Kaplan, 2004. All Rights Reserved.

Cheryl Kaplan: Der Dichter John Ashbery schrieb, dass Ihre Fotografien "uns in die abenteuerlichen Anfänge der Fotografie zurückversetzen, als die Aufregung über die Entdeckung noch völlig unbekannter Landstriche zugleich den erstaunlichen technischen Mitteln galt, mit denen es möglich wurde, diese Landschaften der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen." Viele Kunstkritiker und Autoren nahmen das wörtlich und implizierten, dass Ihre Arbeit an die fotografische Tradition des 19. Jahrhunderts anknüpft. Ist das richtig beobachtet - oder eine Fehlinterpretation?

Lynn Davis: Das stimmt nicht wirklich. Wenn die Leute mich als "Expeditionsfotografin" bezeichnen, muss ich schon lachen. Als ich in den Siebzigern in New York anfing, fotografierte ich Menschen und die Skulptur des Körpers. Ausgehend von einem minimalistischen Ansatz und der Nahaufnahme in der klassischen Aktfotografie gelangte ich schließlich zu den Eisbildern. Ich suchte nicht nach der Landschaft an sich, sondern nach Motiven, die eine minimalistische und geometrische Sichtweise von Landschaften und Strukturen widerspiegelten.

Ihre Aktaufnahmen haben ebenso ausgeprägte Formen wie die Fotografien von Eisbergen, die hinter Ihnen an der Wand hängen.

Und genau das ist die Verbindung für mich. Ich bin als Studiofotografin ausgebildet. Wie Sie an den Arbeiten hier in der Wohnung sehen können, habe ich viele Akte aufgenommen und sie dann als Körperlandschaften umgesetzt. Auch wenn ich mit den Meisterwerken der Landschaftsfotografie durchaus vertraut war, hatte ich nie das Gefühl, dass hier mein Ursprung lag.


Lynn Davis, Iceberg#5, 2000
Courtesy of Lynn Davis and Edwynn Houk Gallery, NY
©Lynn Davis, New York, All Rights Reserved
Lynn Davis, Darleen Vanderhoop, 1979
Courtesy of Lynn Davis and Edwynn Houk Gallery, NY
©Lynn Davis, New York, All Rights Reserved


Ihre ersten Aufnahmen waren also Körperbilder?

Es waren die Sechziger! Ich begann am San Francisco Art Institute Nackte zu fotografieren. Die Hälfte der Leute waren die Hälfte der Zeit sowieso nackt. Ich arbeitete mit einer Kleinformatkamera. Ich fotografierte Flohmärkte oder Nackte im Wald, eben diese typisch kalifornischen Sachen, die die Leute damals so machten. Nach New York kam ich auf Empfehlung von Lisette Model, die ich in San Francisco kennen gelernt hatte.

Dann arbeiteten Sie für Berenice Abbott?

Bei ihr lernte ich viel über die europäische Fotografie. In der Dunkelkammer rührte ich mit den gleichen Stäben Entwicklerflüssigkeit an, mit denen auch schon Man Ray gearbeitet hatte, dessen Assistentin Bernice Abbott in Paris gewesen war.

Wann haben Sie Robert Mapplethorpe getroffen?

Als ich Mitte der Siebziger als Fotojournalistin in New York arbeitete.

Sie arbeiteten damals für das "Time" -Magazin, oder?

Ja, und auch für das Ms.-Magazin, ich machte eine Menge Beiträge für sie, aber ich war gerade dabei dort wegzugehen, obwohl ich eigentlich nach New York gekommen war um genau in diesem Job zu arbeiten. Ich hatte auch das Format für meine Aufnahmen gewechselt, benutzte jetzt eine 2¼-Kamera. Anstatt nach guten Bildern zu suchen, machte ich selbst welche. Ich lud ständig Leute ein, und gemeinsam hingen wir in all den verschiedenen Clubs herum. Jemand sagte: "Warum machst du nicht selbst ein Magazin, und findest Fotografen, die dich wirklich interessieren?" Dann sah ich Roberts Bild Marc Stevens (Mr. 10 ½), diesen Penis auf dem Metzgerblock, oder was auch immer das war, und ich dachte: "Das ist jetzt wirklich interessant". Ich rief ihn an und fragte, ob er Lust hätte bei dem Magazin mitzumachen, und dann besuchte ich ihn. Auf der Stelle begann eine tiefe, ganz selbstverständliche Freundschaft zwischen uns.



Robert Mapplethorpe: Ken & Tyler, 1985
©Robert Mapplethorpe Foundation

Sie haben sich damals in Downtown getroffen?

Er lebte in der Bond Street, sein Schlafzimmer war ein Käfig. Das war schon ziemlich extrem. Er hatte bereits seinen ganz eigenen Einrichtungsstil entwickelt. Er hatte sich intensiv mit Innendekoration und Möbeln beschäftigt und war gerade dabei seine Sammlung von Stickley-Möbeln aufzubauen. Er hatte einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik, seine Collagen, Assemblagen und Sexbilder warfen mich schlichtweg um.

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