In dieser Ausgabe:
>> Nam June Paik in Berlin / Miwa Yanagi in Bremen
>> Report: Deutsche Bank Art auf der Art Frankfurt

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Technoparty oder klassisches Vanitas-Motiv?
Pressestimmen zu Nam June Paik im Deutsche Guggenheim


Obwohl Nam June Paik ein Klassiker der Videokunst ist, teilt Global Groove 2004 im Deutsche Guggenheim die kritischen Gemüter: “Aller Technikoptimismus und alle Beschwörungen philosophischer und künstlerischer Traditionen in den Texten Paiks helfen nicht darüber hinweg, dass Global Groove 2004 im Unterschied zu manchen anderen Installationen des Künstlers, eigentlich nicht mehr ist als eine höchst raffinierte, sich mystisch gebende, arg anstrengend überladene, ziemlich selbstgefällige Techno-Party“. Unverblümter kann Peter H. Feists Urteil in Neues Deutschland nicht ausfallen.. Dagegen mutet Alexander Kluys Ausstellungsbesprechung der Frankfurter Rundschau nahezu besinnlich an. Zur ebenfalls in der Schau gezeigten Videoarbeit Candle Projection , schreibt er: „Denn in dieser Closed-Circuit-Arbeit schwingt eine distinguierte, der Melancholie des Groove-Updates eng verwandte Stimmung mit: die des Zerrinnens der Zeit“. Den schwer kranken Künstler vor Augen resümiert Kluy dann: „Es ist die Synchronizität, die im klassischen Vanitas-Motiv von Paik reanimmiert und neu interpretiert wird.“

In der Berliner Zeitung äußert sich Ingeborg Ruthe in gleich zwei Beiträgen mit Begeisterung für Paiks vom Fluxus geprägten Humor. Als Gegensatz zu den Arbeiten vieler Epigonen stellt Ruthe fest, dass die Kunst des Stammvaters "jung, lapidar, intensiv, geschichtenreich und erfrischend ironisch wirkt." Und auch Gabriela Walde schließt sich mit dem Hinweis auf die Oberflächlichkeit der heutigen Fernsehlandschaft in der Berliner Morgenpost an und bemerkt: „So erkennt man, wie sehr Paiks Vision des künstlerischen Kabelsalates der globalisierten und unübersichtlich gewordenen Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts nahe gekommen ist. Ein bisschen grinsen aber darf der Besucher auch dabei. Paik hat dies in seinen Arbeiten immer getan“. Im Tagesspiegel schleichen sich bei Nicola Kuhn auch melancholische Beobachtungen ein: „Das kurioseste Bild aber liefert der alte, zur Passivität verdammte Paik zwischen seinen ’Videowalls’, fast als wäre er selbst der Blue-Box entsprungen. Längst sind die von ihm entwickelten Verfahren Bestandteil jeder halbwegs anspruchsvollen Werbetafel, kein Club ohne Projektionen zur Musik, keine Ausstellung ohne Videoinstallationen. In der Person Nam June Paik wirkt diese Kunst alt und jung zugleich“.


Die überraschende Anwesenheit des schwer kranken Künstlers zur Eröffnung der Ausstellung honorierte Tilman Baumgärtel in der taz mit einer ausführlichen Schilderung von Paiks Interaktion während der Pressekonferenz: “Auch wenn Nam June Paik seit einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt, lässt er es sich nicht nehmen, die förmliche Atmosphäre mal ein bisschen aufzumischen.

“Einem alten Impuls aus Fluxuszeiten nachgebend und „kaum ans Mikrofon gerollt“, begrüßte Paik das Publikum erst einmal mit dem Kennedy-Zitat ’Ich bin ein Berliner’, „um dann in einer schwer verständlichen Mixtur aus Englisch, Deutsch und Koreanisch in seinen Erinnerungen an Deutschland zu schwelgen“. Und so lässt es sich auch Baumgärtel nicht nehmen, seine Anerkennung für die Ausstellung mit einem Zitat des Meisters selbst enden zu lassen: „Video ist eine Art Zeitmaschine. Man hat all diese Bänder, und man kann sich seine schöne Vergangenheit ansehen“.


„Digitale Benutzeroberflächen“:
Die Presse zu Miwa Yanagi im Neuen Museum Weserburg in Bremen


“Raum- und Zeittiefen auf Benutzeroberflächen“ ist der Beitrag von Arnulf Marzluf in den Bremer Nachrichten betitelt, in dem der Autor Miwa Yanagis Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank, die derzeit im Neuen Museum Weserburg in Bremen gezeigt werden, einer eingehenden Betrachtung unterzieht: “Anders als in der klassischen Perspektive, wo der Beobachter im Gegenüber des Fluchtpunktes sitzt, gibt es in den Bildern Miwa Yanagis mehrere sich ineinander reflektierende wie gleichzeitig auseinanderfaltende Perspektiven. Die Fotokünstlerin nimmt das Objektiv der Kamera nicht ‚ontologisch’ als Medium der Objektivität, sondern der globale Raum tritt als Konstruktion eines Bewusstseins in Erscheinung, das in viele soziale Orte, Wahrnehmungen und Begegnungen weist und von dort aus seine je eigene Topologie entfaltet.“ In den beiden Serien der japanischen Künstlerin, Elevator Girls und My Grandmothers, erkennt Marzluf nahezu ernüchtert die Konstruktion „digitaler Benutzeroberflächen, an die sich unsere Erlebnisumwelten anverwandeln“ oder „geträumten Zukunftsfantasien“ zuwenden: „Die Zukunft scheint auf. In ihrer kalten Pracht wirken die Großformate und Inszenierungen noch wirklicher als die Wirklichkeit“. Beeindruckt von Yanagis Arbeiten zeigt sich in der Verdener Aller Zeitung auch Johannes Bruggaier: „Yanagi fotografiert plastisch und farbintensiv, wie es in jeder zweiten Werbebroschüre zu sehen ist. Auch reibt sie sich an der Konsumgeilheit der modernen Gesellschaft. Doch weder versetzt sie dieser einen präzisen Nackenschlag noch geht es ihr um eine simple Reklame Parodie.“ Ihre Arbeiten, an denen „das Faszinierendste aber die handwerkliche Präzision“ sei, böten vielmehr „eine eindrucksvolle Offenbarung des Elends unserer scheinbar lustvollen Triebkultur“.

M.M.