In dieser Ausgabe:
>> Landschaftsmalerei in der Sammlung Deutsche Bank
>> Die zweite Natur: Landschaft und Fotografie
>> Ernesto Neto: Reisen in innere Landschaften
>> Land Art: Ausbruch aus dem Kunstraum

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Verlorener Ursprung, utopischer Schauplatz:
Landschaftsmalerei in der Sammlung Deutsche Bank



Von naturalistischen Idyllen bis zu den Allegorien einer vernetzten Welt: Mit Arbeiten von über 120 Künstlern beleuchtete die Ausstellung „Landschaften eines Jahrhunderts“ die unterschiedlichen Facetten der Landschaftsmalerei des 20.Jahrhunderts und gab gleichermaßen einen Einblick in die Geschichte der Sammlung Deutsche Bank. Oliver Koerner von Gustorf über das nach wie vor aktuelle Sujet der Landschaftsmalerei.



Tobias Rehberger, aus der Serie: S.M.V. (Somme, Marne Verdun), 1993
©Tobias Rehberger, Frankfurt am Main
Sammlung Deutsche Bank

Die frisch gepflügte Erde ist dunkelbraun aufgeworfen, über sich schachbrettartig ausbreitende Felder, sanfte Hügel und Niederungen ziehen die Wolken: Tobias Rehbergers 1993 entstandene Aquarell-Serie mutet wie die Fingerübung eines Hobbymalers an, der seine Staffelei in die Natur getragen hat, um die Stimmung des Frühjahrs festzuhalten; das zarte Grün des jungen Grases, den Verlauf der Wälder am Horizont, die wechselnden Blau- und Grautöne des Himmels. Bis zur Trivialität lieblich und harmlos erscheinen diese Landschaften, wäre da nicht die schockierende Desillusionierung, die bei der Reflexion des Titels eintritt: S.M.V. (Somme, Marne, Verdun). Die Idylle ist tatsächlich ein ehemaliges Schlachtfeld. So starben in der Region von Somme im Juli 1916 während einer alliierten Offensive über eine Million und bei einer deutschen Offensive im März 1918 weitere 380.000 Soldaten. Der Sehnsucht nach einer urtümlichen und unberührten Landschaft und Natur, stehen historische Schuld und Verfehlung gegenüber. Der Anblick der Felder aber verrät nichts von dieser Geschichte, er ist und bleibt - trotz all des vergossenen Blutes, trotz allen Leidens und Schreckens - banal.


Bernhard Martin, Romantik IV, 1999
© VG-Bild Kunst, Bonn, 2004
Sammlung Deutsche Bank

„Sie sind im Pleinair-Stil gemalt und es war natürlich schon Ironie, bewusst dorthin zu fahren und mit der Staffelei ganz klassisch vor dem Motiv zu sitzen“, äußerte Rehberger zu seinen Aquarellen. Die vermeintlich unverfängliche Landschaftsdarstellung geht bei ihm mit der aktuellen Neubewertung eines malerischen Sujets einher, dass besonders für junge, zeitgenössische Künstler nichts von seiner Suggestivkraft verloren zu haben scheint. Wie für Rehberger ist auch für jüngere Künstlergenerationen die Annäherung an das kulturgeschichtlich belastete Landschaftsmotiv nicht mehr ohne eine gewisse Distanz und Ironie möglich. So stilisiert Bernhard Martins Ölbild Romantik IV (1999) ein aus dem Fernsehen übernommenes Katastrophenbild zur melancholischen Idylle. Während sich die Hügel im Hintergrund in expressiven Pinselstrichen zersetzen, treibt ein untergehendes Haus auf der camouflageartigen Oberfläche eines Gewässers hinweg – und mit ihm die romantische Vorstellung vom Einklang zwischen Natur und Zivilisation. Als Zeichen spöttischen Bedauerns über die verlorene Unschuld dieser medialen Szenerie ragt eine Blume aus dem Wasser – eine Zuchttulpe aus dem Gewächshaus.


Julian Opie, Imagine you are diving (1999)
Sammlung Deutsche Bank


Alice Stepanek/ Steven Maslin, The world around, 1991
© VG Bild-Kunst, Bonn 2004
Sammlung Deutsche Bank

„Wir sind die Kinder unserer Landschaft, sie bestimmt das Verhalten und auch die Gedanken, in eben dem Ausmaß, in dem wir für sie empfänglich sind.“, schrieb in den fünfziger Jahren der englische Schriftsteller Lawrence Durrell (1912-1990). Landschaft als historisch und zivilisatorisch geprägtes Material, kulturelle Matrix, Konstrukt innerer Wahrnehmung: Wie sich im Landschaftsbild künstlerische Umbrüche und der Wandel gesellschaftlicher Werte spiegeln, untersuchte die Wanderausstellung Landschaften eines Jahrhunderts, die ab 1999 in deutschen Museen gezeigt wurde und 2002 ihren Abschluss in der South African National Gallery in Kapstadt fand. Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde , Max Beckmann , Gerhard Altenbourg, Gerhard Richter, Georg Baselitz, Neo Rauch: Mit den Werken von über 120 Künstlern aus der Sammlung Deutsche Bank beleuchtete die Schau die unterschiedlichen Facetten der Landschaftsmalerei des 20.Jahrhunderts und gab gleichermaßen einen Einblick in die Sammlungsgeschichte - von den deutschen Impressionisten und Expressionisten, über die neue Abstraktion der Nachkriegszeit bis zu den Tendenzen der Gegenwart.


Gerhard Richter, Abstrakt, 26.5.92, 1992
©Gerhard Richter, Köln
Sammlung Deutsche Bank

Anstelle einer chronologischen Präsentation wurde hierbei der Schwerpunkt auf die thematische Gegenüberstellung in der Sammlung gelegt, um die vielfältigen Bezüge quer durch Zeiten und Stile zu verdeutlichen. So reflektiert Tobias Rehbergers kühle postmoderne Haltung unterschwellig auch das Pathos des deutschen Expressionismus – die schwärmerische Haltung und anfängliche Kriegsbegeisterung jener Generation, die durch die traumatische Erfahrung auf den Schlachtfeldern von Somme, Marne und Verdun und die spätere Verfolgung durch den Nationalsozialismus tief geprägt wurde. Als Gegenreaktion auf das biedere wilhelminische Bürgertum, überkommene Autoritätsstrukturen, leere Bildungsideale und die Mechanisierung der industrialisierten Gesellschaft richtete sich zu Beginn des vorigen Jahrhunderts der fortschrittliche Blick der Expressionisten auf die Erneuerung des Menschen und die Suche nach der verlorenen Ursprünglichkeit. Landschaft und Natur sollte nicht abgemalt, sondern als Ausdruck des inneren Wesens nachempfunden werden.

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