In dieser Ausgabe:
>> Reine Anziehungskraft: Die Gemälde von Elizabeth Peyton
>> Mythos MoMA: Abstrakte Kunst und Kalter Krieg
>> Kunstszene Frankfurt

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Die Macht der Bilder: Abstract Art, das MoMA und der Kalte Krieg


Er war Gegenstand von Karikaturen und ein Streitpunkt in erbitterten Fehden um das Fortschreiten der Moderne: Der Abstrakte Expressionismus gilt heute als erste große Nachkriegsbewegung in der Kunst, mit der die USA zur kulturellen Weltmacht wurden. Dabei lösten die Arbeiten von Robert Motherwell, Willem de Kooning oder Jackson Pollock, die nun in der opulenten Ausstellung Das MoMA in Berlin zu sehen sind, auch im eigenen Land heftige Debatten aus. Waren sie Zeugnisse des kommunistischen Verfalls? Oder spiegelte sich in ihnen die Freiheit der Kunst als Gegenmodell zum Sowjetregime mit seinem sozialistischen Realismus wieder? Am Abstrakten Expressionismus kann man das politische Zeitgeschehen der vierziger und fünfziger Jahre ablesen. Harald Fricke über Patriotismus, Western-Mythen und den Siegeszug von Action-Painting.


Jackson Pollocks "Nummer 1" (1948)
in der Ausstellung "Das MoMA in Berlin",
Neue Nationalgalerie. © Foto: Jens Liebchen


Mitunter ereignen sich im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie, dort wo vor allem die Gemälde der Ausstellung Das MoMA in Berlin zu sehen sind, seltsam vertraute Szenen. Auf dem Weg durch die Abteilung Abstrakte Expressionisten - Field Painting lichtet sich die Menge der Besucher erheblich. Kurz kehrt Ruhe ein auf dem Parcours der 200 Meisterwerke. Ein Dutzend Augenpaare wandern nervös von Helen Frankenthalers zart in rostroten und flaschengrünen Pastelltönen schwingendem Bild Jakobsleiter (1957) zu den gelben und orangen Fetzen auf Clyfford Stills großformatigem Gemälde 1944-N, die blitzartig über die ansonsten fast schwarze Tafel zucken. Hier ist die Welt der Kunst gegenstandslos, ganz Bewegung, eine endlose Spur aus Schimmern, Flimmern, Schweben. Aber reicht der Triumph der freien Fläche aus, um mit den begehrten Picassos, Matisses oder Rousseaus und Chagalls zu konkurrieren, vor denen sich zwei Räume weiter noch die Masse des Publikums schart? Offenbar nicht. Nicht einmal bei Jackson Pollock.

Helen Frankenthaler: Jakobsleiter, 1957

Viele Besucher bleiben nur ein paar Sekunden stehen, um sich irritiert das Gewirr der Linien und Farbinseln anzuschauen, die der legendäre amerikanische Maler unter Titeln wie Fünf Faden tief (1947) oder dem 1948 entstandenen Nummer 1 vereint hat. An manchen Stellen sind Abdrücke seines Handrückens zu erkennen, weil Pollock beim Malen nicht an einer Staffelei stand, sondern die Leinwand im Atelier auf dem Fußboden ausbreitete, um großflächig und mit vollem Körpereinsatz agieren zu können - so wurde das "Action Painting" zum neuen Gestaltungsprinzip moderner Kunst, so wurde Malerei zur Performance des "Unbewussten", wie Pollock es nannte. Die Gemälde waren für ihn das Ergebnis innerer Prozesse, Ausdruck einer Erfahrung von Zeit: "Concentrated, fluid", wie er in einem Statement 1950 schrieb - Landschaften der Psyche.

Jackson Pollock: Gothisch, 1944


Für diese Erkundungen lag der gesamte Fundus der Kunstgeschichte bereit: Die Farben des Fauvismus , die aufgelöste Räumlichkeit des Kubismus, die "spirituelle Organisation" des Dargestellten, wie sie Kandinsky propagiert hatte. Trotzdem finden sich manche Besucher in dieser aufgeladenen und doch höchst eigenen Bildsprache nur schwer zurecht. Ohne den Kopfhörer mit der Audio-Führung abzunehmen wendet sich ein Mann seiner Begleiterin zu und gesteht: "Man sieht gar nicht, was da eigentlich drauf ist". Dann gehen beide wortlos weiter, zur Vitrine mit der feingliedrigen Skulptur Gibraltar, die Alexander Calder 1936 entworfen hat. In solchen Momenten erinnert man sich an das große Unverständnis, das moderne Kunst immer noch auslösen kann.

Ad Reinhardt: Nummer 107, 1950



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