In dieser Ausgabe:
>> Landschaftsmalerei in der Sammlung Deutsche Bank
>> Die zweite Natur: Landschaft und Fotografie
>> Ernesto Neto: Reisen in innere Landschaften
>> Land Art: Ausbruch aus dem Kunstraum

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Lygia Clark, O Eu e O TU:
série roupa-corpo-roupa, 1967
Arco venturo, 1997


Hierin steht Ernesto Neto in der Tradition der neo-konkreten Kunst von Lygia Clark und Helio Oiticica der fünfziger und sechziger Jahre in Brasilien. Beide Künstler suchten in ihren Arbeiten Kunst und Leben unmittelbar miteinander zu verbinden. Clark verstand ihre manipulierbaren Objetos Sensoriais als lebende Organismen, die erst Form und Sinn erhalten, wenn der Körper des Betrachters mit ihnen in Beziehung tritt. So gehört der Overall von 1967 zu der interaktiven Performance O Eu e O TU: série roupa-corpo-roupa, in der ein Mann und eine Frau, deren Augen durch Kapuzen verhüllt sind, sich gegenseitig sinnlich erleben, indem sie die Taschen und Höhlungen in den Kleidern des anderen erforschen. Clark ging es bei dieser Form der sinnlichen Erfahrung darum, „das eigene Geschlecht im anderen zu entdecken.“ Doch auch Hélio Oiticicas Penetráveis, komplexe architektonische Konstruktionen im Ausstellungsraum, in dem jede Ecke und jeder Bereich mit aufwendigen Formen, Farben und Materialien bestückt wurden, stehen Netos Raumskulpturen als Paten zur Seite. Den Körper zum zentralen Bezugspunkt für die Reflektion über die künstlerischen Codes und Strategien nehmend, übt das Werk von Clark und Oiticica auf die Arbeiten der jüngeren Künstlergeneration Brasiliens, darunter auch Cildo Meireles und Tunga, noch immer einen großen Einfluss aus.


Nave Catedral, 2001 Installationsansicht,
Museu de Arte Moderna, Rio de Janeiro

Die Schnittstelle zwischen Körper und Raum, wahlweise begriffen als Trennwand oder Membran, ist Bestandteil von Netos ganz persönlicher Kosmologie: „Ich glaube daran, dass wir als menschliche Wesen bestimmten körperlichen und zeitlichen Grenzen unterliegen, wobei die Haut als Einfassung oder Schranke dient, wie Inseln in einer kulturell und physisch determinierten Welt. (...) An dieser Schwelle ist das Glück verortet, der Bereich von Ereignissen, wo die Beziehung zwischen der Individualität des Menschen und seiner Welt sich entfaltet – physisch, psychologisch und mental.“


In Between Bo Ali, 2000, Sammlung Deutsche Bank
©Galeria Camargo Vilaco, São Paulo

An eben diesen Umrisslinien, die sich in Zeichnungen wie O Ser, O Tempo (2000) oder In Between Bo Ali (2000) deutlich vor den verschwommen Farbverläufen der Tusche manifestieren, vollzieht sich die Osmose zwischen Innerem und Äußerem. Netos Kosmos ist in beständigem Wachstum begriffen – in einem Zustand fortwährender Zellteilung, die immer wieder neue Formen gebiert. Die extrem minimalistische Nave Catedral (Schiff Kathedrale), die er 2001 im Museum für Moderne Kunst in Rio de Janeiro zeigte, wirkt wie ein Hybrid zwischen Architektur und schützendem Mutterleib und gibt die Welt als lebendige Struktur wider, als Matrix emotionaler Zustände, seelischer Prozesse und Empfindungen. Schon der Titel der Arbeit deutet an, dass das Werden und Wachsen in Netos Kunst von Spiritualität durchdrungen ist. Die Reise, die der Besucher in Netos Raumlandschaften antritt, führt vom Makrokosmos in den Mikrokosmos, in ein Kunst-Biotop, das zugleich Universum und Raumschiff ist, in dem jeder Zelle die Eigenschaft des Beseelten zugesprochen wird.


O Ser, O Tempo, 2000, Sammlung Deutsche Bank
©Galeria Camargo Vilaco, São Paulo

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