In dieser Ausgabe:
>> Nam June Paik Museum in Korea
>> Andy Warhol: Motion Pictures / Design seen at MoMA
>> Video on Demand

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Der Kunstraum als Matrix: Kirsten Schemels futuristisches Museum für Nam June Paik in Korea


Im letzten Jahr gewann die deutsche Architektin Kirsten Schemel den internationalen Wettbewerb für das in Korea geplante Zentrum für Gegenwartskunst, das dem Werk Nam June Paiks eigene Ausstellungsräume widmet. Bis zum 9. Juni ist der außergewöhnliche architektonische Entwurf im Rahmen der Ausstellung von Paiks Global Groove 2004 im Deutsche Guggenheim zu besichtigen.



Kirsten Schemel: Museum für Nam June Paik in Korea, 2003,
Schnittansicht, © Kirsten Schemel

Derzeit präsentiert die Deutsche Guggenheim in Berlin mit Global Groove 2004 Nam June Paiks Hommage an die Medienkunst, die sich auf den Titel seines legendären Videobands Global Groove von 1973 bezieht. Im Vorraum zur Ausstellung bietet sich zusätzlich die Möglichkeit, Einblicke in ein spektakuläres Projekt zu erhalten, das unmittelbar mit dem Lebenswerk des in Korea geborenen Künstlers in Zusammenhang steht - der Bau eines Museumsgebäudes, das eigens auf Nam June Paiks Videoinstallationen zugeschnitten ist. Im letzten Jahr lobte die Gyeonggi Cultural Foundation in Süd-Korea einen internationalen Architektur-Wettbewerb für ein Zentrum der Gegenwartskunst in der Stadt Yong-In aus, das dem Werk des weltweit bekannten Künstlers eigene Ausstellungsräume widmet und Einrichtungen für multimediale Kommunikation und Forschung, sowie Künstlerstudios vorsieht. Der erste Preis des Ideenwettbewerbs wurde einer deutschen Wettbewerbsteilnehmerin verliehen - der in Berlin ansässigen Architektin Kirsten Schemel, die nicht nur für ihren ungewöhnlichen Entwurf ausgezeichnet wurde, sondern nun auch mit der Realisierung des Projekts betraut ist.


Kirsten Schemel: Museum für Nam June Paik in Korea, 2003,
Fassade zur Strassenseite, ©Kirsten Schemel

Auf mehreren Tafeln im Eingangsbereich zur Ausstellung von Global Groove 2004 sind die verschiedenen räumlichen Ebenen und am Computer simulierten Ansichten des zukünftigen Baus anschaulich dargestellt. NJP_Museum_Matrix, so der Titel von Schemels Entwurf, deutet auf die komplexe Konstruktion hin, die die Architektin eigens für dieses Projekt entwickelt hat. Ausgehend von einem Rastermodell soll sich das zukünftige Museum wie eine Matrix über die bestehende Landschaft legen, und die vorhandene Geländeformation auf dem zu bebauenden Areal in die Architektur des Museums einfliessen zu lassen.

So geben die geschwungenen Randlinien des angrenzenden Waldes den Verlauf des Grundrisses vor. Die Architektur wächst gleichsam aus dem Boden und wird Teil des natürlichen Parks seiner Umgebung.


Kirsten Schemel: Museum für Nam June Paik in Korea, 2003,
Ansicht Innenraum, ©Kirsten Schemel

Während im vorderen Teil des Gebäudes die Ateliers, Arbeits- und Verwaltungsräume angesiedelt sind, besteht das eigentliche Museum im hinteren, der Waldseite zugewandten Teil, aus einem frei fließenden und völlig stützenfreien Raum. Dabei wird in der Ausstellungshalle gänzlich auf Kunstlicht verzichtet. Der Ansatz von Schemel ist radikal. In ihrem Entwurf verschwimmen die Grenzen zwischen Außen und Innen: Anstelle einer begradigten Fläche, schmiegt sich der Boden im Innenraum des Museums wie ein Teppich über Unebenheiten und Erhebungen, wölbt sich über bestehende Hügel und senkt sich in Mulden. Schemel lässt den Innenraum wie eine Landschaft erscheinen, eine Welt in der Welt, die nur vom farbigen Licht der Videoprojektionen und dem über Röhren von der Decke einfallenden Tageslicht moduliert wird. Die unterschiedlichen Schattenzonen, die sich durch den Lichteinfall über die sogenannte Licht-Matrix - dem futuristisch anmutenden Dach des Gebäudes - ergeben, werden auf diese Weise zu gestaltenden Faktoren, die den Museumsraum zum idealen Setting für Paiks elektronische, leuchtend temporäre Bilder machen.


Kirsten Schemel: Museum für Nam June Paik in Korea, 2003,
Ansicht Dach, ©Kirsten Schemel

Schon die Eingangsseite vermittelt die Besonderheit des außergewöhnlichen Museumsentwurfs. Über die monumentale Länge von 250 Metern erstreckt sich die Hauptfassade des Museums an der Straßenseite entlang und gibt als "oszillierende Wand des Lichts" einen Vorgeschmack dessen, was den Besucher im Inneren des Gebäudes erwarten wird. Die Einzigartigkeit der äußeren Gebäudehülle ergibt sich jedoch durch das großzügige in die Landschaft kragende Dach, das dem Museum seinen eigentlichen Charakter verleiht: Die Entwurfszeichnung, die von Außen den Blick auf eine silbrig glänzende Oberfläche in einer Waldlichtung freigibt, erinnert an die futuristische Version einer romantischen Landschaftsdarstellung. Als reflektierender "See des Lichts" wird die Architektur des Museums, das einen inneren "Raum des Schattens" birgt, so zur kunstvollen Erweiterung der sie umgebenden Natur und bietet fast beiläufig eine zeitgemässe architektonische Interpretation des modernen Landschaftschaftsgartens. Maria Morais