In dieser Ausgabe:
>> Get into the Global Groove!
>> TV Nation
>> Sex, Zen und Videotapes
>> Das TV-Lächeln des Caravaggio

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Anhand seiner Hommage to John Cage entwickelte Paik 1959 erstmals das Konzept seiner Aktionsmusik, bei der Töne und Geräusche den gleichen Stellenwert einnahmen, wie die klassischen Klänge eines Instruments oder Augenblicke der Stille. Während Cage seit den frühen Fünfzigern präparierte Klaviere, Radios, Tonbandgeräte und Plattenspieler als Musikinstrumente einsetzte, sah Paik in diesen Instrumentarien auch Objekte mit visuellen Qualitäten. Seine erste Einzelausstellung Exposition of Music – Electronic Television 1963 in der Wuppertaler Galerie Parnass hatte zwei Themen: Musik und Fernsehen. Hier übertrug der Künstler die Ansätze der Performance auf eine Anordnung verfremdeter Objekte. Das multimediale Environment konnte man unmittelbar in den Galerieräumen erfahren - nicht als passiver Betrachter, sondern als aktiver Mitwirkender.


Random Access, 1963 (zerstört) Installation mit Tonbandstreifen Exposition of Music-Electronic TV
Galerie Parnass Wuppertal
©Foto: Manfred Montwé
Installationsansicht von Expositions of Music – Electronic Television
Galerie Parnass,
Wuppertal 1963
©Foto: Rolf Jährling


Gleich einem Zen- Meister, der seine Schüler mit Stockschlägen und unverständlichem Verhalten in einen Schockzustand versetzt, um das Bewusstsein für neue Erkenntnisse zu öffnen, konfrontierte Paik das Publikum mit einem abgeschlagen Rinderkopf, der an aufgespannten Seilen im Eingang der Galerie hing. Cages Idee der Unbestimmbarkeit ( "Indeterminacy") folgend, bezog die Ausstellung den Besucher als „Musiker“ oder „Komponisten“ mit ein. So ließen sich an einem Motor drehende „Schallplatten–Schaschliks“ mit einem mobilen Tonarm an jeder beliebigen Stelle abspielen, oder die für die Arbeit Random Access kreuz und quer über Wände geklebten Tonbandschnipsel mit einem Tonkopf "abhören" und zu neuen Musikstücken collagieren.

Random Access, (Schallplatten-Schaschlick), 1963 Ausstellungsansicht: Exposition of Music – Electronic TV Galerie Parnass, Wuppertal 1963
©Foto: Rolf Jährling

Random Access, (Schallplatten- Schaschlick), 1963 Ausstellungsansicht: Exposition of Music – Electronic TV Galerie Parnass, Wuppertal 1963
©Foto: Manfred Montwé


Den Klanginstallationen standen Paiks visuelle Experimente gegenüber: An Fernsehgeräte gekoppelte Radios, Mikrophone und Fußschalter lösten bei bestimmten Lautstärkepegeln auf der Mattscheibe Punkteexplosionen aus oder ließen das Bild größer oder kleiner werden. Die Störung und Zweckenfremdung des laufenden Fernsehprogramms, zu der Exposition of Music – Electronic Television aufforderte, stellte einen Meilenstein in der Videokunst dar. Während in der Ausstellung die Grenzen zwischen Hörern und Komponisten aufgehoben wurden, stellten die Eingriffe ins Fernsehen gleichermaßen die Rolle des Senders und des Zuschauers radikal in Frage. Mit seinen formalen Experimenten hatte Paik fast unmerklich einen Prozess in Gang gebracht, der sich nicht mehr aufhalten ließ: Der Entdeckung des Fernsehens als künstlerisches Ausdrucksmittel sollte sich schon bald die Forderung nach einer Demokratisierung des Mediums anschließen, nach einem interaktiven Dialog, der Menschen tatsächlich verbinden sollte, anstatt sie einseitig mit einem Overload elektronischer Bilder zu überfluten.


Video Fish, 1975 (Version von 1977)
Dreikanal Videoinstallation mit Monitoren, Aquarien, Wasser und lebenden Fischen , Installationsansicht documenta 6, Kassel, 1977
©Foto: Friedrich Rosestiel

Auf dem Weg zu einer humaneren Technik

Immer wieder evozierte Paiks Kunst in den Sechzigern und Siebzigern elektronische Medien als eine “zweite” Natur des Menschen, in einer Art und Weise, die sich deutlich von der gängigen Sichtweise auf das Fernsehen als starres, monolithisches Medium unterschied. Häufig kombinierten diese Video-Environments Video und Fernsehen mit natürlichen und organischen Formen. So strahlten in der künstlichen Landschaft von TV Garden (1974) die flimmernden Bildschirme verstreuter Fernsehgeräte wie exotische Blumen zwischen Topfpflanzen auf. Für Video Fish (1975) installierte Paik Aquarien vor einer Reihe von Monitoren. Kleine Fische flitzten im Wasser vor den verfremdeten Aufnahmen von Merce Cunninghams Tanzperformances hin und her, oder wirkten wie Miniaturausgaben der riesigen Fische, die die Bildschirme im Hintergrund ausfüllten.


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