In dieser Ausgabe:
>> Landschaftsmalerei in der Sammlung Deutsche Bank
>> Die zweite Natur: Landschaft und Fotografie
>> Ernesto Neto: Reisen in innere Landschaften
>> Land Art: Ausbruch aus dem Kunstraum

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Erich Heckel, Park von Dilborn, 1914
©Nachlass Erich Heckel, Gaienhofen
Sammlung Deutsche Bank

Zeichnen sich in Erich Heckels düsterem, der Natur anheim gegebenen Park von Dillborn (1914) die Turbulenzen und Ängste der Vorkriegszeit ab, erscheint die in giftig-leuchtenden Farben festgehaltene Gebirgswelt von Ernst Ludwig Kirchners Die Berge Weissfluh und Schafgrind (1922) als visionärer Ausdruck seines inneren Exils im schweizerischen Davos. Hierhin war der einstmals Kriegsbegeisterte umgesiedelt, um seinen an der Front erlittenen körperlichen und geistigen Zusammenbruch auszuheilen.


Ernst Ludwig Kirchner, Die Berge Weissfluh und Schafgrind, 1921
©Dr. Wolfgang und Ingeborg Henze-Ketterer, Wichtrach/Bern
Sammlung Deutsche Bank

So sehr sich, abstrakte, expressive und gegenständliche Darstellungen im Katalog zu Landschaften eines Jahrhunderts in der Waage halten, so sehr berührt dieser formale Aspekt das sich wandelnde künstlerische und politische Verhältnis zum Landschaftsbild. Während die Künstler der „Brücke“ oder des „Blauen Reiters“ sich auf die authentischen, unmittelbaren Ausdrucksformen von Kindern und Geisteskranken, auf Volkskunst und „primitive“ Kunst zurück besannen und nicht vor dem Rohen und Hässlichen oder Archaischen zurückschreckten, wurde die Landschaftsmalerei unter den Nazis zum reaktionären Propagandainstrument. Anstelle der als entartet diffamierten Künstler kamen nun Maler zum Zuge, deren Werke der offiziellen „Blut und Boden“-Ideologie entsprachen. „Gesunde“ Kunst – das war naturalistische und heroisierende Kunst. Idyllisch inszenierte Landschaften zeigten vor allem ein verklärtes Bild des kultivierenden Bauern, das Mitte des 20. Jahrhunderts längst nicht mehr der von Industrie und Agrarchemie geprägten Landwirtschaft entsprach. Durch und durch populistisch, knüpfte die völkische Kunst der Nationalsozialisten an die tradierte akademische Gattungs- und Genremalerei des 19. Jahrhunderts an, die mit dem Aufkommen der Moderne verdrängt worden war.




A.R. Penk, Ohne Titel, 1974
©Courtesy Galerie Hänel, Frankfurt am Main
Sammlung Deutsche Bank

Die Auseinandersetzung mit dem durch die faschistische Ideologie kontaminierten Heimatbegriff, kennzeichnet dementsprechend auch viele Landschaftsdarstellungen in der Sammlung Deutsche Bank. Ausgehend von der klassischen Moderne fokussierte die Sammlung bis in die achtziger Jahre vor allem den deutschsprachigen Raum. Bereits in den Sechzigern gaben Künstler wie Georg Baselitz oder Markus Lüpertz mit dem Anknüpfen an die einst verfemten Traditionen der Moderne Impulse für die neo-expressionistische und heftige Malerei der jungen Wilden in den siebziger und achtziger Jahren. Währenddessen war auch für die Künstler im Osten des geteilten Deutschlands Landschaft ein ambivalentes Thema. Wird auf Georg Baselitz Tuschezeichnung Der Hochstein (1969) das Berg-Motiv aus einer Heimatzeitung demonstrativ auf den Kopf gestellt, übermalt der Dresdener Künstler A.R. Penk seine romantisierende Alpensee-Idylle Ohne Titel (1974) mit tiefschwarzer Farbe – eine getrübte Sicht auf deutsche Innerlichkeit.


Hans Thoma, Spätsommer im Schwarzwald, 1892
©Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main
Sammlung Deutsche Bank


Paint it black: Auf den ersten Blick erscheinen Hans Thomas Spätsommer im Schwarzwald (1892) und Ugo Rondinones ZWANZIGSTERJANUARNEUNZEHNHUNDERT-FÜNFUNDNEUNZIG (1995) gleichermaßen von der unbefangenen, direkten Annäherung an die Schönheit und Größe der Natur getragen. Doch zwischen der volksverbundenen Kunst des 1839 im Schwarzwald geborenen Heimatmalers und dem postmodernen Ansatz des jungen Schweizers liegt nicht nur ein Jahrhundert, sondern eine völlig gewandelte Weltsicht. Auf die ursprünglich nach der Natur und vor Ort im Skizzenbuch oder auf dem Zeichenblock entstandenen Freiluftmalereien des 19.Jahrhunderts anspielend, parodiert Rondinione mit seinen großformatigen, schwarz-weißen Papierlandschaften die akademische Haltung.


Ugo Rondinone,
ZWANZIGSTERJANUARNEUNZEHNHUNDERT-FÜNFUNDNEUNZIG , (1995)
©Courtesy Galerie Hauser & Wirth & Presenhuber, Zürich
Sammlung Deutsche Bank

Seine miniaturgroßen Originalmotive werden mit Hilfe einer Diaprojektion in nahezu reale Proportionen vergrößert, ins Negativ verkehrt und in Fleißarbeit aus- und abgemalt. In dem sich abzeichnenden Geflecht der Verästelungen und Strukturen spiegelt sich vernetztes und nomadisches Denken wieder. Wie die reproduzierte Waldlandschaft erscheint auch das Titel gebende Datum als subjektives Indiz einer sich ständig verändernden, medial geprägten Wirklichkeit.


Diese Tendenz spiegelt sich auch in der internationalen Ausprägung der Sammlung Deutsche Bank wider, die sich seit den späten achtziger Jahren, im Zuge von digitaler Revolution und eines sich ausweitenden weltweiten Marktplatzes, verstärkt globalen Entwicklungen in der Kunst widmet. Mit den gesellschaftlichen Umwälzungen verändert sich auch das Bild der Landschaft:

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