In dieser Ausgabe:
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"Ein wunderschöner Engel, mit einer ziemlich teuflischen Seite": Der Kurator Germano Celant im Interview


Während der Pressebesichtigung zu Robert Mapplethorpe und die klassische Tradition herrscht dichtes Gedränge in der Ausstellungshalle der Deutsche Guggenheim in Berlin. Fernsehteams haben sich vor einer Wand aufgebaut, an der die Fotos des 1989 verstorbenen Fotografen aus New York in Kombination mit Grafiken aus dem 16. Jahrhundert hängen. Niederländischer Manierismus trifft auf kühle amerikanische Aktaufnahmen - ein gewagtes Experiment. Verantwortlich für diese Gegenüberstellung ist Germano Celant, der als Chefkurator für zeitgenössische Kunst am Solomon R. Guggenheim Museum in New York arbeitet. Schon in den achtziger Jahren hat er die Fotografien von Robert Mapplethorpe in Europa gezeigt, hat Texte für dessen Kataloge verfasst. Heute gilt Mapplethorpe als Klassiker der zeitgenössischen Fotografie, und Celant ist einer der einflussreichsten Ausstellungsmacher der Welt, der 1997 unter anderem die Biennale in Venedig kuratiert hat. Im Interview mit Harald Fricke und Oliver Koerner von Gustorf erweist er sich indes als ganz und gar unprätentiöser Gesprächspartner.



Germano Celant, Fotos: Maria Morais

Wann kamen Sie zum ersten Mal mit Robert Mapplethorpes Arbeit in Berührung?

Germano Celant: Das war 1977, als ich seine Ausstellung in der Holly Solomon Gallery in New York sah. Aus meiner Sicht war das eine ganz außergewöhnliche Schau. Mein Hintergrund ist schließlich der eines Kunsthistorikers. Alles was meine Vorstellungen von Geschichte über den Haufen wirft oder in Frage stellt, ist für mich interessant. Ich begann mich in erster Line mit den Arbeiten von Robert Mapplethorpe, Frank Gehry oder dem Fotografen Joel Peter Witkin zu beschäftigen, weil ihr Werk mit der Reflektion von Geschichte verknüpft ist. Mapplethorpe bezieht sich auf Klassizismus und Witkin auf Barock, wenn man die von ihnen verwendeten Zitate genauer anschaut. Für mich ist das genau der Hintergrund, vor dem ich mich anderen visuellen Sprachen annähere. Als ich die frühen Arbeiten von Mapplethorpe - besonders seine Selbstporträts - bei Holly Solomon entdeckte, schienen sie zu sagen: "Seht her, ich bin männlich und zugleich weiblich." Kaum jemand traute sich damals so etwas offen auszusprechen - man denke nur an Jasper Johns, Robert Rauschenberg, oder Andy Warhol, die allesamt schwul waren und nie darüber ein Wort verloren. Es wirkte sehr überzeugend, dass sich hier ein Fotograf ins Rampenlicht stellte und verkündete: "Ich bekenne mich zu dem, was ich bin", und es auch seinen Freunden offen vorführte, die im Grunde genau so waren wie er. Das hinterließ wirklich einen starken Eindruck. Aber das war nicht das einzig bemerkenswerte an Robert Mapplethorpes Arbeit. Die Bilder, die er aufnahm, wirkten auf mich sehr klassisch.

Was genau meinen Sie mit "klassisch?



Robert Mapplethorpe: Brian Ridley and Lyle Heeter, 1979
©Robert Mapplethorpe Foundation

Seine Arbeiten repräsentierten eine Art und Weise, radikale Themen und das Abseitige der Darstellung durch Bezüge zur Kunstgeschichte unter Kontrolle zu bringen. Wenn man an Mapplethorpes Porträt Brian Ridley and Lyle Heeter (1979) denkt, dann kommt einem vielleicht Velasquez' Porträt von Papst Innozenz X (1650) in den Sinn. Man sieht da diese beiden Männer, der eine nimmt die Haltung eines Papstes ein, während der andere als sein Untergebener mit einer Kette an ihn gefesselt ist. Das ist eine ziemlich radikale Geste, aber die Art der Darstellung ist durch und durch traditionell. Ich wusste, dass Mapplethorpe ein bestimmtes Wissen besaß. Er kannte sich mit ziemlich harten Sachen aus, er riskierte etwas, aber er wusste genau, wie man die Darstellung kontrolliert. Das war für mich außerordentlich bemerkenswert, und ich behielt seine Arbeit im Gedächtnis, bis ich ihn schließlich persönlich kennen lernte. Er war dieser wunderschöne Engel, mit einer ziemlich teuflischen Seite. Tatsächlich schenkte er mir später sein Selbstporträt von 1985, dass ihn als einen Teufel mit Hörnern zeigt. Wir wurden ziemlich schnell enge Freunde, nicht im sexuellen Sinn - wie Sie wissen stand er ja auf schwarze Männer. Ich begann ihn regelmäßig in seinem Studio zu besuchen und wir unterhielten uns oft. Ich fragte, ob er Lust hätte mit mir zu arbeiten, und dann machten wir unser erstes Buch, mit Lisa Lyon. Ich traf Lisa, schrieb die Einführung, und langsam begannen Robert und ich die gleiche Art von Kosmos zu teilen. Ich wohnte immer bei befreundeten Künstlern, bis ich in den Neunzigern mein eigenes Haus kaufte. Ich wohnte bei Christo oder Claes Oldenburg und für eine Weile wohnte ich auch in Roberts Studio. Er hatte seine Wohnung in der Bleecker Street, und das Atelier in der Bond Street, und dort konnte ich nach Mitternacht schlafen - gleich neben der Dunkelkammer. Häufig schlief ich auch nicht, sondern wühlte mich durch Roberts Archive und lernte so seine fotografische Arbeit genau kennen.

Wenn man sich Bodybuilding-Magazine und schwule Pornos aus den Fünfzigern und Sechzigern ansieht, ist deutlich zu erkennen, dass sich die homosexuelle Ästhetik an Vorbildern aus der klassischen Antike orientiert. Noch heute dienen "klassische" Motive und Inszenierungen als Ausdruck schwulen Begehrens.

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