In dieser Ausgabe:
>> Freiwillige Unterwerfung
>> Pygmalions Blick
>> Interview Germano Celant
>> Der Mann als nacktes Model

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Freiwillige Unterwerfung:
Robert Mapplethorpe und die Pornografie



Mit „Robert Mapplethorpe und die klassische Tradition“ feiert eine große Ausstellung im Deutsche Guggenheim die klassische Fotographie Robert Mapplethorpes. So offen wie heute wurden das erotische und auch obszöne Werk des Künstlers allerdings nicht immer aufgenommen. Oliver Koerner von Gustorf über die radikale Ästhetik von Mapplethorpes Arbeiten.


In heart I'm an American artist, and I have no guilt
Patti Smith, Babelogue, 1978


Robert Mapplethorpe:
Selbstporträt 1988
©Robert Mapplethorpe Foundation.
All rights reserved.


Am 28. September 1990 begann in Cincinnati der so genannte „ Mapplethorpe – Obszönitätsprozess“. Ein halbes Jahr zuvor, im April, hatten Polizisten und Beamte des Sheriffbüros über 400 Besucher der Eröffnung der Robert Mapplethorpe Retrospektive The Perfect Moment zum Verlassen des dortigen Contemporary Arts Center aufgefordert, um das Gebäude zu sperren und die Beweise für die Anklage auf Video festzuhalten: die Mitte der Siebziger entstandenen Kinderporträts von „Rosie“ und Jesse McBride, auf denen entblößte Genitalien zu sehen waren, dazu fünf Arbeiten aus Mapplethorpes legendärem X-Portfolio, auf denen homosexuelle S/M Praktiken vollzogen werden. Im Sinne der Staatsanwaltschaft, hoher Polizeibeamter, einheimischer Geschäftsleute und diverser Anti-Pornografie-Gruppen sah Dennis Barrie, der Direktor des veranstaltenden Museums, wegen der Verbreitung von Pornografie einer Höchststrafe von immerhin sechs Monaten Gefängnis entgegen.


Cover des Magazins Artforum, September 1979:
Dias von Mapplethorpes Fotos wurden auf die Corcoran Gallery in Washington projeziert, um gegen die Absetzung der "Perfect Moment" Ausstellung zu demonstrieren.
© Artforum, New York

Dass der Prozess mit einem Freispruch endete, lag auch an den Zeugen der Anklage. Während die Verteidigung mit einer ganzen Reihe von Kunstexperten aufwartete, die bescheinigten, dass es sich bei den fotografischen Darstellungen des im März 1989 an Aids verstorbenen Künstlers um „figurale Studien“ und „klassische Kompositionen“ handelte, rief die Anklage nur vier Zeugen auf: drei Polizeibeamte und Judith Reisman , eine Vertreterin der American Family Association, die früher Songs für die Kinderserie Captain Kangaroo komponiert hatte. Die Jury, die sich aus Männern und Frauen aus der Arbeiterschicht zusammensetzte, die zuvor nicht die geringste Berührung mit Kunst und Fotografie hatten, folgte schließlich den Gutachten der Kunstexperten. Auch wenn dies ein Sieg über die Zensur bedeutete, war unübersehbar, dass hier im Prinzip die gleichen Durchschnittsbürger über Mapplethorpes Werk richten sollten, zwischen denen er in Floral Park im New Yorker Stadtteil Queens aufwuchs – jenem konformen Umfeld aus weißen Einfamilienhäusern, Grillabenden und Planschbecken-Partys, dem er ein Leben lang versuchte zu entkommen.


Robert Mapplethorpe: Selbstporträt, 1980
©Robert Mapplethorpe Foundation. All rights reserved.

Der Hetz-Prozess von einst scheint ebenso einer fernen Vergangenheit anzugehören, wie die weltweiten Boykotte gegen Philip Morris, zu denen Aids-Aktionsgruppen wie ACT UP 1990 aufriefen. Sie wollten damit erreichen, dass der Multikonzern seine finanzielle Unterstützung für Senator Jesse Helms einstellte, der Schwule als „ekelhafte Menschen“ bezeichnete und eine erfolgreiche Kampagne gegen „die Verherrlichung obszöner Lebensstile in der Kunst“ gegründet hatte. Hätte damals nicht nur das Werk des Fotografen, sondern auch Mapplethorpes Persönlichkeit den Gegenstand einer Verurteilung gebildet, wäre er von den Moralaposteln des christlichen Amerikas mit Sicherheit posthum schuldig gesprochen worden.


Von Robert Mapplethorpe fotografiertes Cover
des Ledermagazins "Drummer", September 1978

“I am working in an art tradition… to me sex is one of the highest artistic acts”, hat Mapplethorpe einmal gesagt. Wie es seine Biografin Patricia Morrisroe in ihrem Buch Robert Mapplethorpe (Gina Kehayoff Verlag, München, 1996) eindrucksvoll beschreibt, vereinte Mapplethorpe in sich sämtliche Gegenbilder zu einer unbescholtenen bürgerlichen Existenz. Gleichermaßen mit den Kreisen der High Society wie den Lederbars des New Yorker Meatpacker Districts vertraut, verkörperte er in jeder Hinsicht den Hang zum Exzess. Er war drogensüchtig, sexsüchtig, promisk, exhibitionistisch, voyeuristisch, sadistisch. Er flirtete mit satanischen Symbolen und Praktiken und verband in seiner Fotografie Pornografie mit Religion. Auf seinen Selbstporträts, die zwischen 1972 und 1989 entstanden, erscheint er ausgestattet mit den Attributen der Lust, des Dämonischen und des Todes, mit Teufelshörnern, in Bondage, als Faun, Rockabilly, Transvestit, Terrorist – als Verführer und Verführter zugleich: „Ich suche nach Vollendung in der Form. Ich mache das mit Porträts. Ich mache das mit Schwänzen. Ich mache das mit Blumen.“ Die Vollendung der Form geht bei Mapplethorpe mit ihrer fotografischen Wandlung zum reinen Fetisch einher, mit einer Erotisierung, die jeden Unterschied zwischen Liebe und Perversion, aktiv und passiv, Dominanz und Unterwerfung, Gut oder Böse aufhebt.


Robert Mapplethorpe: Brian Ridley and Lyle Heeter, 1979
©Robert Mapplethorpe Foundation. All rights reserved.


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