In dieser Ausgabe:
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Dionysische Ausschweifungen:
Mapplethorpe, der männliche Akt und die Werbefotografie



Im visuellen Alltag der Massenkultur hat das Motto "Sex sells" erst mit Mapplethorpe seine Berechtigung auch für den männlichen Körper erhalten. Zugleich insistiert Mapplethorpe aber auch auf der Darstellung des Phallus und auf den pornografischen Vorlagen, an denen er seinen Blick geschult hat. Brigitte Werneburg über die Grenzen der "klassischen Tradition" und die zentralen Momente von Mapplethorpes fotografischem Werk, die bislang nicht in den Mainstream Eingang fanden.



Bruce Weber: Cameron, 1990. ©Bruce Weber

Helle Jeans, spiegelblanke, ungeschnürte Stiefel, ein Paar übereinander gekreuzte Beine von den Knien abwärts aufgenommen, Untitled; ein Arm ausgestreckt, ein Teil der Schulter und seines Kopfes noch sichtbar, Self Portrait: so trat Robert Mapplethorpe plötzlich als Werbefotograf in Erscheinung. 1999, zehn Jahre nach seinem Tod. Unspektakulär, schwarzweiß, und passbildgroß setzte der Designer Helmut Lang in jenem Jahr Mapplethorpes Fotografien für seine Modewerbung ein.

Das Layout der Werbekampagne war exzellent erdacht. So unauffällig war der Auftritt des Fotografen zuvor nie angelegt gewesen. Genau so marginal aber dürfte sein Einfluss auf die Werbung und die Life Style Fotografie stets gewesen sein: auf eine Randspalte begrenzt, hintergründig, solitär. Dem widerspricht nicht, dass man sich absolut sicher ist, im visuellen Alltag der Massenkultur habe das Motto "Sex sells" erst mit Mapplethorpe seine Berechtigung auch für den männlichen Körper erhalten; dass man glaubt, erst mit Mapplethorpe sei der männliche Körper überhaupt in diesem Alltag in Erscheinung getreten. Als schöner, kraftvoller, nackter, verführerischer Körper. Dass man sich also sicher ist, ohne Mapplethorpe hätte es keinen Herb Ritts gegeben, gäbe es keinen Bruce Weber und keine Calvin Klein Werbung, um nur die bekanntesten Lifestyle Fotografen und Werbekampagnen zu nennen, die der physischen Schönheit des Mannes eine zentrale Rolle einräumen.


Herb Ritts:
Dijimon with Octopus, 1989

©Herb Ritts Photography inc.;
Courtesy Fondation Cartier

Ein weiteres Mapplethorpe-Motiv in der Helmut Lang Werbung weist freilich darauf hin, dass wesentliche Momente in Mapplethorpes Werk nicht in den Mainstream Eingang fanden. Eine alte Frau mit verschmitztem Lächeln, bekleidet mit einer Federjacke, Louise Bourgeois, die Künstlerin mit dem Abguss eines riesigen Phallus, den sie sich unter den Arm geklemmt hat, markiert eine dieser Leerstellen. Sie liegt im Zentrum des Werkes von Robert Mapplethorpe. Seine Fotografie kreist um den Schwanz, genauer: er ist der Mittelpunkt seines Universums. So sehr er ihnen mit dem Licht schmeichelt, so ideal er sie aussucht und so perfekt er sie stets inszeniert, groß, mächtig, wohl proportioniert und formschön (dabei so gut wie nie erigiert) - Mapplethorpe idealisiert nicht. Der Phallus in seinen Bildern ist nicht Symbol des Gesetzes des Vaters, als das ihn eben Louise Bourgeois kritisch ins Spiel bringt. Mapplethorpe bleibt konkret, er sieht das männliche Glied als erfahrbare Größe.

Doch diese Auffassung hat nie wirklich Eingang in die Bildwerbung gefunden. Hier regiert der Phallus, und der ist nolens volens unsichtbar. Die Folie, auf der der männliche Körper zum Werbeargument wird, ist immer noch Jean Loup Sieffs Fotografie des nackten Yves Saint Laurent. Sieffs Fotografie ist das wohl einflussreichste Motiv in dieser Hinsicht. 1971, lange vor Mapplethorpes ersten Veröffentlichungen, wurde es zur Vorstellung von Saint Laurents erstem Männerparfum Pour Homme in der internationalen Zeitschriftenpresse geschaltet. Die Sichtweise von Pour Homme wurde bis heute beibehalten: ein Schatten verdeckt den Penis auf dem Foto und im Film schwenkt die Kamera rechtzeitig weg. Es wird also nicht herausfordernd zur Schau gestellt, es wird tatsächlich ab- und weg geschnitten, was nach Freud den Neid erregen und die Welt bezeichnen soll. Es darf nicht konkret werden, wie es in der Lust der Schwulen - und eben auch der Frauen - zu geschehen droht.



Jean Loup Sieff: Yves Saint Laurent, 1971
©Jean Loup Sieff

Mapplethorpe insistiert aber auf den Penis und er insistiert auf den pornografischen Vorlagen, an denen er seinen Blick geschult hat. Die dort gefundenen Motive ging er, wie er dem Kritiker Mark Thompson sagte, "unter dem Blickwinkel der Beleuchtung, der Komposition und all der anderen Überlegungen an, die für ein Kunstwerk wichtig sind". Die Ästhetik der Darstellung, die aus diesem Vorgehen erwuchs, bezeichnet der Philosoph und Kunstkritiker Arthur C. Danto als "gleichzeitig dionysisch und apollinisch ". Die apollinische Seite erfuhr nun große Zustimmung durch das Publikum, das den strengen Klassizismus liebte, in dem Mapplethorpe seine "abartigen" Sujets inszenierte, von denen die 36 Senatoren sprachen, die 1990 gegen seine posthume, mit Besucherrekorden glänzende Ausstellung The Perfect Moment und deren Förderung durch das 'National Endowment for the Arts' zu Felde zogen. Bei der Entdeckung des männlichen Körpers in den achtziger Jahren durch die Werbe- und Life Style Fotografie, drehte diese freilich die Sachlage um: apollinisch war bei ihr das Sujet, dionysisch der Stil der Darstellung. Sie gab sich unbefangen, alltäglich und journalistisch, indem sie die Strassen- und Reportagefotografie beerbte und den Mann dabei als Athleten der klassischen Antike präsentierte - mit muskulöser Brust, breiten Schultern, flachem Bauch, schmalen Hüften und langen Beinen. Politisch besonders praktisch: Dieser Neoklassizismus schloss den schwarzen Mann, der im Zentrum von Mapplethorpes fotografischer und sexueller Faszination stand, weitgehend aus.


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