In dieser Ausgabe:
>> Get into the Global Groove!
>> TV Nation
>> Sex, Zen und Videotapes
>> Das TV-Lächeln des Caravaggio

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TV Garden, 1974 (Version 2002)
Videoinstallation mit Monitoren und Pflanzen
Ausstellungsansicht von „Moving Pictures“, Guggenheim Foundation , New York, 2002

Eine lebendige Fernsehlandschaft, die man gießen oder füttern muss: Fast schien es, als hätte sich in Paiks Arbeiten das elektronische Medium mit natürlichen Erscheinungen unentwirrbar vereint. Bezogen frühere Performances und Aktionen Räume, Zuschauer und zufällige Geräusche mit ein, erweiterte Paik seinen Aktionsraum nun auf die virtuelle Welt des Fernsehens. Dass mediale Bilder den Menschen wie eine zweite Haut umgeben, zeigte er mit seinem Kunstwerk TV Bra for Living Sculpture(1969), das er für seine Muse und Mitstreiterin Charlotte Moorman entwarf. Moorman war eine zentrale Figur der New Yorker Kulturszene der Sechziger und Siebziger, die sowohl mit ihren Performances als auch als Veranstalterin des legendären New York Avant Garde Festivals für internationales Aufsehen sorgte. Mit Paik, dem sie bereits in Deutschland begegnet war, begann nach seinem Umzug 1964 nach New York eine intensive Zusammenarbeit. Als klassisch ausgebildete Musikerin war sie eine faszinierende Persönlichkeit: Ganz gleich ob sie auf dem Trapez Cello spielte oder bei Performances mit Robotern musizierte - stets trug sie ein festliches schulterfreies Konzertkleid und strahlte bei aller Exzentrik eine ungeheure Integrität aus.

Der Skandal, den ihre Verhaftung nach der Nacktaufführung von Paiks Opera Sexotronique 1967 auslösen sollte, lenkte davon ab, dass es bei den Performances mit Paik um mehr ging, als Sex in die heiligen Gefilde der E-Musik einzuführen. TV Bra for Living Sculpture bestand aus zwei winzigen Bildröhren in Plexiglasgehäusen, die mit transparenten Kunststoffträgern am Oberkörper befestigt wurden. Die kleinen Bildschirme auf Moormans Brüsten zeigten laufendes Fernsehprogramm, Kunstvideos oder die von einer Kamera live aufgenommenen Zuschauer. „Indem wir das TV als Büstenhalter benutzen – den intimsten menschlichen Alltagsgegenstand – werden wir den menschlichen Einsatz von Technologie demonstrieren und gleichzeitig die Zuschauer NICHT auf etwas Mittelmäßiges einstimmen, sondern ihre Phantasie anregen, nach neuen, humaneren Wegen zu suchen mit unserer Technologie umzugehen.“, äußerte Paik zu seiner Arbeit.


Zur Zeit der Studentenrevolten, als viele Frauen gerade damit beschäftigt waren, ihre Büstenhalter loszuwerden, muss der drei Kilogramm schwere Video-Büstenhalter geradezu monströs gewirkt haben. Zugleich befreite er die Trägerin demonstrativ von der Macht der Bilder, mit denen das Massenmedium Fernsehen Tag für Tag das Bewusstsein von Millionen von Menschen infiltrierte. Statt im Kopf trug Moorman ihre Medienbilder auf der Brust. In einem Akt hintersinniger Ironie nahm Paik dem Fernsehen seine ätherische Qualität und benutze es respektlos als überaus handfestes Material, mit dem man musizieren, malen, bildhauern oder Möbel designen konnte. Wie bei den Performances der Fluxus- Bewegung spielte die Improvisation für die Entstehung bestimmter Kunstwerke eine wichtige Rolle. So entstand das TV Bed (1972), weil Charlotte Moorman sich nach einer Operation zu schwach fühlte, um aufzutreten. Also entwarf Paik für sie ein Bett aus sechs Fernsehgeräten, die mit dem Bildschirm nach oben zu einem Rechteck zusammengestellt wurden. Bereits 1965 hatte er vorausgesehen, dass „ Künstler eines Tages mit Kondensatoren, Widerständen, und Halbleitern arbeiten werden, wie heute mit Pinseln, Geigen und Müll.“

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