In dieser Ausgabe:
>> Landschaftsmalerei in der Sammlung Deutsche Bank
>> Die zweite Natur: Landschaft und Fotografie
>> Ernesto Neto: Reisen in innere Landschaften
>> Land Art: Ausbruch aus dem Kunstraum

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Reisen in innere Landschaften :
Ernesto Netos sinnliche Raumskulpturen



Der Besucher kann in die überdimensionalen, organisch anmutenden Objekte des Brasilianers Ernesto Neto eindringen, sie riechen, anziehen, umhertragen, auf ihnen sitzen – im Gegenüber mit der Kunst, sich dabei selbst erleben. Maria Morais über den Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank, dessen Kunst-Biotope zu einem Trip zwischen Makro- und Mikrokosmos einladen.




The slow pace of the body that skin is, 2004
©Galerie Max Hetzler, Berlin

Rosarot schimmern die amorphen Teppichlandschaften, aus deren Oberfläche hohe Wölbungen wie Termitenhügel emporwachsen. Auf dem grauen Boden wirken Ernesto Netos jüngst in der Galerie Max Hetzler in Berlin gezeigten Installationen wie künstliche Organismen, deren Dynamik dem Widerstreit von Gegensätzen entspringt: außen und innen, schwer und leicht, amorph und klar umrissen. The slow pace of the body that skin is (2004), so der Titel der Arbeit, verweist denn auch direkt auf die Vorstellungswelt des brasilianischen Künstlers und offenbart ein abgründiges Vergnügen am Spiel mit sinnlichen Formen und strengen konzeptuellen Überlegungen. Die imposanten Ausmaße der Bodenskulptur, die an einer Stelle fast zehn Meter misst und in der Mitte mannshoch empor ragt, unterstreichen dabei die Grundelemente seines Werks, das in immer neuen Ausprägungen das Verhältnis von Körper und Raum abzuwägen sucht.


Nave Noiva, Blop (Bride nave, Blop), 1998
Installationsansicht, Biennale von Sydney,
Foto: Christopher Snee

Netos raumfüllende, häufig begehbare Skulpturen wie die 1998 auf der Sydney Biennale gezeigte Nave Noiva, Blop oder die Arbeit ÔBicho, die 2001 auf der Biennale von Venedig zu sehen war, zielen auf eine Erweiterung der sensorischen und ästhetischen Erfahrbarkeit. Deutlich weckt ÔBicho, (Das Tier), hierbei Erinnerungen an eine phantastisch-utopische Welt, deren Landschaft von organischen Gebilden, Wucherungen und transparenten Gewebestrukturen beherrscht wird. Wie ins Innere eines gigantischen Organismus dringt der Besucher in Netos Skulpturen vor. Assoziationen zu Richard Fleischers Science Fiction Klassiker Die Phantastische Reise (1965), in dem ein Forscherteam in einem U-Boot das Innere des menschlichen Körpers bereist, werden geweckt: In Netos Raumskulpturen scheinen die abenteuerlichen Szenerien des Films aus tausendfach vergrößerten menschlichen Organen wie Ohr, Herz oder Lunge nachzuhallen.

O Bicho (The animal), 2001
Installationsansicht,
Ausstellung im Arsenale,
Biennale von Venedig,
Foto: Eduardo Ortega


Überhaupt spielt die Auseinandersetzung mit Design und Gestaltung in seinen Arbeiten immer wieder eine Rolle. So auch in seiner 2002 im Kölner Kunstverein gezeigten Ansammlung von Humanóides , einer Serie aus 21 unterschiedlichen, mit Styroporkügelchen und Gewürzen gefüllten weißen Skulpturen, die wie seltsam versprengte Lebewesen das Museum bevölkerten. In dem ebenfalls gänzlich weißen Ausstellungsraum erinnerte die Präsentation auf den ersten Blick an Verner Pantons futuristische Wohnlandschaften der Swinging Sixties. Es ist denn auch dieser Hang zu den künstlerischen Utopien gesellschaftlicher Umformung, der so typisch das Werk des in Rio de Janeiro lebenden Künstlers durchzieht. Konfrontiert mit den Realitäten einer Megastadt, deren kulturelle und soziale Vielfältigkeit eine außergewöhnliche Sprengkraft darstellt, hinterfragt sein Werk die unterschiedlichen Verfassungen des menschlichen Miteinanders: „Ich hoffe, dass die Kunst den Menschen allgemein näher kommen wird und nicht nur den Spezialisten. Ich hoffe, dass sie die große Leere an Humanität heutzutage auszufüllen vermag.“

When people speak to much,
I hide myself under my skin, 2004
©Galerie Max Hetzler, Berlin


Formal findet Neto dabei zu einer Sprache, die er wie ein Regisseur des Unbewussten vor den Kulissen der Seelenlandschaft des modernen Menschen inszeniert. Parallel zu den größer werdenden Formaten seiner Skulpturen verschwimmen auch die eindeutigen Grenzen zwischen Innen und Außen: „Das Eintauchen in den Körper erlaubte es mir, unter die Haut zu blicken. Dieses Umwenden reflektiert auf gewisse Weise eine Besonderheit der heutigen Welt, in der Wissenschaft und Bild, die aktuelle Auffassung vom Kosmischen und Biologischen, sowie die Fotografie und das Video aktiv die Bildwelt bestimmen und die Landschaft neu ordnen.“ Berühren und Eintauchen sind hierbei sprichwörtlich zu verstehen. „Please be gentle with the humanoides“, wie ein Schild in der Kölner Ausstellung mahnte, verstand sich auch als Aufforderung. Der Besucher sollte und konnte in die künstliche Landschaft der freundlichen Humanóides eindringen, Netos Skulpturen riechen, in sie hineinschlüpfen, sie umhertragen, auf ihnen sitzen – im Gegenüber mit der Kunst, sich selbst erleben.

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