In dieser Ausgabe:
>> Der Drifter: Peter Doig
>> Magical Mystery Tour
>> Interview Ilya und Emilia Kabakow
>> Zeitreisen mit Abetz & Drescher

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Der Drifter: Ein Gespräch mit dem britischen Maler Peter Doig über seine aktuelle Ausstellung "Metropolitain" in der Münchner Pinakothek der Moderne

Metropolitain (House of Pictures), 2004 Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin Foto: Jochen Littkemann


In seinen Gemälden treffen melancholische Gestalten und merkwürdig geisterhafte Landschaften aufeinander: Peter Doig ist ein Meister der Atmosphäre, der in seinen Bildern ständig Elemente der Kunstgeschichte mit Impressionen aus dem Hier und Jetzt kombiniert. Harald Fricke hat den britischen Maler bei den Vorbereitungen zu seiner Ausstellung in München getroffen.

Am Morgen vor der Eröffnung seiner großen Einzelausstellung in der Pinakothek der Moderne hat sich Peter Doig in den Münchner Parkanlagen umgesehen. Dabei ist er auf einen Wildbach gestoßen, in dessen Stromschnellen junge Surfer auf ihren Brettern balancierten. Doig war beeindruckt von den Fun-Sportlern, die mitten in der Großstadt ihrer Begeisterung an der Natur nachgehen - und hat prompt eine Serie mit Fotos gemacht.


Peter Doig in der Ausstellung "Metropolitain", München 2004
Foto: Harald Fricke


Vermutlich wird das eine oder andere Motiv demnächst auf einem seiner Gemälde wieder auftauchen. Denn der britische Maler ist mit seinen Bildern von seltsam unwirtlichen Landschaften berühmt geworden, in denen einzelne Individuen ein wenig verloren und in sich gekehrt ausharren. Losgelöst aus der Zeit sind sie melancholische Drifter par excellence, Widergänger vergangener Epochen. Manche der Figuren, so wie sie auch auf den Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank zu sehen sind, erinnern an die Dandys des 19. Jahrhunderts, andere sind nach Bildern von Hippies oder Rockmusikern der späten Sixties geformt. Dabei ist der 1959 in Edinburgh geborene Doig ein Meister der Atmosphäre, der mit minimalem Aufwand ein Gefühl der Kontemplation erzeugen kann, das jeden Moment in die Tristesse der Vereinzelung umzukippen droht. Für diese Herangehensweise ist er oft in die Tradition der Romantik und deren Sehnsucht nach dem Erhaben gestellt worden, obwohl er selbst ganz andere Verbindungen sieht: Am französischen Impressionismus fasziniert ihn die Konzentration auf Licht und Farbe; der Naturalismus dient ihm wegen der präzisen Wiedergabe von Alltagssituationen als Inspirationsquelle; und an Matisse liebt er den Rhythmus der Linienführung und der Konturen, die seine Figuren stets tanzen lassen.

Grand Riviere II, 2002
Sammlung Deutsche Bank


Indem Doig all diese Elemente kombiniert und ihnen dennoch seine eigene, unverwechselbare Handschrift aufprägt, ist er zum Paradebeispiel eines Malers in Folge der Postmoderne geworden, der die Geschichte als materialreichen Fundus für seine Sicht der Wirklichkeit nutzt. Schon 1991 war er für den britischen Whitechapel Award nominiert, es folgten Ausstellungen in der Victoria Miro Gallery und in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts. Spätestens seit seiner Nominierung für den Turner Prize 1994 zählt Doig zu den absoluten Weltstars innerhalb der zeitgenössischen Kunst, auch wenn er anders als seine Kollegen der Young British Artists viel lieber zurückgezogen und im Stillen arbeitet. Aus diesem Grund ist er vor zwei Jahren von London nach Trinidad übergesiedelt, wo er bereits einen Teil seiner Kindheit verbrachte. Offenbar hat das neue Umfeld auch Auswirkungen auf die Rezeption seiner Gemälde: Schon wird er mit einem Aussteiger wie Paul Gauguin verglichen, werden Doigs aktuelle Bilder als Rückkehr zu Idylle und Exotik interpretiert. Dieses Urteil dürfte schnell wieder revidiert sein, sobald die ersten Surfer aus München auf einem der kommenden Gemälde zu sehen sind. Denn bei aller Liebe zu fernen Welten ist Doig immer auch sehr zeitgemäß, eher im HipHop von Heute als im Revival des Fin-de-Siecle beheimatet, wie sich im Gespräch schnell herausstellt.

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