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"Blackbox individueller Möglichkeiten": Pressereaktionen auf Miwa Yanagis Ausstellung im Deutsche Guggenheim in Berlin


Sieht so die Zukunft der japanischen Frau aus? In den Arbeiten von Miwa Yanagi fahren Großmütter auf Motorrädern durch Wüsten oder amüsieren sich mit jungen Liebhabern. Doch schnell erkennt man, dass diese Lebensentwürfe für die Fototafeln der 1967 in Kobe geborenen Künstlerin synthetisch am Computer generiert wurden. Seit ihrer Serie Elevator Girls, die zwischen 1993 und 1999 entstanden ist, beschäftigt sich Yanagi mit dem Rollenbild von Frauen in Japan. Die hochglänzenden Fotografien sind in der bislang ersten umfangreichen deutschen Präsentation von Yanagi noch bis zum 28. März im Deutsche Guggenheim in Berlin zu sehen.

Dass das Thema auch in ihrer Heimat großen Anklang findet, davon zeugt ein Portät der japanischen Kunstzeitschrift ARTiT, in der Yanagi vor allem für ihre "Obsessivität im Umgang mit Details" gewürdigt wird. Doch diese lustvolle Betonung von Oberflächen ist für Boris Hohmeyer im Art -Kunstmagazin mehr als ein Maskenspiel: "Yanagis Aufnahmen sind ebenso perfekt gestylt wie die allgegenwärtigen Werbefotos, die junge Mädchen zu den Uniform-Zwängen der Markenkleidung verführen sollen. Aber sie propagieren statt dessen Selbstvertrauen, Individualismus und einen wachen Geist". Ähnlich sieht es Frank Kallensee von der Märkischen Allgemeinen Zeitung, der Yanagi attestiert, ihre "Botschaft" könnte "gefühlsechter nicht sein: Es handelt sich um ein Plädoyer für Mündigkeit, Individualismus und intellektuelle Beweglichkeit".

Dagegen ist Alexander Kluy in seiner Rezension für die Frankfurter Rundschau vor allem von der Architektur fasziniert, die Yanagi mit Hilfe des Computers erschafft und die dabei oft an Theaterbühnen erinnert. Für Kluy ist die von Yanagi kreierte Welt "ein statuarischer Zwischen-Raum, in dem sich alle Ängste und Krisen neuzeitlicher Zivilisation wie gefroren einfinden". Zugleich würden in all diesen puppenhaften Szenen immer auch "Dämonen und Abgründe" lauern. Deshalb schreibt Boris von Brauchitsch in der Antiquitäten Zeitung , dass die Spannung der Show auf dem Widerspruch "zwischen Utopie und Wirklichkeit, zwischen Zukunftsvision und alptraumhafter Gegenwart" beruht.

Obwohl gerade die Images der starken, älteren Frauen von der Kritik mit einiger Begeisterung aufgenommen worden sind, weiß doch Carmen Böker in ihrer Besprechung der Ausstellung für die Berliner Zeitung , dass Yanagis Werk "eine Flucht vor den Werten ihrer Heimat" darstellt, dessen Perfektionismus wiederum "wie ein Zitat klassischer, den Herausforderungen des Materials hingegebener, japanischer Handwerkskunst" erscheint. Für Christiane Meixner von der Berliner Morgenpost ist Yanagis fotografisch inszenierte Bildwelt, die zur Berliner Ausstellung auf 21 Arbeiten in einem sonst völlig schwarzen Raum ausgebreitet sind, jedenfalls "eine Blackbox individueller Möglichkeiten".

Miwa Yanagi, bis 28.3., Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, Berlin. Tägl. 11-20 Uhr, Do 11-22 Uhr.