In dieser Ausgabe:
>> Landschaftsmalerei in der Sammlung Deutsche Bank
>> Die zweite Natur: Landschaft und Fotografie
>> Ernesto Neto: Reisen in innere Landschaften
>> Land Art: Ausbruch aus dem Kunstraum

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Zweite Natur, Nicht-Ort, Niemandsland: Landschaft und Fotografie


Wohlgeformte Wiesen, geometrisch genau in Szene gesetzte Hügel, Täler, Bäche und Flüsse: Schon seit ihren Anfängen eiferte die Landschaftsfotografie den Idealen der Malerei nach. Über lange Zeit mit den Klischees von Idylle und kitschiger Sentimentalität behaftet, ist ihre Geschichte jedoch gleichermaßen von Kriegen und Kolonialisierung geprägt. Harald Fricke über die jungen Fotografen der Becher- Schule, die das Bild von der Landschaft über die deutschen Grenzen hinaus revolutioniert haben.




Peter Fischli & David Weiss: Funghi 29, 1998
Sammlung Deutsche Bank

Lange Zeit hing der Landschaftsfotografie der anrüchige Ruf des Kitsches an. Die Kunst sah in ihr nur das billige Gewerbe von besseren Amateuren, die mit teuren Kameras die Natur erkunden und dabei Klischees von Kalenderblättern reproduzieren, sei es die Kirschblüte in Japan, ein Sonnenuntergang über dem Meer oder das Panorama der Alpen. Nicht von ungefähr hat das schweizerische Künstlerduo Fischli & Weiss sich genau diese Motive vorgenommen und zur documenta 1997 ganze Serien banaler Idyllenbilder auf der Nachtschiene im Fernsehen als Endlosschleife gesendet. Realität schien dabei lediglich als überzuckerte Fantasie vorzukommen, die mit allerlei Filtern und Vorsatz-Linsen aufgehübscht wurde, bis die tatsächlichen Orte völlig unkenntlich waren. Was der Landschaft in der Fotografie fehlte, war jene Strenge und Klarheit, mit der die Moderne sich die Welt erschlossen hatte.


Peter Fischli & David Weiss: Ohne Titel, 1991
Sammlung Deutsche Bank


Mittlerweile hat sich die Landschaftsfotografie von ihrem schlechten Ruf befreien können, vor allem dank der Düsseldorfer Schule von Bernd und Hilla Becher. Es waren Thomas Struth, Axel Hütte, Elger Esser oder Andreas Gursky, die das mit der Kamera aufgenommen Bild von der Landschaft über die deutschen Grenzen hinaus revolutioniert haben. Als Becher-Schüler stehen sie allesamt in der Tradition einer möglichst objektiven Abbildung von Wirklichkeit, sind aber gleichsam daran interessiert, mit ihren Arbeiten immer wieder die Randgebiete des Mediums auszuloten.

Dafür scheint im Gegenzug die Natur ein dankbares Sujet zu sein, verbindet sich doch gerade bei Außenaufnahmen das Wechselspiel von Licht, Schatten, Umrissen und Flächen mit der Frage nach dem entscheidenden Augenblick des Auslösens, der weiterhin alle Fotografie bestimmt.



Andreas Gursky: Seilbahn Dolomiten, 1987
Sammlung Deutsche Bank, © Courtesy: Monika Sprüth Galerie, Köln / VG-Kunst, Bonn 2004

Dabei waren schon die Landschaftsaufnahmen vor 150 Jahren durch und durch inszeniert. Hatte die Malerei sich noch an der Zentralperspektive orientiert, um etwa die Schönheit englischer oder französischer Gärten ins rechte Licht zu rücken, so eiferte die Fotografie diesem Ideal bereits kurz nach ihrer Entdeckung nach. Die ersten Fotos von William Fox Talbot waren zwar noch ein verwirrendes Geflecht aus Vordergrund und Hintergrund, in dem jeder Gegenstand zu schweben schien. Doch spätestens mit den ersten kolonialen Expeditionen, an denen auch Fotografen beteiligt waren, wurde die Natur vor der Kamera zum geordneten Gebilde wohlgeformter Wiesen und geometrisch genau in Szene gesetzter Hügel, Täler, Bäche und Flüsse. Als Frances Frith 1858 die Pyramiden in Ägypten fotografierte, verdichteten sich der Prachtbau und die umgebende Landschaft zum Bild eines nach dem Untergang der alten Kulturen noch unbesetzten Terrains.


E.O. Beaman: Das Herz von Lodore, Green River,
Dinosaur National Monument, Colorado, 1871
©Archiv Denver

Schon früh warf die Fotografie einen ästhetisierenden Blick auf die Natur: In den USA erforschten E.O. Beaman oder Timothy H. O’Sullivan seit 1865 Canyons, weil sich dort durch den extremen Lichteinfall die Gesteinsmassive oder Felsformationen besonders ausdrucksstark zwischen Himmel und Erde abhoben. Zugleich wurde die Landschaftsfotografie zum Symbol der Beherrschbarkeit von Natur. Eadweard Muybridge bekam 1873 von der Regierung den Auftrag, nicht nur die letzten freien Indianerstämme in Kalifornien zu fotografieren; er sollte auch die fortschreitende Erschließung des Kontinents durch die Eisenbahngesellschaften dokumentieren - als Zeichen der Zivilisation, die der technische Fortschrit selbst in die entlegensten Gebiete brachte. Bei der Eroberung des Westens war man auf solche fotografischen Zeugnisse angewiesen, mit denen die Investoren an der Ostküste von der erfolgreichen Besiedelung überzeugt werden konnten.

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