In dieser Ausgabe:
>> Moskauer Underground
>> Sanfter Wolf: Piotr Uklanski
>> East West Express
>> Junge Szenen im Aufbruch

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Künstler im Kreuzfeuer der russischen Verhältnisse: Wie hältst Du es mit der Politik, Genosse? Die Moskauer Kulturszene lebt noch immer vom Andenken an die Helden der Sowjetrevolution. Dabei ist man auch zehn Jahre nach dem Ende der Perestroika unbeirrt auf der Suche nach politischen Frontverläufen. Der Berliner Kurator Christoph Tannert über die Gratwanderung zwischen Globalisierung und heimatlicher Scholle, Melancholie und Aufbegehren in der Kunst Russlands.


Künstler aus Moskau gerieren sich seit den Tagen der Stalinschen Kultur gern als heroische Revolutionäre. Selbst als man in der Zeit der Perestroika die alten Denkmäler gestürzt hatte und das vertraute Leben in den Gemeinschaftswohnungen der Kommunalka plötzlich richtungslos zu verlaufen schien, gab es nicht wenige Gläubige, die sich, erst vereinzelt, dann in Grüppchen aufmachten, das Feuer der Menschheitsbeglückung erneut zu schüren. Bekanntlich war unter Stalin massenhaft Glück versprochen und allgemeines Unglück geschaffen worden. Dem revolutionären Pathos, das sowjetische Paradies doch noch irgendwie zu bauen, nicht nur unter neuen national-russischen Vorzeichen, sondern am liebsten auch woanders und am besten weltweit, oder zumindest so weit die Kalaschnikows im Kaukasus reichten, tat das keinen Abbruch. Liegt die Revolution hinter uns oder noch vor uns?



Anatoli Osmolowski, Das vergessene Gesicht,
Fotografie 2001. © Anatoli Osmolowski

Die alte Spaltung der russischen Künstlerschaft und ihre Gratwanderung zwischen Melancholie und Aufbegehren ist Teil des Problems. Nach wie vor orientieren sich einige derer, die sich in der Traditionslinie der Revolutionäre, Avantgardisten, Nonkonformisten wähnen, am Westen oder haben sich seit Beginn der 90er Jahre schleunigst dorthin abgesetzt. Der andere Teil sieht in Mütterchen Russland eine universelle Ernährerin, die von heimatlicher Scholle aus alle Lebensadern der Kultur speist - weshalb eine Kontaktaufnahme mit dem Westen unnötig, ja gefährlich sei.

Dieser Streit zwischen Westlern und Slawophilen hält bis heute an. Revolutionär zu sein, ist das eine, ein Held zu sein, das andere, ein revolutionärer Held in der Heimat das beste. Wobei mit Heimat in dieser Beziehung durchaus der erweiterte sowjetische Einflussbereich zwischen Wladiwostok und Elbe gemeint sein dürfte, sobald man die Heimat des Künstlers neben dem Revolutionshelden verortet. Im Rahmenwerk des sozialistischen Menschenbildes gibt es mannigfaltige Versuche der künstlerischen Darstellung und politisch-moralischen Bewertung dieser missionarischen Ausnahmeexistenzen.


Erik Bulatov. Ruhm der KPdSU, 2003.
©courtesy ADAGP, Paris

Viele der russischen Künstler zumindest haben mit der Muttermilch aufgesogen, was einen positiven Helden in der sozialistischen Literatur und Kunst ausmacht: "seine Befähigung zum geschichtsbildenden Handeln und sein Vermögen, nicht Objekt, sondern Subjekt der gesellschaftlichen Kämpfe und Prozesse zu sein", wie die Dogmenhüter verkündeten, denn "jeder bedeutende sozialistisch-realistische Künstler hat eine besondere Heldenkonzeption, die seinen subjektiven Erfahrungen, Idealen, Traditionsbeziehungen entspricht", heißt es in dem 1978 vom Dietz Verlag herausgegebenen Kulturpolitischen Wörterbuch. Dass sich Oleg Kulik erst zum Hund gemacht hat, dann zum Träger der roten Fahne, den die Bestien des wiedererwachten Kapitalismus hetzen, geschah unter heroisch-revolutionären Vorzeichen. Anfangs, als er die Auflösung der Sowjetunion vor seinen Augen wie ein Spektakel ablaufen sah, als zivilisatorisches Experiment, agierte Kulik skeptisch und abgebrüht. Mittlerweile darf seine Kunst als erbarmungslose Beobachtung gelten, mit der er die Verwerfungen in der politischen Öffentlichkeit zum Gegenstand seiner Neugierde macht.


Oleg Kulik, Verfinsterung I & II, aus der Serie
"Das Russische", Fotografie, 1999.
©Fotos courtesy Trilistnik Verlag, Moskau

Der Ton, der diese Strategie und die einiger anderer russischer Künstler der mittleren Generation auszeichnet (die Jungen sind vorwiegend alltagsmüde!), ist nicht mehr von Todtraurigkeit bestimmt. Auch nicht von der himmlischen Albernheit jener bürokratisch verwalteten Nichtexistenzen in den von Ilya Kabakov zusammengebastelten Bedürfnisanstalten, über denen Fliegenschwärme kreisten und mit denen der documenta -Künstler einst russisches Leben simulierte. Oleg Kulik, aber auch Anatolij Osmolowskij haben mit einer gehörigen Portion tradierter Motive und Posen - etwa von Dekadenz, Weltekel, Himmelstürmertum und tatsächlich geprobtem Aufstand - aus dem Fundus revolutionärer Schauerromantik geschöpft. Nun treten sie mit einem bildmächtig entgrenzten Aktionismus auf, der die Künstler als Parteigänger eines handgreiflichen Surrealismus erscheinen lässt, keineswegs aber als die Staubfänger der Oktoberrevolution.


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