In dieser Ausgabe:
>> Get into the Global Groove!
>> TV Nation
>> Sex, Zen und Videotapes
>> Das TV-Lächeln des Caravaggio

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Sex, Zen und Videotapes:
Nam June Paiks Traum einer menschlicheren Technologie



Mit seinen Fernsehprojekten, Installationen, Performances, Gemeinschaftsarbeiten und der Entwicklung neuer künstlerischer Werkzeuge setzte Nam June Paik Maßstäbe für die Produktion und Wahrnehmung von Videokunst. Auch wenn er vor allem durch diese Arbeiten Weltruhm erlangt hat, wäre Paiks Werk ohne seine intensive Auseinandersetzung mit der europäischen Musik des 20. Jahrhunderts nicht denkbar. Oliver Koerner von Gustorf über Paiks Weg von der E-Musik und Fluxus-Performance bis zu seinen frühen Videoarbeiten, die einen humaneren und kreativen Umgang mit der Technologie fordern.

Magnet TV, Videoinstallation, 1965


Empty Roads

„März 1963. Während ich mich ganz meinen Forschungen zu Video widmete, verlor ich mehr und mehr mein Interesse an der Aktionsmusik. Nach zwölf Aufführungen von Karlheinz Stockhausens Originale fing ich im November 1963 ein neues Leben an. Dieses neue Leben bedeutete für mich, dass ich meine gesamte Bibliothek in ein Lager verfrachtete, und es abschloss. Alles was ich behielt waren meine Bücher zur Fernsehtechnik. Ich beschäftigte mich ausschließlich mit Elektronik. In anderen Worten, ich begab mich zurück zum spartanischen Leben, das ich vor der Hochschule geführt hatte…. Physik und Elektronik.“ Der Bruch mit dem Gewohnten, das Infragestellen von Traditionen, Lehren und Schulen, durchzieht Nam June Paiks gesamte künstlerische Laufbahn.

Zugleich bedeutet dieses Infragestellen bei Paik auch stets eine Aufarbeitung und dient dazu, Erlerntes in neue Zusammenhänge zu transportieren. Paik das Wunderkind, der Video-Terrorist, der Philosoph, der Provokateur, der Medienstar. So unvereinbar diese Rollen auf Anhieb erscheinen mögen, wirken auch die unterschiedlichen Manifestationen, in denen sich seine Arbeit niederschlägt.




Nam June Paik:TV Buddha, 1974 Closed Circuit –
Videoinstallation. ©Stedelijk Museum, Amsterdam

Der steinerne Buddha, der in seiner wohl bekanntesten Arbeit TV Buddha (1974) kontemplativ vor seinem Video-Abbild auf einem gegenüberliegenden Monitor meditiert, steht im Gegensatz zu den aufgeregten Bildern von Performances, in denen Paik sich selbst verletzte, oder der Verhaftung der Cellistin Charlotte Moorman, die Mitte der Sechziger in New York gemeinsam mit dem Künstler nach der Striptease-Aufführung von Paiks Opera Sexotronique festgenommen wird.
Zwischen der reduzierten weißen Linie auf dem Bildschirm eines defekten Fernsehgerätes, das Paik 1963 in einer einfachen Geste um 180 Grad dreht und Zen for TV betitelt, und der gigantischen Opulenz des mit 1.003 Monitoren ausgestatteten Videoturms The More The Better, den er 1988 anlässlich der Olympiade in Seoul installiert, scheinen Welten zu liegen. „Actually I have no principles. I go where the empty roads are”, hat Paik gesagt. In diesem Sinne eint seine Werke nicht nur der verblüffende Pragmatismus, mit dem neue Wege beschritten werden, sondern auch das Bemühen um eine Kunst, die sich außerhalb jeder Doktrin vermittelt, weder auf Worte noch auf Schriften stützt und als unmittelbare Erfahrung der Selbsterkenntnis dient.


The More the Better, 1988
Dreikanal Videoinstallation mit 1003 Monitoren,
Stahlkonstruktion, Höhe: 18 Meter
Installiert zur Feier der Olympischen Spiele

in Seoul, 1988, National Museum of Modern Art,
Seoul, 1988 ©Foto: Yong-woo Lee

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