In dieser Ausgabe:
>> Der Drifter: Peter Doig
>> Magical Mystery Tour
>> Interview Ilya und Emilia Kabakow
>> Zeitreisen mit Abetz & Drescher

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Da ist zunächst das Material - die Plattencover, die Skizzen, die Vorlagen von Fotografien oder altertümlichen Stichen, aber auch Theorie und Text. Erst dann kann man gewichten und Akzente setzen. Das hat durchaus Ähnlichkeiten mit der Mathematik: Man kann krumm herum rechnen, aber es gibt immer die eine genaue Lösung."

Dieses Konzept passte Ende der Neunzigerjahre zur erneuten Hinwendung an die Malerei. Überall schienen Künstler ihre Erfahrungen mit dem Computer und mit den neuen Medien auf die Leinwand zu übertragen. Doch zu diesem Hyperrealismus gingen Abetz und Drescher bewusst auf Distanz. 1997 zeigten sie in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts eine Auswahl von Gemälden, die durch eine Wand mit echten Plattencovern ergänzt wurden.



Abetz/Drescher: Who are you, 2003
Courtesy Galerie Volker Diehl © Abetz/Drescher

Die Fanhaltung sollte nicht als Mittel zum Zweck, sondern als gleichwertiges Produkt der Popkultur neben der Malerei existieren. Ihre nächste Ausstellung Boing Boom Tschak in Los Angeles war Kraftwerk gewidmet, im Jahr 2000 zeigten sie bei Ars Futura in Zürich ihre Arbeiten unter dem programmatischen Titel Electric Ladyland als Anspielung auf eine LP von Jimi Hendrix. Die internationale Aufmerksamkeit, die das Paar für seine Arbeiten erhielt, spiegelt sich auch in der Biografie wieder: 1998 waren sie für eine Gruppenausstellung bei Mary Boone in New York eingeladen, ein Jahr später wurde der frühere Jeff-Koons-Galerist Jeffrey Deitch auf sie aufmerksam, der ihre Malerei in der Ausstellung Mozart on the Television zeigte. Letztes Jahr schließlich konnte man einige der Bilder in der Kunsthalle Wien in einer Groupshow sehen, die den bezeichnenden Titel Go Johnny Go, die E-Gitarre - Kunst und Mythos trug, und im Frühjahr gab es eine Einzelausstellung in der Berliner Galerie Volker Diehl.

Doch der Rekurs auf Popmusik ist für Abetz und Drescher nur eine Option unter vielen. Mittlerweile haben sie sich mit ihrer Malerei die Zusammenführung und Verkettung sämtlicher Epochen zur Aufgabe gemacht - gegen die laut Drescher um sich greifende "Profanisierung der Medien".


Abetz/Drescher: Tongebirge, 2001 © Abetz/Drescher
Courtesy Galerie Volker Diehl


Damit ist keinesfalls eine neue Monumentalkunst oder die Rückbesinnung auf das alle Sinne ergreifende Gesamtkunstwerk gemeint, sondern Präzision - denn erst das genaue Lesen der Bildsprachen vergangener Zeiten führt für Abetz zu einer Neubestimmung von Gegenwart: "Jetzt sind wir im Austausch mit der Renaissance, daran arbeiten wir, man muss sich bemühen, diese frühere Offenheit wieder zu erreichen. Es ist zum Beispiel wahnsinnig aufschlussreich, was in den Bildern dieser Zeit für ein Subtext in jeder Darstellung liegt, wie die Symbole aufgeladen sind. Die unterschiedlichen Weisen, in denen der gekreuzigte Jesus gemalt wurde, zeigen jedes Mal eine ganz konkrete Haltung des Künstlers zu diesem Thema und machen damit auch sein Verhältnis zur Welt sichtbar".

Für Drescher geht es noch einen Schritt weiter, medienphilosophisch gesprochen: "Es ist vor allem eine Frage, wie sich der Blick öffnen lässt, so dass man hinter den Speichern und Geräten, mit denen wir das Wissen der Vergangenheit überliefert bekommen, auch die damit einhergehenden Inhalte findet - bis hin zu einem kosmologischen Kontext." Daher wird auch das Organisationsprinzip zum ausschlaggebenden Kriterium, nach dem Abetz und Drescher ihren großen Erzählbogen gestalten. Für jedes Bild muss neu entschieden werden, wie sich die Referenzen ergänzen, damit ein Bild nicht wortwörtlich aus dem zeitlichen Rahmen kippt. Dieser Prozess ist der Landschafts-, Architektur- oder Historienmalerei ähnlich: Auch hier muss der Künstler in der Fülle von Details auf klare Konturen und Übergänge achten. Sonst wäre die Kombination eines Schinkel-Gebäudes mit einem expressionistischen Flaneur a la Max Pechstein oder Ernst Ludwig Kirchner keinen Austausch über Zeitläufe hinweg, sondern bloß beliebig. Insofern ist das Personal des Pop, das sich in den Bildern tummelt, meistens selbst auf der Suche nach dem eigenen Platz innerhalb der Geschichte. War Jean Seberg in ihrem dünnen Kleidchen womöglich eine Gothic Creature? Haben Soulsänger wie Jackie Wilson oder sein Rock'n'Roll-Brother namens Little Richard in Erinnerung an ihre versklavten Vorfahren gesungen oder zu einem Gott from outer space?

Genau hier liegt das Problem, an dem sich Abetz und Drescher in ihrer Malerei konsequent abarbeiten: Wenn nichts verloren geht, wo ist dann der rechtmäßige Platz innerhalb der Geschichte? Das gilt für den Pop nicht anders als für die Malerei, deshalb ist es gut, so jedenfalls sieht es Abetz nach einigem Überlegen, "dass wir zu zweit arbeiten, weil man sich alleine in Euphorie oder Melancholie verlieren würde". Mitunter scheint es tatsächlich, als ob sich die Helden in der Weite des Zeitraums verlieren könnten, in dem sie bei Abetz und Drescher eingefasst sind. Dann entstehen Reibungen und Widersprüche: The Subterraneans von 2001 führt einen verträumt in die Ferne blickenden Mick Jagger vor, der von lauter wissenschaftlichen Apparaturen umgeben ist. Zwischen Reagenzgläsern und Staffeleien ist er selber erfasst von jenem "Geist der Utopie", der in den Sechzigerjahren vorherrschte.



Abetz/Drescher: The Subterraneans, 2001
Courtesy Galerie Volker Diehl © Abetz/Drescher

Für die Kunst der Gegenwart hat diese Utopie weiterhin Bedeutung: Man zeigt den Betrachtern, was sie ohnehin besitzen - das Erbe der Geschichte, die Nachhaltigkeit von kulturellen Erfahrungen und die Fähigkeit zur Kommunikation. Alles ist immer schon in jedem Bild enthalten, das ist der Zauber, den Kultur ausstrahlt, von der Musik bis zur Malerei. Für die Romantik hat der Dichter Novalis diese Einsicht mit einem Gesellschaftsspiel verglichen, bei dem sich ein jeder auf den Schoß des nächsten setzt, so dass am Ende eine Kette ohne Anfang und ohne Ende entsteht. Auch Abetz und Drescher hätten sicher einige Freude an diesem Spiel - immerhin machen bei ihnen von Leonardo und Michelangelo über Mondrian und Malewitsch bis hin zu Mick und Andy alle mit.

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