In dieser Ausgabe:
>> Der Drifter: Peter Doig
>> Magical Mystery Tour
>> Interview Ilya und Emilia Kabakow
>> Zeitreisen mit Abetz & Drescher

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Abetz/Drescher: Vorlaufen, Rückspulen, Schneiden, 2001
Courtesy Galerie Volker Diehl, © Abetz/Drescher

Überhaupt sind die Götter stets gegenwärtig, ob im Gespräch mit den Künstlern und in ihren Bildern. Das gilt nicht nur für die alten Gottheiten, mit denen etwa die Prä-Raffaeliten noch der beseelten Natur angesichts einer sich immer weiter industriell formierenden Welt im 19. Jahrhundert huldigten. Bei Abetz und Drescher sind es moderne Pop-Ikonen, die heute die Welt lenken: Lou Reed steht an einer Tonbandmaschine und gibt den Master of Ceremonies; Kurt Cobain zertrümmert seine Gitarre; Jimi Hendrix bittet zum Tanz. Dabei sind die Fantasien keinesfalls Teenager-Träumen entstiegen. Das malende Künstlerpaar - beide bekennende Mods und auch musikalisch große Sixties-Fanatiker - hält es viel mehr mit dem Denken des Medientheoretikers Friedrich Kittler, der in seinem Buch Draculas Vermächtnis schrieb: "Der Gott Pan kehrt wieder unter der Maske der Verstärker, PA-Anlagen und Rocksounds". Diesen Zustand versuchen Abetz und Drescher in ihren Bildern zum Schwingen zu bringen, denn die Rockstars sind "mythische Figuren und Codes, sie sind Stellvertreter für unsere eigene kulturelle Identität".



links u. rechts: Maike Abetz: Ohne Titel, 1997
©Sammlung Deutsche Bank

Dass die Helden des Pop auch schon einer früheren Epoche angehören, stört Maike Abetz dabei wenig. Die 1970 in Düsseldorf geborene Künstlerin ist ohnehin schon früh mit den Beatles und Stones aufgewachsen, als die Musik noch stilbildend für ihre Eltern war. Erst als sie an der Düsseldorfer Kunstakademie mit dem Studium begann, wurde die Liebe zur Musik ein bewusstes Unterscheidungsmerkmal, "mit dem ich mich vom Mainstream absetzen konnte. Doch dieser Schritt fiel mir sehr leicht, weil ich mich für etwas entscheiden konnte, was ich schon aus meiner Kindheit kannte." Der Wille zur Distinktion hatte zwangsläufig Auswirkungen auf ihre künstlerische Entwicklung: "Als ich in Düsseldorf Malerei studiert habe, waren die Voraussetzungen ziemlich klar. Es ging um ein genaues Handwerk, und es ging auch darum, dass Malerei - trotz der erfolgreichen Fotografie aus der Becher-Schule - als die künstlerische Form schlechthin galt. Dazu kam der Anspruch, dass man unabhängig von den Lehrern ständig Position beziehen und seine persönlichen Eigenheiten finden musste. Für mich als Künstlerin hieß das: Du musst Dich verorten - denn von der Höhlenmalerei bis zum Siebdruck ist ja schon alles da gewesen. Deshalb kann man nicht einfach noch mal ein Bild malen, als hätte es vorher keine Geschichte gegeben, sondern man muss damit auch ein Anliegen formulieren."


Maike Abetz: Ohne Titel, 1997
©Sammlung Deutsche Bank


Wie aber lässt sich aus der Liebe zur Popmusik künstlerischer Eigensinn gewinnen? Zunächst war da die Erkenntnis, dass gerade zeitgenössische Musik sich zahlreicher Quellen bedient, das reicht vom Rhythmus des Jazz und Rock'n'Roll bis zu den ewigen Themen von Verlustangst, Liebe und Verlassensein. Diese "Neukombination", wie es Drescher nennt, hat zu ungeheuren Verfeinerungen geführt, ebenso aber auch zu extremen Gegensätzen - aus dem Bombastrock der Siebzigerjahre wurde Punk, die endlosen Schnörkel von Disco lösten sich im harten 4/4-Takt von Techno auf. Immer aber ließen sich die Spuren zurückverfolgen, lag in der Musik der 60er Jahre der Einfluss des Blues offen zutage, wurde im Popbereich mit Melodien experimentiert, wie sie schon aus Kompositionen Mozarts bekannt waren. Ohne das Erbe der Geschichte wäre für Drescher kein musikalischer Fortschritt denkbar: "Mir fällt da oft der Hoochie Coochie Man ein, von dem Hendrix gesungen hat. Es ist eine Figur, die in der Magie verwurzelt ist, im Voodoo der Karibik und im Mississippi-Delta". Überträgt man diese Erbfolge auf die bildende Kunst, wie es Abetz vorschlägt, dann "liegt der Einstieg zur Malerei in der Steinzeit. Es gibt immer Vorläufer, in den Achtzigerjahren war es dann eben Goya, auf den sich selbst die wilden Maler noch einigen konnten".



Abetz/Drescher: Transistor, 2003
Courtesy Galerie Volker Diehl © Abetz/Drescher

Die Vorläufer sind prägend, weil ihre Bildsprache sich dem kollektiven Unterbewusstsein durch Sammlungen und Museen eingeschrieben hat. Ohne diese kulturellen Speicher wäre der Faden der Kommunikation längst gerissen, müsste man sich stets aufs Neue vergewissern, wie die Perspektiven der Renaissance funktionieren oder welche Bedeutung der Holbeinsche Totentanz hat, der häufig in der Malerei bei Abetz und Drescher in Szene gesetzt wird. Nicht von ungefähr war 1997 eines ihrer ersten gemeinsamen Bilder Identitätsbildung unter medientechnischen Bedingungen betitelt: "Bei uns findet ein permanenter Transport statt, durch die Zeiten und Geschichten. Bei jedem neuen Bild weißt du bereits, dass es in seinen einzelnen Teilen schon vorher existiert. Du selbst musst allerdings herausfinden, wie sich diese Elemente zueinander verhalten, das ist die Aufgabe, vor der du angesichts der weißen Leinwand stehst.

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